Bayern 2 - Zündfunk

Meinung Weiß-dominierte Popkultur verharmlost Rassismus zum Wohle der Luxusgesellschaft

Dürfen weiße Menschen Rasta-Zöpfe tragen oder ist das kulturelle Aneignung? Dürfen unsere Kinder noch Karl Mays Winnetou lesen? Kulturaktivist Tuncay Acar schreibt in diesem Gastbeitrag, warum Weiße sich von Luxus-Debatten um kulturelle Aneignung und den damit verbundenen Tränen verabschieden sollten.

Von: Tuncay Acar

Stand: 20.09.2022

Szenenfoto von den Karl-May-Festspielen im Sauerland aus dem Jahr 1982 | Bild: Horst Ossinger/Picture Alliance

Ich muss zugeben, ich habe mich in Einzeldebatten schon oft zu diesem Thema abgemüht. Das habe ich lange aufgegeben. Ich äußere mich dazu nur noch, wenn es eine sinnvolle Reichweite gibt und das ist hier der Fall. Also: Seit der Sache mit den Rastazöpfen von Bern und dem Winnetou-Eklat ist die Angelegenheit plötzlich wieder ganz weit oben in der Öffentlichkeit angelangt. Die kollektive Identität der Mehrheitsgesellschaft ist eine sehr diffuse und hochsensible Angelegenheit. Da Rastazöpfe mittlerweile auch schon zum europäischen Alternativkulturgut gehören und Winnetou unser aller Jugendzimmer geziert hat, fließen natürlich gleich Tränen, wenn plötzlich ihre Legitimität hinterfragt wird.

Wie Kleinkinder, denen ihr Spielzeug weggenommen wird

Das ist so ähnlich, wie bei einem Kleinkind, dem das Spielzeug weggenommen wird: das Resultat ist im schlimmsten Falle himmeljauchzendes Geheule. Natürlich kann ich es sehr wohl verstehen, dass man nun bemüht ist, das Thema herunter zu kochen und ihm das erdrückende Gewicht nehmen will. Aber das klingt in meinen Ohren immer nach gutgemeintem Trost. Dieser bringt aber leider nichts, denn die Sache ist wesentlich komplexer, als man es als der/die Vertreter*in der Mehrheitsgesellschaft gerne hätte. Ich rate ja eher dazu, sich von falschen Versöhnungszeremoniellen zu verabschieden. Wenn, dann versöhnen wir uns, nachdem wir uns aufrichtig gestritten haben. Es ist an der Zeit!

Als Erstes möchte ich sagen, dass ich die Popkultur als gesellschaftliches Phänomen sehr ernst nehme, denn ich weiß um ihr zerstörerisches Potential. Ich halte es für schwierig, sie inflationär zur Legitimierung von gesellschaftlichen Konsensprozessen zu bemühen. Denn Popkultur ist keineswegs ein neutraler Spielplatz für alle. Sie ist extrem weiß-dominiert. Deswegen hat für mich die eklektische Habgier der „Raubritter“ – wie sich z.B. die US-amerikanische Rockband Steely Dan mal selbst genannt hat - keine Priorität.

Warum Winnetou gesellschaftlich nicht mehr tragbar ist

Alexander Klaws als Winnetou in Bad Segeberg

Die Popkultur muss nicht bedient werden. Sie nimmt sich eh alles, was sie kriegen kann. Relevant für mich ist die Frage: „Was kann man sich zurückholen?“ Ich war zu Fasching stets „Cowboy“. Für mich war es normal, dass Indigene in den von mir heißgeliebten Western immer die Verlierer waren und in Massen abgeknallt wurden. Bis ich irgendwann von dem fatalen Unrecht erfuhr, dem sie zum Opfer gefallen waren. Danach waren Cowboys im Fasching für mich gegessen.

