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#IchBinKeinVirus Menschen wehren sich gegen rassistische Äußerungen im Zuge des Corona-Virus

Der Rassismus der asiatisch aussehenden Menschen seit Ausbruch des Corona-Virus begegnet, ist ansteckender, als der Erreger selbst: Immer mehr Menschen setzen sich weg oder ziehen sich angeekelt den Schal über das Gesicht. Das nervt, denn: Was haben die Betroffenen denn mit dem Virus zu tun? Wir haben mit einigen gesprochen.

Von: Lena Sauerer

Stand: 04.02.2020 16:27 Uhr

Lin Hierse | Bild: Andreia Bickenbach

Lin Hierse: Ich bin Redakteurin in der taz am Wochenende und schreibe auch für die taz alle zwei Wochen die Kolumne Chinatown. Es geht um unterschiedliche Formulierungen, die ich zum Teil gar nicht reproduzieren will. Aber unter anderem: Angst ist ja erst mal kein Rassismus. Es ist doch nicht rassistisch, wenn ich mich jetzt in der Bahn nicht neben einen Chinesen setze, hin zu Wünschen wie "Ach geh doch zurück in dein Seuchenland".

Journalist Marvin Xin Ku.

Marvin Ku: Ich bin Marvin Ku, ich bin 26, und ich arbeite als Journalist. Meine Familie kommt aus Shanghai. Mir ist das vor ein paar Tagen begegnet. Da war ich für eine Recherche im Berliner Zoo, und ich hab da mit zwei Mitarbeitern gesprochen. Als ich die angesprochen habe, habe ich halt gemerkt 'Okay, sie tritt zwei Schritte zurück'. Hab mir dann eigentlich noch gar nichts dabei gedacht. Bei dem zweiten Mitarbeiter war es dann so: Er hat dann auf meine Frage ganz knapp geantwortet, zwei Worte nur und ist dann sozusagen still und heimlich verschwunden. Es hat mich überrascht, weil er weder Tschüss gesagt hat, noch, dass er die Frage nicht beantworten kann. Er hat noch nicht mal gesagt, "Ich hab keinen Bock, dir die Frage zu beantworten, ich hab keinen Bock auf Presse." So hat es sich angefühlt. Er wollte ganz, ganz schnell weg. Und dann hab ich nur so aus dem Ohren-Winkel sozusagen gehört, wie die eine Mitarbeiterin ihn fragte: "Ja und, hast du auch Angst, dich vor Corona anzustecken?“

Trang Dang: Es begann alles damit, dass ich gefragt worden bin, als ich Essen mitgebracht hatte, ob da Corona Virus drin sei. Ich habe das erst als Scherz abgetan, und die letzten vier Tage waren dann aber schon so, dass ich gedacht habe: "Okay, irgendwas stimmt hier nicht."

Toni Tianji Lin: Ich bin Musiker. Vorgestern war ich in der U-Bahn, ich habe telefoniert und natürlich auf Chinesisch. Und dann kam ein Mann, zuerst hat er mich lange angeguckt und dann hat er mich gefragt: "Wo ist dein Mundschutz?“

Journalist und Podcaster Frank Joung.

Frank Joung: Ich glaube, da kommen einige Dinge zusammen. Zum ersten ist sozusagen der China-Rassismus, also China als Global Player in der Hierarchie nach oben gerutscht und deswegen glaube ich, dass es da auch einen größeren Neidfaktor gibt, beziehungsweise auch irgendwie so ne Art Angst vor dieser ja auch früher schon viel zitierten "Gelben Gefahr“. Gleichzeitig, dieses Virus triggert auch dieses Klischee an, dass Asiaten ja auch immer irgendwie unhygienisch essen und immer komische Tiere futtern und alles da so ein bisschen weird ist.

Marvin Ku: Im ersten Moment habe ich es gar nicht so gecheckt. Ich habs quasi überhört. Und danach war es so: je mehr ich halt darüber nachgedacht habe, hat es mich sauer gemacht einfach, weil: Ich hab mir gedacht, okay, was hab ich denn jetzt mit diesen Virus zu tun?

Lin Hierse: Und dazu kommt eben noch ein Hashtag wie #IchbinkeinVirus, wo ich persönlich sage: Ich weigere mich öffentlich zu bekennen, dass ich ein Mensch bin. So sehr ich das schätze, um Solidarität einzufahren und sich untereinander zu vernetzen und zu sagen: Ihr seid nicht allein, so absurd finde ich eigentlich diese Tatsache, dass das im Jahr 2020 überhaupt noch jemand sagen muss.

ZDF-Journalistin Trang Dang.

Trang Dang: Ich muss ehrlich sagen, ich beobachte, dass einfach noch ein bisschen diese Eindrücke. Ich selber glaube, dass ich das noch gar nicht so richtig verarbeiten kann.

Tianji Lin: So eine Reaktion vom Menschen habe ich wirklich nicht erwartet. Ich finde, es ist wirklich furchtbar.

Marvin Ku: Also ich würde mal sagen, ich habe als erstes an den Begriff "Rassismus auf Abruf“ gedacht.

Trang Dang: Ich fliege demnächst, ich bin mal gespannt, wie es dann sozusagen ist. Also da habe ich auch ganz viele Szenarien, die mir da durch den Kopf gehen. Ich habe Angst davor, in eine Ecke gestellt zu werden, in die ich nicht gehöre.


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