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Schriftstellerin Shida Bazyar "Meine Lebensrealität in Literatur wiederzufinden, ist so heilsam"

Rechter Terror, die Freundschaft zwischen drei Frauen und ein brennendes Haus. Shida Bazyar hat einen Roman wie einen Showdown geschrieben. Wir haben mit Shida Bazyar über ihr Buch, Rassismuserfahrungen und die Debatte über die sogenannte Identitätspolitik gesprochen.

Von: Caroline von Lowtzow

Stand: 14.06.2021

Shida Bazyar | Bild: Tabea Treichel

Im Roman "Drei Kameradinnen" geht es um Kasih, Saya und Hani. Sie wachsen gemeinsam in Wohnblocks in einem abgehängten Stadtteil auf. Jahre später treffen sie sich wieder, weil eine alte Schulfreundin heiratet und wollen an die alten Zeiten anknüpfen. Doch das ist nicht mehr möglich: der rechte Terror in Form des beginnenden NSU-Prozesses ist omnipräsent genauso wie die Erfahrungen mit Alltags-Rassismus, sei es bei der Anreise im Flugzeug oder in der Eckkneipe, in der das Bier für die Freundinnen teurer ist als für andere. Und von Anfang an ist klar: Es nimmt kein gutes Ende. Am Ende brennt ein Wohnhauses, wofür – so legt es ein Zeitungsbericht ganz am Anfang des Buchs nahe – Saya verantwortlich gemacht wird.

Es ist Shida Bazyars zweiter Roman. Ihr Debüt "Nachts ist es leise in Teheran" wurde mit dem Bloggerpreis für Literatur, dem Ulla-Hahn-Autorenpreis und dem Uwe-Johnson-Förderpreis ausgezeichnet.

Zündfunk: Der Titel Ihres Buchs „Drei Kameradinnen“ ist inspiriert von Erich Maria Remarques „Drei Kameraden“. Inwiefern?

Shida Bazyar: Für mich war Erich Maria Remarques „Drei Kameraden“ das Buch, das ich gelesen habe und danach gedacht habe: So jetzt reicht's. Ich habe so oft so schöne, so tolle Freundschaftsgeschichten gelesen, in denen Frauen nur am Rande vorkommen. Ich will jetzt einmal Freundschaft aus der Sicht von Frauen erzählen, und zwar in der Gegenwart, in der Jetztzeit. Und deswegen war dieses „Drei Kameradinnen“ eigentlich nur der Arbeitstitel - so habe ich das Dokument genannt -  und hatte dann immer Lust, daran weiterzuschreiben. Letztlich hat der Titel dann auf mehreren Ebenen nochmal neu Bedeutung bekommen für mich oder einen neuen Sinn bekommen, dadurch, dass die drei Figuren in meinem Roman in einer Art Kampf stecken oder einer Art Widerstand. Sie werden attackiert, auf verschiedenste subtilste Art in ihrem Alltag und müssen einen Weg finden, damit umzugehen. Es ist kein Zufall, dass man das so selten anhand von Frauen erzählt, weil Frauen, die sich zusammentun, automatisch auch eine Form von Widerstand geben können. Also wir wissen auch, dass in Kontexten, in denen Frauen zusammenkommen, unter sich sind, Erfahrungen teilen können, diese benennen können, Strukturen feststellen können, um dann gegen diese anzugehen. Und deswegen glaube ich, dass man auf die Art auch gewisse Kämpfe, gewisse Widerstandsform kleinhält, indem man eben Frauen immer als Einzelpersonen darstellt. Oder als eine Quotenfrau unter Männern, die sich geehrt fühlen darf, dass sie mitmachen kann. Deswegen hat es für mich immer schon ein kleines revolutionäres Potenzial, wie man diese Frauenbündnisse darstellt.

