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Meinung „Avatar 2“ braucht kein Mensch

Ist „Avatar 2“ ein guter Film? Eher ein gutes Beispiel dafür, wie inhaltsleere Blockbuster zu großer Filmkunst hochgejazzt werden. Warum wir endlich wieder Drehbücher mit Anspruch statt Märchenfilme für Erwachsene brauchen.

Author: Roderich Fabian

Published at: 15-12-2022

links im Bild Neytiri (Zoe Saldana), rechts im Bild Jake Sully (Sam Worthington), Hintergrund Pandora | Bild: AP

„Zeitenwende“ ist das Wort des Jahres. Und eine Zeitenwende lässt sich auch beim Kinofilm „Avatar“ beobachten. Gerade ist der zweite Teil der Filmreihe von James Cameron ins Kino gekommen, 13 Jahre nach dem ersten Teil. Knapp drei Milliarden Dollar haben die Leute 2009 für Avatar an den Kinokassen gelassen. Es war der Film mit dem höchsten Einspielergebnis aller Zeiten.

Aber, Stichwort Zeitenwende, 13 Jahre später ist alles anders: „Avatar 2“ braucht kein Mensch. Und das ist noch nicht mal ein hartes Urteil. Es ist gar kein Urteil. Eher eine Einschätzung.

Von Star Wars bis Avatar: Ich kann keine Märchenfilme für Erwachsene mehr sehen

Die Zeiten haben sich gewandelt: inhaltlich und ästhetisch. Das Problem sind dabei nicht die blauen Figuren. Was ich nicht mehr sehen kann, sind Märchenfilme für Erwachsene. Dazu gehört „Avatar 2“ genauso wie vorher bereits Star Wars, Star Trek und all die Superhelden- und sonstigen Monsterfilme.

Alles Filme, die Spaß für die ganze Familie versprechen und gerade über die Feiertage gerne gesehen sind. Doch um mit Kindern ins Kino zu gehen, brauchen wir gute Kinderfilme. Nicht inhaltsleeren Blockbuster-Kitsch, der rhetorisch zu Filmkunst hochgejazzt wird. „Avatar 2“ ist nur in einer Hinsicht große Kunst: in Sachen Tricktechnik.

James Cameron denkt, er verhandele die großen Fragen der Gegenwart

James Cameron, der Regisseur der „Avatar“-Filme, behauptet in Interviews gern, seine Filme verhandelten die großen Fragen der Gegenwart, nur eben mit Fantasy garniert. Aber er macht sich etwas vor.

"Die Na’vi sollen den besseren Teil von uns selbst repräsentieren – etwas in uns, das wir vergessen haben. Die Menschen im Film repräsentieren hingegen unsere heutige verbrauchsintensive Zivilisation. Ein Zustand der Gnade trifft auf einen gefallenen Zustand."

Avatar-Regisseur James Cameron im Interview mit dem Standard

"Hilfe, ich seh' doppelt": Die 73-jährige Sigourney Weaver (links und rechts) spielt in "Avatar 2" Teenagerin Kiri.

Den fehlenden Spannungsbogen von „Avatar 2“ kann auch die große Sigourney Weaver nicht ausgleichen. Die 73-Jähige spielt eine 14-Jährige. Und in Promo-Interviews behauptet Sigourney, sie habe bei den Dreharbeiten ihr Teenager-Bewusstsein wiederentdeckt. Aber was soll sie auch sagen. Sie ist schließlich vertraglich verpflichtet, für den Film zu werben. Marketing ist King.

Wir müssen das Kino retten – aber nicht mit „Avatar 2“

Mir ist völlig klar, dass die gesamte, seit drei Jahren darbende Kinolandschaft weltweit auf einen Film wie „Avatar“ gewartet hat, um endlich mal wieder anständige Umsätze zu generieren. Und ich bin wirklich der Letzte, der den inzwischen schon so oft beschworenen Untergang der Filmtheater befördern möchte. Aber die Rettung des Kinos ist bei „Avatar 2“ nicht gut aufgehoben.

Wer reitet so schön durch Wasser und Wind – es ist Jake Sully (Sam Worthington), hier ohne Kind.

Inhaltsleere Blockbuster sollten endlich wieder durch anspruchsvollere Filme abgelöst werden. Gehaltloser Quatsch funktioniert allmählich ohnehin nicht mehr. Zwar bieten Filme wie „Avatar“ Eskapismus in Überlänge; im Fall von „Avatar 2 – The Way Of Water” kann das Publikum seine Probleme stolze drei Stunden und zehn Minuten unter Nachos und Popcorn begraben und in visuellen Sensationen baden.

„Verlorene Illusionen“ und „Avatar 5“

Aber auch Eskapismus kann man intelligenter machen, mit unterhaltsamen Dialogen – dafür müssen die Special Effects noch nicht mal weichen. Ich habe gerade erst in einer Pressevorführung die Neuverfilmung von Balzacs „Verlorene Illusionen“ gesehen. Dank der computergenerierten Images entsteht hier vor dem Auge das Paris des Jahres 1830: die Kutschen, der Dreck, ja, fast schon der Geruch. Ein Film für die ganz große Leinwand, der am 22. Dezember ins Kino kommt. Nur eine Woche nach dem Kinostart von „Avatar 2“ lässt sich also sehen, wie es besser geht.

James Cameron plant übrigens bereits drei weitere Avatar-Filme. „Avatar 5“ wurde für 2028 angekündigt. Für die Zukunft des Kinos wäre es allerdings besser, wenn die Leute stattdessen wieder an bessere Drehbücher und Geschichten herangeführt würden. Das ist jedenfalls eine Illusion, die ich nicht verlieren will.