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Männerbild Eleganz, Anmut, Ordnung - das Comeback des Gentleman

Als wäre er direkt einem der vielen Barber Shops entstiegen: Der Gentleman ist wieder da! Was hat das zu bedeuten, dass sich im Jahr 2018 Männer weltweit mit einem Fläschchen Vintage-Männlichkeits-Elixier beträufeln?

Von: Elisabeth Veh

Stand: 28.09.2018

Richard Biedul, Model | Bild: picture-alliance/dpa/Arne Immanuel Bänsch

Es gibt nämlich in der Welt der Youtube-Tutorials neben den üblichen Schminkvideos auch eine ganze Reihe an männlichen Themenwelten: Da werden Hochleistungsstaubsauger getestet und erklärt, wie Mann auf der Tanzfläche nicht mehr wie ein Idiot wirkt. So weit, so notwendig. Es gibt aber auch Typen, die Rasiermesser unboxen, und zwar einige. Die sind in einer ganz anderen Liga unterwegs. Sie sind Teil einer neuen Bewegung: Dem Gentleman-Movement! Einer Bewegung voller Eleganz, Anmut und: Ordnung.

Der moderne Gentleman trinkt edle, bisweilen exotische Gin-Sorten, trägt gute, stets saubere Schuhe und ist ganz generell ausnehmend gut gekleidet. Er hängt viel in Barber Shops rum, die es ja praktischerweise inzwischen in jedem Kaff gibt, um sich den Bart trimmen oder die Backen ölen zu lassen. Und er hat diesen Vintage-Fimmel, mag Materialien wie Cord, Wolle und Tweed, die seinem smarten Style einen Hauch von Bodenständigkeit verleihen. Es heißt ja schließlich GentleMAN, und ein echter MANN will halt nicht sofort in den Verdacht geraten, GAY zu sein. Opa war das ja auch nicht. Wobei der Opa, auf den sich der moderne Gentleman bezieht, eben auch kein Kohlekumpel und auch kein NSDAP-Mitglied war.

Britischer Landadel

Der Gentleman ist ursprünglich ein englisches Geschöpf, ein Mann der eine sozial herausgehobene Stellung innehatte - meistens durch Geburt - denn körperliche Arbeit, um den Lebensunterhalt zu bestreiten, die sollte man dem Gentleman bitteschön nicht ansehen. Ein Gentleman stand vielmehr für Bildung, Reflexion, hohe ethisch-moralische Grundauffassungen und perfekt manikürte Hände. Dann passierte lange: Nichts. Bis „Mad Man“ Don Draper kam: Gepflegter Anzug, gepflegte Drinks, voller Understatement, Sehnsuchtsobjekt aller, die Männer lieben, die Ansagen machen.

Ein Fläschchen Vintage-Männlichkeits-Elixier

Nicht nur in den Großstädten sprießen Barber Shops wie Pilze aus dem Boden

Was hat das zu bedeuten, dass sich im Jahr 2018 Männer weltweit mit einem Fläschchen von diesem Vintage-Männlichkeits-Elixier beträufeln, das mit Muckibude und Motoröl so gar nichts zu tun hat. Ist die Welt so kompliziert geworden, so Gender, so Frau, so über-Probleme-reden, dass sich Männer in der Not eine politisch korrekte Nische für ihr Mann-Sein geschaffen haben? Oder waren es die Hipster, die mit dem Flohmarkt, mit dem Used- und Shabby-Look und diesen eigenartigen Mathe-Nerd-Accessoires schlicht den Bogen überspannt haben, so dass sich manche Menschen inzwischen verzehren, nach einem kleinen bisschen Eleganz? Oder ist auch dieses Phänomen am Ende nur: ein neues Geschenk vom alten Kumpel Kapitalismus?

Klar ist nämlich bisher nur, dass der Gentleman eine echte Verkaufsmaschine ist. Er erschließt der Kosmetikindustrie eine völlig neue Welt - im Kulturbeutel des Mannes - und promotet nebenbei Barber Shops und Gin-Distillerien auf der ganzen Welt. Es gibt sogar eine Cola-Sorte, die im Apothekerfläschchen daherkommt und dem Gentleman angeblich besonders gut schmeckt.

Der Gentleman - eine echte Verkaufsmaschine

Habe sie trotzdem getrunken. Auf euch, Männer! Auf dass Euch hoffentlich NICHT derselbe Ausverkauf droht wie uns Frauen, mit genderspezifischer oder objektifizierender Werbung. Wobei: Der Gentleman hat in Anzeigen zumindest was an. Und meistens auch noch ‘nen Drink in der Hand.


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