Ihr Roman beginnt mit vielen Abgrenzungen, es gibt ein Wir und ein Ihr und zu Beginn des Romans sagt Kasih als erstes, was sie alles nicht ist und was auch dieser Text nicht ist:

"Ich möchte fair bleiben, alle Missverständnisse aus dem Weg räumen und von vornherein kein Geheimnis daraus machen, was dieser Text ist und was er nicht ist. Ich möchte das doch nicht. Ich möchte fair bleiben, alle Missverständnisse aus dem Weg räumen und von vornherein erklären wer ich nicht bin. ich bin nicht: die Ausgeburt der integrierten Gesellschaft. Ich bin nicht: das Mädchen, das ihr euch angucken könntet, um mitleidig zu erklären, ihr hättet euch mit den Migranten beschäftigt und es sei ja alles so dramatisch, aber auch so bewundernswert. Ich bin nicht: das Mädchen aus dem Getto. Ich bin: das Mädchen aus dem Getto."

Auszug aus Drei Kameradinnen

Shida Bazyar: Das hängt natürlich stark mit ihrem Erzählanlass zusammen. Sie schreibt ja in dieser Nacht, weil ihre Freundin inhaftiert wurde und weil sie weiß, ab morgen wird die Presse darüberschreiben. Und die Presse wird ganz genau wissen, was wie gelaufen ist. Die Presse wird alle rassistischen Bilder, die vorhanden sind, die wir in der Gesellschaft pflegen, sofort abrufen können. Und Kasih, die Erzählerin, sagt: Ich habe jetzt diese eine Nacht Zeit, um unsere Gegendarstellung zu schreiben. Ein vorauseilender Widerspruch. Sie weiß, das Narrativ wird ab morgen ohnehin ein „Wir“ und ein andersartiges „Ihr“ beinhalten. Das erleben wir ja auch in den Medien: Es gibt ein wir, „unsere Gesellschaft“, und es gibt die Störfaktoren. Und dann ist es gar nicht so relevant, ob diese Störfaktoren vielleicht seit drei Generationen hier leben. Sie werden nicht in dieses Wir gezählt. Kasih macht die Umkehrung des Spiegelbilds, um zu sagen: Ich erzähle jetzt, was wirklich passiert ist. Und natürlich hätte das auch funktioniert, wenn sie jetzt erzählt, was wirklich passiert ist. Aber dadurch, dass ich Literatur gerne spannend und ambivalent möchte, ist auch diese Wirklichkeit, die sie uns erzählt, natürlich keine richtige Wirklichkeit, sondern auch eine mit wahnsinnig vielen Fallhöhen, in der sie sich selber widerspricht, in denen sie sich in Lügen verstrickt und selber gar kein Geheimnis daraus macht, dass sie teilweise lügt oder Dinge erzählt, die sie nicht wissen kann.

Und es spielt natürlich auch damit, dass eine Figur wie Kasih, also eine nicht-weiße Frau, die auch noch arbeitssuchend ist, die aus so einem sozial abgehängten Milieu kommt, dass die grundsätzlich, wenn Sie Ihre Stimme erhebt und ihre Geschichte erzählt, mit Widerspruch zu rechnen hat. Also auch wenn's wohlwollende Menschen sind, weiß sie, dass man ihr erst mal in erster Instanz nicht traut, sondern ihr erst mal unterstellt, dass das Befindlichkeiten sind. Das ist irgendwie ihre Gefühlsebene ist, die da überwiegt, und man ihr ein objektives Wissen nicht zutraut, das es ja eh nie gibt. Aber wenn es das gibt, dann auf jeden Fall auf der anderen Seite, nämlich auf der Seite der weißen Mehrheitsgesellschaft. Und damit wollte ich spielen.

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Shida Bazyar: »Drei Kameradinnen« | Bild: Literarisches Colloquium Berlin (via YouTube)

Shida Bazyar: »Drei Kameradinnen«

Sie machen ja gerade viele Lesungen. Wie sind denn die Reaktionen? Fühlen sich manche durch diese Wir/Ihr-Konstruktion provoziert?

