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Album der Woche: "Pieces of a Man" Mick Jenkins zeigt, warum Hip-Hop relevant bleibt

In 17 Scherben setzt der Rapper aus Chicago seine eigene Identität zusammen. Das neue Album "Pieces of a Man" ist sanft, lyrisch und respektvoll. Keine Gewalt, keine Wut... Selbst #MeToo wird hier behandelt.

Von: Ralf Summer

Stand: 05.11.2018

Gleich im ersten Stück, in „Heron Flows“ klingt es schon an: Mick Jenkins verbeugt sich vor Gil Scott-Heron, dem vor 7 Jahren verstorbenen afro-amerikanischen Soul- und Jazz-Poeten, der wie er in Chicago geboren wurde. Aber Jenkins macht daraus den Jazz und den Soul von heute: Und das ist – natürlich – HipHop.

Mick Jenkins früher

Schon der Albumtitel „Pieces of a Man“ ist eine Verbeugung vor Gil Scott-Heron. So hieß auch dessen zweites Album im Jahr 1971. „Pieces of a Man“, damit hier sind die Scherben gemeint: die „Scherben eines Mannes“. Auf dem Cover des Albums sieht man einen afroamerikanischen Mann, der in einen zerbrochenen Spiegel blickt, genauer in die zerbrochenen Splitter seiner Identität, die am Boden liegen. Und die er neu zusammensetzen muss.

Bereits in der Schule hat Mick Jenkins damit begonnen Gedichte zu schreiben, er ging aufs College in Chicago. Aber als sein Vater arbeitslos wurde, konnte sich die Familie Jenkins nicht mehr die Studiengebühren für ihren Sohn leisten. Mick wurde mit Marihuana am Steuer erwischt, konnte die Geldstrafe nicht zahlen und landete einen Monat im Knast. Mick war im Rap-Game angekommen. Es machte "Klick" bei ihm. Aber das war keine Knarre, sondern Gott.

#MeToo-Rap

Heute ist Mick Jenkins der seltene Fall eines gläubigen Christen im US-HipHop. Und auch in anderen Bereichen zeigt er sich als tugendhafter Rapper. In „Consensual Seduction“ singt er gemeinsam mit der englischen Musikerin Corinne Bailey Rae über einvernehmlichen Sex. Da heißt es ganz höflich – „du musst mir sagen, was du willst“ - sie antwortet: „wenn wir in der richtigen Stimmung sind, sage ich es laut.“ MeToo-Rap, ganz easy bei Mick Jenkins.

Ungewöhnlich auch das Video zum Track „Understood“: Im Clip sieht man afroamerikanische Väter, die sich mit ihren Kindern beschäftigen. Also kein Ghetto-Style – Mutter kümmert sich um die Kids, Vater tut alles daran, nicht vorhanden zu sein – nein, hier sehen wir andere Role Models: Daddys, die ihren Söhnen zeigen, wie man Auto wäscht – oder sie herzen sich einfach. Peace, Love & Obama-Swag.

Guter Rap fernab von Klischees

Mick Jenkins hat eine Schwäche für kleine, kurze Melodiebögen, über die man nicht nur rappen, sondern auch singen kann. Wie in „Understood“ - dem Hit mit Hawaii-Gitarre und der Hinhörer der Platte. Nach hinten raus steigern sich die Stücke noch weiter. Je souliger, je jazziger die Beats werden, desto besser passt es für Jenkins. Ein weiterer Höhepunkt ist der Abschluss "Smoking Song" , der von den kanadischen Super-Instrumental-Lieferanten BadBadNotGood kommt.

Ohne jeden Hass, ohne jede Wut, ohne jede Arroganz – nach 17 Liedern endet  „Pieces of a Man“. Wir haben 17 Pieces, 17 Teilchen gehört, die in der Summe Mick Jenkins ergeben – ein Album der Woche fernab der Rap-Klischees. Leider ist es bisher nur digital erschienen. Aber wir lernen mal wieder: man kommt am HipHop und seinen unendlich vielen Talenten nicht vorbei. Es ist heute das größte und einflussreichste Genre der Popmusik. Bei Künstlern wie Mick Jenkins möchte man sagen: „und das ist gut so“.


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