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Generator Podcast "Make Techno Black Again" - müssen wir den Dancefloor dekolonialisieren?

Techno entstand ursprünglich in Detroit und wurde erst im Nachwende-Berlin weltweit bekannt. Der Diskurs über Technos afro-amerikanisches Erbe ist wiederentflammt – und er bietet eine willkommene Gelegenheit, den Ist-Zustand unserer Clubwelt zu reflektieren. Decolonize the dancefloor – was könnte das bedeuten?

Von: Florian Fricke

Stand: 14.01.2022

Das Leben ist wie ein Buch, und um seine Ziele im Leben zu verfolgen, muss man immer weiter umblättern. Das ist das Motto von Charles Johnson, besser bekannt unter seinem Künstlernamen The Electrifying Mojo. In den 80er und 90er Jahren war er der bestimmende Radiomoderator im Großraum Detroit, hier lernten die Techno-Pioniere ihre Einflüsse kennen, vom frühen Prince bis Kraftwerk.

Techno hat seinen Ursprung in Detroit

"Mann, er hat wahre Klangwelten gebaut und dabei immer die Menschen mit einbezogen", beschreibt Deforrest Brown Jr. die Musik von Johnson. Brown Jr. stammt aus Alabama, dem verarmten Süden der USA, wo sich seit den Zeiten von Martin Luther King wenig getan hat. Er ist Produzent, Medientheoretiker und Publizist. "Es konnte auch passieren, dass Johnson während der Show mit dem Auto durch die Stadt fuhr und zufällige Gespräche führte. Das ist Techno, diese gemeinsamen Erzählungen über Klangbilder. Genauso funktionierte auch der Blues. Als Techno zu Tanzmusik formatiert wurde, ging dieser erzählerische Aspekt verloren."

Es ist eine sehr präzise Geschichtsstunde und Beweisführung, warum der Ur-Techno aus Detroit so klingt, wie er klingt, berichtet Deforrest. In ihm lässt sich die gesamte afro-amerikanische Musikgeschichte ablesen, vom Trauma der Verschleppung und Sklaverei bis zu den afro-futuristischen Visionen, die eng mit der schwarzen Geschichte der Stadt verknüpft sind. Deforrest Brown Jr. hat ein Buch geschrieben: "Assembling A Black Counter Culture", über die Gründung einer schwarzen Gegenkultur. Gegen die Vereinnahmung des Techno durch die weiße, westliche Kultur. Das Buch ist seit Dezember überall erhältlich. Das komplette Porträt von Deforrest Brown Jr. gibt es hier.

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Wie Techno aus Detroit Berlin erobert hat (Vintage 2018) | Arte TRACKS | Bild: Arte TRACKS (via YouTube)

Wie Techno aus Detroit Berlin erobert hat (Vintage 2018) | Arte TRACKS

"Es wird komplett ausgespart, wie kurvenreich die Geschichte ist"

Sprung nach Düsseldorf. In der Elektro-Ausstellung "Dance of Urgency" werden die amerikanischen und europäischen Entstehungslinien von Techno gleichberechtigt gezeigt. Der französische Musikjournalist Jean-Yves Leloup hat sie kuratiert. Im Interview erzählt er: "Es ist schon komisch, weil Techno bei den afro-amerikanischen Jugendlichen nie wirklich angesagt war. Die Pioniere damals waren natürlich von Schwarzer Musik wie Funk und Soul beeinflusst, aber genauso von europäischer Musik wie Kraftwerk, Depeche Mode, New Order, Italo-Disco – dieser Synth-Pop hatte für sie einen gewissen exotischen Reiz. Und dieser Synth-Pop war wiederum von afro-amerikanischer Musik zwei, drei Jahrzehnte zuvor beeinflusst."

So ähnlich sieht es auch Marc Hollander, Gründer des belgischen Labels Crammed Discs. Seit über 40 Jahren veröffentlicht er Musik aus aller Welt, Techno-Produzenten aus Detroit genauso wie afrikanische Tanzbands mit traditionellen Instrumenten. Er sagt: "Es gibt keine eindeutige Geschichte. In Afrika wurden die Ethnien von den europäischen Kolonisatoren in Stämme klassifiziert. Die einen heißen so und sprechen diese Sprache, die anderen so. Es wird komplett ausgespart, wie kurvenreich Geschichte eigentlich verläuft. Menschen migrieren, sie wechseln ihre Religion oder ihren Beruf. Sie wird nicht rein über die Vorfahren bestimmt."

Befreiungsmusik wurde eine globale Kommerzmaschine

Zurück zu Deforrest Brown Jr. Als Techno aus Detroit auf den Tanzflächen der neuen, wiedervereinigten Mitte Berlins aufschlägt, wirkt die Musik wie eine Befreiung. Der Autor glaubt jedoch, dass dies eine Befreiung aus den falschen Motiven war. Die hippieske Naivität nimmt er der jungen Bewegung nicht ab.

Für Brown Jr. steht fest: Aus der afro-futuristischen Befreiungsmusik wurde eine globale Kommerzmaschine, die im momentanen Siegeszug von EDM ihren vorläufigen perversen Höhepunkt findet. Und alles davor war nur die Vorstufe mit den Ravern als nützliche Idioten eines neuen Ausverkaufs. "Die Party ist die Falle", so Brown Jr. "Sie war immer orchestriert." Die Szene sollte in diesen Zeiten des Umbruchs über diesen schweren Vorwurf nachdenken. Denn wann sonst, wenn nicht jetzt.

In diesem Generator kommen zu Wort: Autor Deforrest Brown Jr. („Assembling for a Black Counter Culture“), Künstler Bogomir Doringer (Dance of Urgency), DJ und Veranstalter Lerato Khati und Baile Funk-Botschafter Daniel Haaksman.

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