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Sprachwissenschaftler Anatol Stefanowitsch Warum bei Meinungsumfragen zum Thema Gendern oft extreme Positionen rauskommen - und wem diese nutzen

Das Gendersternchen hat es auf die Titelseiten der Republik gebracht. Der Hintergrund: Eine Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Allensbach im Auftrag der FAZ hat ergeben, dass 71 Prozent der Deutschen gegen das Gendern sind. Aber wie kommen solche Zahlen eigentlich zustande? Und warum lädt das Gendern überhaupt zum Aufregen ein? Wir haben bei Sprachwissenschaftler Anatol Stefanowitsch nachgefragt.

Von: Ferdinand Meyen

Stand: 23.06.2021

Weißes Gendersternchen auf pinkenem Hintergrund | Bild: Colourbox

Anatol Stefanowitsch ist Professor für Sprachwissenschaft an der Freien Universität Berlin. Er gründete 2007 das erste deutschsprachige Sprachwissenschaftsblog, sprachlog.de. 2018 erschien sein Buch „Eine Frage der Moral: Warum wir politisch korrekte Sprache brauchen“.

Zündfunk: In den letzten Wochen haben wir immer wieder von Umfragen gehört nach denen die überwältigende Mehrheit der Deutschen gegen das Gendern ist. Was halten Sie von diesen Zahlen?

Anatol Stefanowitsch: Ich halte das durchaus für möglich – gerade wenn man die Frage in einer ganz allgemeinen Form stellt, dass man da eine Mehrheit kriegt, die sich in irgendeiner Form kritisch äußert. Normalerweise hat man ja die Möglichkeit zu sagen, ich bin "eher dagegen" oder "eher dafür". Oder hat die Möglichkeit eine neutrale Antwort zu geben. Meiner Meinung nach ist der überwiegenden Mehrheit der Sprachgemeinschaft das Thema Gendern übrigens im Moment noch im Großen und Ganzen etwas egal.

Was gibt es denn für Studien zum Thema Gendern und kommen die zu dem gleichen Schluss wie die Umfragen, dass die Mehrheit gegen das Gendern ist?

So wirklich wissenschaftliche Studien gibt es da überhaupt nicht bisher. Es gibt eben immer nur Meinungsumfragen, die werden von seriösen Meinungsumfrageinstituten durchgeführt. Insofern kann man sich schon auf die Ergebnisse verlassen – aber natürlich muss man sich sehr genau anschauen, wie die Fragestellung aussah. Denn bei Meinungsumfragen können Sie eigentlich fast jede Meinung herausbekommen, wenn sie nur die Frage richtig stellen.

Sie haben die Allensbach-Umfrage, die besagt, dass 71 Prozent der Menschen in Deutschland gegen das Gendern sind, stark auf Twitter kritisiert. Was ist bei dieser Umfrage falsch gelaufen?

Anatol Stefanowitsch

Diese Umfrage hat schon ein sehr extremes Ergebnis geliefert. So etwas hat keine Umfrage vorher gezeigt. Und deshalb lohnt es sich, da genau hinzuschauen und zu fragen: Wogegen haben sich diese 71 Prozent eigentlich ausgesprochen? Die Fragestellung lautete sinngemäß: „Es gibt Leute, die sagen, in privaten Gesprächen soll man neben der männlichen Form auch immer die weibliche Form verwenden. Finden Sie das übertrieben oder finden Sie das in Ordnung?“ Allein, dass das Wort „übertrieben“ in der Frage vorkam, ist eigentlich problematisch. Anstatt zu fragen, wie bewerten Sie das auf einer Skala von eins bis fünf, wird gleich danach gefragt, ob man das übertrieben findet. Zum anderen wird dort nach Privatgesprächen gefragt. Es wird die Idee aufgerufen, es gäbe irgendeine Sprachpolizei und wenn ich in meinem Privatgespräch nicht genau so spreche, wie das diese Sprachpolizei möchte, dann kriege ich eine aufs Dach.

Jetzt ist natürlich leicht, die Schuld bei anderen zu suchen oder zu sagen, die Umfragen sind suggestiv formuliert. Was können Gender-Aktivist*innen tun, um den Stern sozusagen besser zu verkaufen?