Ich glaube, dass es oft ein Missverständnis gibt im Sinne von: Die Autorin Shida Bazyar beschimpft ihr Publikum. Das irritiert mich natürlich immer wahnsinnig, weil für mich klar ist, das ist Literatur. Wenn ich wen beschimpfen wollen würde, dann würde ich das machen. Dann würde ich Essays schreiben, aber ich würde nicht den Umweg über den Roman nehmen, sondern es ist ja klar, dass das eine Figur ist, die das aus ihrer Situation herausmacht. Ich finde dann immer überraschend, dass Lesende sich als dieses Publikum begreifen, denn das Publikum ist eigentlich ein klar eingeschränktes, es ist in diesem Szenario, in dem dieser Brand stattgefunden hat. Dass aber Menschen das Buch lesen und sich ertappt und angesprochen fühlen als dieses Publikum, das finde ich eigentlich ein sehr gutes Zeichen, weil es zeigt, dass sie sich in einem Prozess befinden und ist natürlich Schnittmengen gibt zwischen diesem adressierten Ihr, das seine Privilegien nicht wahrnimmt, und Menschen, die einfach dieses Buch lesen. Die größte Wertschätzung kam natürlich von Menschen, die selber diese Erfahrung machen und die sagen, es ist erstens so heilsam, dass diese Erfahrung dargestellt werden und zweitens, dass diese Publikums-Wand transparent gemacht wird und dass wir diese vierte Wand immer als eine weiße Wand betrachten müssen. Aber das nehmen wir als Norm hin und hinterfragen es deswegen nicht.

In „Drei Kameradinnen“ ist die Bedrohung von rechts für die drei Protagonistinnen, die als migrantisch wahrgenommen werden, ein riesiges Thema - neben dem Alltagsrassismus, Klassismus und Sexismus. Nicht nur, weil gerade ein großer Prozess gegen eine rechte Terrorgruppe beginnt, sondern weil sie wissen, sie können jederzeit Opfer werden.

Ich habe bei meinem Roman gemerkt, wie oft über Rassismus gesprochen wird. Auch ich rede so oft über Rassismus. Es ist aber total wichtig, das intersektional zu sehen. Es geht auch um Sexismus, es geht auch um Klassismus. Und ich habe das Gefühl, dass das in Bezug auf rechte Strömungen auch passiert. Wir attestieren, wie rassistisch sie sind und vergessen dabei, dass sie auch antisemitisch sind und dass sie auch gnadenlos sexistisch sind. Also dass das Hand in Hand geht. Und wenn man immer nur einen Teil davon benennt, weiß man das gar nicht so richtig an der Wurzel zu fassen wie groß diese Gefahr ist. Also auch deswegen finde ich „Drei Kameradinnen“ als Titel wichtig, weil es mit diesem ja irgendwie von rechts annektierten Begriff spielt. Kameradschaft kennen wir vor allem von rechts. Und es sind eben auch Kameradinnen, die der Neuen Rechten und der AfD ein Dorn im Auge sind: Es sind die Frauen.

Auffallend ist, dass an keiner Stelle das Aussehen von Kasih, Saya und Hani beschrieben wird und auch nicht näher auf ihren Background eingegangen wird. Ist das ein bewusstes Vermeiden, die ständige Frage „Wo kommst du her?“ zu beantworten? 

