Bayern 2 - Zündfunk


9

"Róisín Machine" Mit ihrem neuen Album läuft Dance-Maschine Róisín Murphy heiß - ohne Clubs und trotz Corona

Sie 25 Jahren ist sie eine der Stimmen der internationalen Dance-Szene. Erst im Trip-Hop, dann in Disco und House arbeitete Róisín Murphy mit vielen prägenden Produzenten. Längst ist die Irin eine Stil-Ikone und die “Queen of Glam”. Mit ihrem neuen Album "Roisin Machine" ist ihr jetzt ihr größter Erfolg in den deutschen Album-Charts gelungen.

Von: Ralf Summer

Stand: 12.10.2020

Es war die Zeit des TripHop-Overkills: Massive Attack, Portishead, Tricky. Mitte der 90er kam jeden Monat ein neues Studio-Projekt mit Sängerin, die jazzy zu den Instrumental-Beats eines Studio-Nerds ins Mikrofon hauchte. Auch Moloko – benannt nach dem Drink im Film-Klassiker "A Clockwork Orange" - zählten zum TripHop. Und Róisín Murphy war ihre Sängerin. Der Erfolg für Moloko kam Ende der 90er, aber da war Trip Hop längst durch. "The Time Is Now" oder "Sing It Back", ihre bekanntesten Nummern, standen mit beiden Beinen im Club. "Sing It Back" im Remix des Hamburger DJs Boris Dlugosch zählt heute zu den Klassikern des Vokal-House. Róisín Murphy, die als Kind mit ihren Eltern von Irland nach England zog, war schon früh Fan von Club-Musik: Und bewunderte die ausgefallene Mode von Vivienne Westwood. Nach der Trennung von Moloko-Beatbastler Mark Brydon löste sich auch das Duo auf - doch solo öffneten sich noch mehr Türen für Róisín.

YouTube-Vorschau - es werden keine Daten von YouTube geladen.

Róisín Murphy - Simulation (Official Audio) | Bild: Róisín Murphy (via YouTube)

Róisín Murphy - Simulation (Official Audio)

"Meine Geschichte ist noch nicht erzählt, aber ich bau mir mein eigenes Happy End", spricht Róisin Murphy am Anfang ihrer neuen Platte. Mit dem Stück "Stimulation" beginnt die "Róisín Machine". Es ist ein Lied, das sie vor Jahren schon als Maxi für das Münchner Club-Label Permanent Vacation aufgenommen hat, einer der ersten Songs mit ihrem neuen Produzenten Richard Barratt. Ihr fünftes Solo-Album ist eine Reise zurück in die Zeit, als sie in Sheffield noch zum Tanzen in die Clubs ging - und Barratt erst kennenlernte. Der nannte sich damals Sweet Exorcist und veröffentlichte auf dem noch jungen Elektronik-Label der Stadt: Warp Records, das später zu einem der wichtigsten Indie-Labels überhaupt wurde. Barrett kannte auch die Musiker der ebenfalls aus Sheffield stammenden Band Pulp unnd ließ Róisín einen Pulp-Song remixen ("Sorted for E's and Wizz"). Kleine Welt. Heute nennt er sein Projekt Crooked Man. Und er ist Róisíns Producer.

Ein Album wie ein DJ-Mix - mit ineinander laufenden Stücken

"Róisin Machine" ist ihr erstes gemeinsames Album. Alle Entscheidungen aber liegen in Róisíns Hand: "Ich bin für alles selbst verantwortlich: die Texte, die Visuals, das Artwork, den Look. Inzwischen drehe ich sogar meine Videos selbst. Wie die Live-Shows aussehen soll, all das sind meine Ideen. Ich bin die 'Maschine'. Aber eine sehr sanfte." Am meisten merkt man den Einfluss von Crooked Man und seinem deepen House-Sound bei Bass-getriebenen Nummern wie "We Got Together" oder "Narcissus" mit seinen verführerischen Disco-Streichern. Das Album ist angelegt wie ein DJ-Mix mit ineinander laufenden Stücken. "Wie könnt ihr es wagen, mich zu einem Leben ohne Tanzen zu verurteilen?", singt und klagt sie in "Shellfish Mademoiselle". Für eine Tänzerin wie Róisín Murphy ist der Lockdown eine Strafe. Und auch das Einmotten der schillernden Bühnen-Garderobe. Zur Promo der Platte hat sie auf Social Media ihre Kostüme wieder rausgeholt und zum Teil zu den Instrumental-Versionen vor der Kamera gesungen.

YouTube-Vorschau - es werden keine Daten von YouTube geladen.

Róisín Murphy - Sing it Back (Live @ Home) | Bild: Róisín Murphy (via YouTube)

Róisín Murphy - Sing it Back (Live @ Home)

Die Maschine läuft heiß - auch ohne DJ-Unterstützung und trotz Covid

Wie hat es der leider zu früh verstorbene britische Kulturtheoretiker Mark Fisher beschrieben: "Róisín Murphy ist die glamouröse Pop-Prinzessin im Exil. Sie verkörpert ein Konfekt aus Disco und Kunst, aus Sinnlichkeit und Intelligenz, aus üppiger Oberflächlichkeit und existentieller Angst. Das war einst unvermeidlich, heute ist es nahezu unmöglich geworden." Der Song "Kingdom of Ends" ist Mark Fisher gewidmet. Kultur-Theorie, Glam und Erfolg: bei Róisin geht es zusammen. Mit Platz 24 ist "Róisin Machine" ihr bisher größter Erfolg in den deutschen Album Charts. Die Maschine läuft heiß. Auch ohne DJ-Unterstützung, trotz Covid und geschlossener Clubs, macht die Künstlerin klar: "Das Tanzen wird nicht aufhören. Die Leute werden Alternativen finden: In kleineren Gruppen tanzen oder im Freien. Ich gehe in den Park zum Tanzen – mit Musik auf dem Kopfhörer. Es klingt vielleicht nach einem Klischee, aber ich muss mich zu Musik bewegen. Das macht meinen Kopf frei. Nein, die Leute werden das Tanzen nicht vergessen und es niemals verlernen."


9