Bayern 2 - Zündfunk


9

"Man-Made" Greentea Peng passt auf eine Playlist zwischen ihre Vorbilder Lauryn Hill und Ms. Dynamite

Für ihr Debüt hat die Londoner Sängerin Aria Wells aka Greentea Peng gleich einen Deal bei einem Major-Label bekommen. Und damit hat sie erstmal an der Frequenz ihrer Musik geschraubt: Anstatt den üblichen 440Hz, läuft "Man Made" auf 432Hz. Musik soll so weniger nervend klingen und sich angeblich positiv auf das körperliche Wohlbefinden auswirken.

Von: Ralf Summer

Stand: 07.06.2021

"Dreh auf, mach Krach, mach es laut", singt Greentea Peng im ersten Lied ihrer ersten Platte. In "Make Noise" schreit sie aber nicht, das macht sie in keiner Sekunde ihrer 100 Minuten langen Platte. Sie ruft vielmehr ihren toten Vater im Himmel an, und dazu die Götter Krishna und Jah. Auf dass sie helfen mögen, hier unten, das ewige "Babylon" zu beseitigen. Spätestens seit Bob Marley meint ja "Babylon" das westlich-kapitalistische System, das die Welt unterdrückt, einen Teil der Menschen in moderner Sklaverei hält und den Planeten plündert.

Musik voller Anti-Kapitalismus und Pro-Marihuana-Botschaften

Der dritte Track auf der Platte: "Free My People". Der kann uns von den Öffentlich-Rechtlichen nicht so ganz behagen, denn darin fordert Greentea Peng die Abschaffung des Fernsehens, das sie an anderer Stelle "tell-lie-vision" nennt und für sie eine Form von Hypnose ist. Anderseits setzt sie sich darin für die Freilassung aller Gefangenen ein, die wegen Besitz von Marihuana eingesperrt sind. Greentea weiß wovon sie singt: Sie hat reichlich Erfahrungen mit Drogen gemacht. Und zwar schon als Teenager in London. Jahrelang war sie Xanax-abhängig, das Medikament gegen Angst- und Panikstörungen. Um davon loszukommen, ist sie immer nach Mittel- und Südamerika gereist

YouTube-Vorschau - es werden keine Daten von YouTube geladen.

Greentea Peng - Free My People (Official Video) ft. Simmy, Kid Cruise | Bild: GreenteaPengVEVO (via YouTube)

Greentea Peng - Free My People (Official Video) ft. Simmy, Kid Cruise

Auch Jamaika hat ihr Weltbild geformt. Ein Track heisst "Satta". Im karibischen Patois bedeutet das "relaxen". Der Besuch beim alljährlichen Nottinghill Carnival in London war für sie eine prägende Erfahrung. Ihr Vater nahm sie immer mit zum Umzug der karibischen Einwanderer im Sommer. Wenn er, ein Schauspieler, ihr mal gerade nicht klassische Musik oder das Theater nahe brachte. Den Namen Greentea Peng hat sie von einer ihrer Lieblingsteesorten. Es gab eine Packung in Peru, die ihr sehr schmeckte und die "Green Tea Seng" hiess. Und die Frau, die auf der Packung abgebildet war, sah "toll" , im Londoner Slang "peng", aus. Seitdem heißt ihre Band "Seng Seng Family".

Sie hadert mit dem Popstar-Sein und findet Social Media eitel

Greentea Peng ist eine Reisende. Sie lebte einige Zeit mit ihrem Freund in Mexiko, arbeitete in einem Yoga Retreat und spielte dort in Beach-Bands. In "Nah It Ain´t The Same", das am Ende in einen Drum'n'Bass-Rhythmus beschleunigt, singt sie auch von "Maya", dem Volk und seiner berühmten, sehr früh entwickelten Kultur. Sie berichtet auch, dass sie an Magie glaubt, weil sie sie schon erfahren habe. Zwischen all dem Hokuspokus finden sich immer wieder Bilder aus Reggae und Soul – oder dem Alten Testament. Sie benutzt Begriffe wie "brothers", "sisters" oder "my people", singt, wie wir "getäuscht und desillusioniert" werden und wie uns “die Seele genommen wird”. Kein Wunder, dass sie Social Media eitel findet (Zeitverschwendung halt) und mit dem Popstar-Sein hadert. Sie hat zwar einen Facebook-Kanal, aber postet fast nie.

YouTube-Vorschau - es werden keine Daten von YouTube geladen.

Greentea Peng - Nah It Ain't The Same (Official Video) | Bild: GreenteaPengVEVO (via YouTube)

Greentea Peng - Nah It Ain't The Same (Official Video)

Ihren Sound nennt sie "psychedelischen RnB". Aber auch optisch fällt sie sofort auf. Mit ihren vielen Tattoos, ihren Piercings und ihrem Schmuck. Schon wird sie als eine neue "Ethno-Version von Neneh Cherry" gehandelt, als Sängerin, die auf eine Playlist zwischen ihre Vorbilder Lauryn Hill und Ms. Dynamite passt. Nach 13 Singles in den letzten drei Jahren kommt nun also das Debüt "Man-Made", das angenehmerweise ohne großen Hit auskommt und mit 18 Liedern richtig lang ausfällt. Man hat das Gefühl, dass hier jemand mit Mitte/Ende 20 schon vieles gesehen und dafür eine universelle Sprache gefunden hat. Greentea Pengs Musik hat "gut gezogen" und wird hoffentlich demnächst überall serviert werden. Nach den vielen Kaffee-Bezügen im Pop nun endlich mal "einen im Tee". Man muss nicht im Teesatz lesen können, um Greentea Peng eine große Zukunft vorauszusagen. Smells Like Tea Spirit!


9