In den Bereichen, wo Aktivismus oder Sprachplanung betrieben wird, sollte man sich überlegen: Was wollen wir eigentlich erreichen mit unserer Sprache? Was wollen wir signalisieren? Und dann sollte man die Formen des Genderns auswählen, die zu diesem Vorhaben passen. Ich glaube, es geht erstmal gar nicht unbedingt darum, die Zustimmung der Bevölkerung zu kriegen, sondern darum, überhaupt erstmal ein Wissen zu verankern, worum es hier geht. Dafür ist ganz viel Bildungsarbeit nötig, ganz viel Aufklärungsarbeit und auch ganz viel Diskussion. Und die Diskussion kann auch ruhig kontrovers sein.

Was muss bei der Aufklärungsarbeit hauptsächlich transportiert werden?

Es geht im Kern darum, dass wir lange Zeit, ca. 150 Jahre, das sogenannte generische Maskulinum im Deutschen gepflegt haben. Also über die Welt gesprochen haben, als ob sie nur aus Männern bestünde. Das war nie in Ordnung, aber es gab natürlich eine lange Zeit, in der Männer im öffentlichen Leben so eindeutig das Sagen hatten, dass das niemand angezweifelt hat, dass das die richtige Art ist darüber zu sprechen. Und diese Zeit ist vorbei. Wir haben eine Gesellschaft, die zu heterogen und zu divers ist, um sich das noch gefallen zu lassen.

Es gibt ganz verschiedene Lösungen des Genderns. Teilweise haben wir auch Forschung darüber, die uns sagt, wie diese verschiedenen Formen wirken, wie sie interpretiert werden. Und wenn wir das differenziert diskutieren, dann sehen wir über welche von diesen Formen lohnt es sich, überhaupt zu reden? Welche sind vielleicht tatsächlich nur eine kurzfristige Mode? Zum anderen können wir dann auch zum Kern der Sache kommen. Ich glaube nämlich, dass bei einigen – sehr lauten –Stimmen gegen das Gendern eigentlich gar nicht die Sprache im Vordergrund steht, die ärgert irgendwie die Idee dahinter. Nämlich die Idee, dass es überhaupt so sein könnte, dass Sprache einen Einfluss darauf hat, wie wir denken. Oder die Idee, dass Frauen und Männern gleichgestellt sind oder gar die Idee, dass es zwischen Männern und Frauen noch Personen gibt, die sich keiner dieser Kategorien zuordnen können. Und solange die Leute damit Probleme haben, werden sie das natürlich auf diesem Feld der Sprachpolitik ausfechten. Und jetzt kommt natürlich auch noch dazu, dass die CDU das als Wahlkampfthema entdeckt hat. Und es ist natürlich auch wunderbar, um die Emotionen hochkochen zu lassen und von all den Dingen abzulenken, über die wir eigentlich reden müssten, wenn wir über die CDU reden.

Es gibt natürlich auch Leute, die den Vorwurf ein bisschen umdrehen und dann wiederum sagen das Gendern spaltet.

Vielleicht spaltet das, weil Leute aus sprachlichen oder ideologischen Gründen aggressiv reagieren. Aber wenn der Preis dafür, dass man Spaltung vermeidet, ist, dass man denjenigen, die sich einer Menschengruppe gegenüber feindselig verhalten nach dem Mund redet, dann ist dieser Preis zu hoch, glaube ich. Wenn wir nach wir vor so tun, als ob die Welt nur aus Männern bestünde, dann ist dieser Preis zu hoch. Dann müssen wir vielleicht durch eine Periode der Spaltung durch, um einfach mal auszudiskutieren, was hier auszudiskutieren ist.

Was ist mit dem Argument, dass das Gendern unästhetisch sei?

Ästhetik ist Privatsache. Und was man schön findet und was nicht, das kann man selber kaum steuern. Deshalb will ich überhaupt nicht bestreiten, dass es tatsächlich Leute gibt, die ganz aufrichtig, aus ästhetischen Gründen gegen bestimmte Formen der geschlechtergerechten Sprache sind. Wenn jemand aus ästhetischen Gründen gegen alle Formen der geschlechtergerechten Sprache ist, dann werde ich wieder skeptisch. Dann würde ich mich fragen, ob diese Ästhetik nicht auch wieder etwas mit dem Inhaltlichen zu tun hat und ob man sich eigentlich in eine Welt zurücksehnt, wo die Männer noch das Sagen hatten. Das wäre ja dann auch Ästhetik. Aber dann erwarte ich, dass sie zumindest zugeben, dass ihnen ihr eigenes ästhetisches Empfinden wichtiger ist als die Diskriminierungserfahrungen anderer.