Als Kulturphänomen ist Karl May aus der deutschen Literatur leider nicht wegzudenken. Ich würde ihn trotzdem unseren Kindern nicht unkommentiert antun wollen: Er spiegelt ein Weltbild wieder, dessen Problematik darin begründet liegt, dass wir mittlerweile – im Gegensatz zu ihm damals – die tragische Geschichte des Wilden Westens sehr gut kennen. So schön Pierre Brice auch war: Winnetou ist gesellschaftlich nicht tragbar.

Die heilige Popkultur verarbeitet Ausbeutung zu bekömmlichen Donuts!

Um zurückzukommen zu Bob Marley: sein Song „Punky Reggae Party“ ist in keinster Weise als Aufruf zur unbedarften Übernahme kultureller Stilmerkmale zu verstehen. Sondern eher zur Solidarität zwischen zwei marginalisierten Gruppen in einer postkolonialen Weltordnung. Auch hat keiner von The Clash jemals Rastas getragen, denn sie waren eben Punks und sich dessen auch bewusst.

Ich würde mir nie anmaßen, weißen Rastazöpfen die Bühne zu verweigern, aber ich bin auch nicht betroffen. Ich bin nicht Schwarz und habe mit Rasta-Kultur nichts zu tun. Was ich allerdings durchaus kann: Empathie entwickeln und verstehen, wenn Menschen die Ausschlachtung, Aneignung und Umformulierung ihrer hart erarbeiteten Gegenkultur mächtig auf den Senkel geht. Denn diese verarbeitet die heilige Popkultur seit jeher zu leckeren Donuts und bietet sie den unbedarften Kids einer Luxusgesellschaft an. Die Wut, die das erzeugt, kann ich gut verstehen. Sie entspringt nicht der puren Lust an der schlechten Laune, sondern ist das Resultat von jahrhundertealtem Schmerz.

Alls Dritteweltmensch kriegst du für deine Weltoffenheit kein Visum

Die ideale Welt, in der wir alle gleich zu sein scheinen und gleichberechtigt kulturelle Elemente munter untereinander austauschen können – diese Friede-, Freude-, Eierkuchen-Welt – ist eine Illusion geblieben, denn sie funktioniert nur für die „weltoffenen“ Whiteys. Als Dritteweltmensch kannst du noch so weltoffen sein, du kriegst dafür nicht mal ein Visum, das wussten schon die Goldenen Zitronen.

Stattdessen hast du es mit einem Monster an ungeklärtem postkolonialen Erbe zu tun und mit äußerst rassistischen Strukturen. Und das wird noch sehr lange so anhalten. Face it! Deswegen werden Gegenforderungen jetzt direkter, härter und kompromissloser gestellt. Das heißt nicht, dass es sie vorher nicht gab. Es interessiert nur niemanden, wenn man sie nicht vehement genug einfordert. Dass das für die Vertreter*innen der Mehrheitsgesellschaft unangenehm ist, kann ich verstehen. Aber das Leben ist eben keine Schimmelrevue.

Nehmt das weiß-dominierte Grundkonzept der Popkultur wahr!

Mein Resümee ist: Es wird nichts diffamiert oder verboten. Dazu hat keiner die Macht. Euren Winnetou nimmt euch auch so schnell niemand weg, auch wenn die Springer-Presse davon überzeugt ist. Es wird lediglich versucht, auf Perspektiven der Unterprivilegierten hinzuweisen. Verschobene Machtverhältnisse zu benennen und mit dem Finger darauf zu deuten, das hilft alleine nicht. Um sie effektiv angreifen zu können, braucht es mehr Solidarität und auch Demut. Wir alle müssen das weiß-dominierte Grundkonzept der Popkultur wahrnehmen und begreifen. Statt zu heulen und zu lamentieren sollte man den „Anderen“ zuhören und sie ernst nehmen. Nur so wird Popkultur sexier für uns alle, nicht nur für euch!

Dieser Kommentar antwortet auf die Meinung von Michael Bartle zur Debatte um Kulturelle Aneignung.