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Modekolumne Wie es Horrorfilme in den Mainstream geschafft haben

Der Horror ist wieder da. Als kollektive Verhaltenstherapie. Die große Renaissance verdanken wir dem afro-amerikanischen Regisseur Jordan Peel. Sein neues Werk „Us“ ist schon wieder ein Hit – und zwingt uns alle auf die Couch.

Von: Maria Fedorova

Stand: 29.03.2019

Wir - Szene aus dem Film | Bild: Universal Pictures

Es war einmal eine Familie, Mutter und Vater und zwei Kinder, und sie liebten einander. Sie verbrachten ihre Sommerferien in einem traumhaften Ferienhaus nahe der kalifornischen Strände von Santa Cruz. Doch ihr friedliches Dasein wurde auf grauenhafte Weise beendet, als eine Gruppe böser Doppelgänger in das Haus einbrach – mit der Absicht, sie alle abzuschlachten.

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Us - Official Trailer [HD] | Bild: Universal Pictures (via YouTube)

Us - Official Trailer [HD]

Ein klassischer Home-Invasion-Plot steht also im Zentrum des erfolgreichsten Horrormärchens des Jahres. Doch „Wir“ von Jordan Peele ist viel mehr als purer Grusel: Die Story ist komplex und oft irre witzig, eine bissige Satire über Ängste und Vorurteile der amerikanischen Klassengesellschaft. Der Film bricht derzeit zurecht alle Kassenrekorde. Kurzum: Ein cineastisches Meisterstück.

Der Horror hat die Trash-Ecke längst verlassen

Eingeweide und Fleischfetzen, lebende Tote und tötende Freaks haben längst ihre Independent-Schmuddelecken verlassen. Schon in den 90er-Jahren wurden sie zum Teil des Mainstreams. Jetzt haben Horror-Blockbuster wieder Hochkonjunktur. Stephen Kings Remake von „It“ hat in Kinos 700 Millionen Dollar eingespielt. Und das Franchise von „Conjuring – die Heimsuchung“ wächst so schnell, wie das Marvel-Universum. Nur: statt Superhelden gibt es hier Killerpuppen und Gruselnonnen. Im Schatten des Mainstreamings reifte auch eine neue Avantgarde heran, siehe Jordan Peele. Schon mit seinem Debüt „Get out“ hat er Horror wieder dorthin gebracht, wo er bis jetzt nur spärlich vertreten war: zu den Oscar-Preisverleihungen. Der Schocker über den Alltagsrassismus in den USA wurde 2018 vier Mal nominiert und für das beste Drehbuch ausgezeichnet. Doch dies ist kein One-Man-Wunder: Die Liste der arty Festival-Filme, die das Genre neue beleben, wäre unvollständig ohne das Zombie-ähnliche „It follows“ von David Robert Mitchell oder Ari Asters „Hereditary“ aus dem letzten Jahr.

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Hereditary | Official Trailer HD | A24 | Bild: A24 (via YouTube)

Hereditary | Official Trailer HD | A24

Kollektive Verhaltenstherapie

Das Tor zur Hölle wird jetzt auf den Leinwänden breiter geöffnet, und das ist auch gut so. Horror – der schon immer politischer war als viele geglaubt haben – war immer auch eine Art Verhaltenstherapie für unsere Gesellschaft. Nach dem Motto: Wer Heilung will, muss seinen Dämonen gegenübertreten. Und als erfahrene Therapeutinnen sagen uns diese Filme: Es gibt kein Versteck in idyllischen Wäldern, wo man endlich mal Frieden mit der Natur schließen kann. In heruntergewirtschafteten Blocks von Detroit werden dich Zombies – oder waren das besorgte Bürger? – auf jeden Fall finden. Auch ein noch so konformistisches Zuhause ist kein Safe Space. Egal wie groß die Angst vor bösen Fremden ist, das Schlachtfeld Nummer eins ist der vermeintlich sichere Hafen der Familie. Manche bürgerlichen Wohnzimmer sind befremdlicher als Waldhütten. Diese grimmige Gesellschaftskritik wird jetzt wieder gebraucht – in einer zeitgemäßen Version.

Hommage an alte Klassiker

Die heutigen Regisseure haben gut von den Klassikern gelernt. Oft sind aktuelle Filme mit Easter Eggs, also versteckten Anspielungen gespickt, die auf alte Horror-Schinken verweisen. Auf dieser Basis entstand aber etwas Neues: Geschichten, die Politik viel direkter und humorvoller ansprechen und ästhetische Klischees vermeiden. Frauen spielen jetzt nicht nur „final girls“, sondern auch grimmige widersprüchliche Heldinnen. Und Vampirismus wird im Jahr 2019 zu einer guten Metapher für Rassismus – so saugen weiße Privilegierte Lebensenergie aus People of Colour. Die Message an die aufgeklärte Welt: wir brauchen dringend Horror-Filme. Sich zu gruseln ist die angemessenste Reaktion auf die Lage der Nationen.


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