Für mich war das gar nicht von Anfang an klar, dass ich darüber nichts erzähle, woher die Figuren kommen oder wie sie aussehen. Ich habe es aber einfach beim Schreiben nicht gemacht. Das heißt, es war erst unterbewusst, und irgendwann habe ich gemerkt, ich brauche das auch überhaupt nicht. Das heißt nicht, dass es komplett irrelevant wäre, was für einen kulturellen Background die Personen mitbringen. Aber für diese Geschichte, die ich erzählen wollte, für diese Figuren, war es nicht relevant, es explizit zu machen. Ich glaube, dass wir es eigentlich unserem Gehirn so oft zu leichtmachen, wenn wir uns damit zufrieden geben, dass das eine Informationen über Personen wäre. Also dass Menschen fragen, "Woher kommst du?" und selber da drin ganz unschuldiges Interesse und ganz unschuldige Neugier sehen, wenn sie danach Menschen einfach zuordnen können und irgendwie dann am Ende die Frau aus der Türkei und den Mann aus Angola sehen. Das ist aber natürlich total tückisch, weil uns das immer davon abhält, die Person dahinter zu sehen und wir uns immer irgendwie zufrieden geben mit Bildern, mit denen wir groß geworden sind und die wir direkt zuorten können. Ich halte das für einerseits nachvollziehbar, weil wir sind alle so groß geworden und andererseits aber auch für etwas, was mit Training weggeht. Also ich frage das Menschen nicht und ich brauche es auch nicht bis zu dem Zeitpunkt, bis sie mir selber erzählen, was ihre Geschichte ist. Und weil das etwas ist, was ich meinem Alltag mache und trainiere und damit ganz glücklich bin, weil ich das Gefühl habe, ich sehe viel mehr Menschen als Zuschreibungen, wäre das für mich ganz inkonsequent gewesen, das jetzt für meinen Roman anders zu machen. Und oft ist es auch so, dass gerade migrantisierte Menschen durch das Öffnen ihrer Geschichte oder durch das Teilen ihre Geschichte sich sozusagen die Eintrittskarte kaufen, soll heißen: So, jetzt hast du es geteilt, okay, jetzt kannst du auch mitmachen. Und das ist totaler Quatsch. Das ist etwas, was ich unbedingt gerne für die nächste Generation ändern würde.

Kasih und ihre Freundinnen Hani und Saya gehen sehr unterschiedlich mit ihren Rassismuserfahrungen um: Da ist Hani, die nicht anecken will und den Alltagsrassismus nicht wahrnimmt, da ist Saya, die Aufklärungsarbeit leistet, auf Missstände hinweist, sich wehrt und sehr wütend ist und Kasih, die irgendwo dazwischensteht und sich um Saya kümmert. Sind das die verschiedenen Verhaltensmöglichkeiten, um mit solchen Erfahrungen umzugehen?

Ich kann mir vorstellen, dass jeder diese drei Pole oder auch alles, was dazwischen ist, von sich selber kennt. Also ich kenne das auf jeden Fall von mir. Es gibt Tage, da weiß ich gar nicht, wohin mit all der Wut wegen Sachen, die schon wieder gesagt oder gemacht wurden. Es gibt Tage, an denen ich weiß, ich kann für andere, wütende Menschen da sein und ihre Wut auffangen und zuhören.

Ich glaube, dass es tagesformabhängig ist, dass es auf jeden Fall prozessabhängig ist. Die Beschäftigung mit Rassismus oder mit struktureller Diskriminierung ist immer eine, die sich in einem Prozess befindet. Ich glaube, ich hätte vor sieben, acht Jahren so ein Roman gar nicht schreiben können, weil ich viel zu sehr Saya gewesen wäre. Ich hätte nur Saya propagiert und nur Sayas Perspektive als die einzige richtige dargestellt. Und ich will gar nicht sagen, dass das Alter einem helfen würde - ich glaube nicht, dass es etwas mit Alter zu tun hat - aber ich glaube, je mehr man sich mit Dingen beschäftigt, ist man einerseits weniger geschockt von ihnen und macht sich weniger kaputt. Das hoffe ich zumindest. Also, dass man lernt, die völlig berechtigte Wut produktiv zu nutzen und sie nicht zur Verbitterung werden zu lassen.

Deswegen sträube ich mich immer so ein bisschen, diese Figuren als so Schemen darzustellen, so als wären das Prototypen, weil ich glaube, auch die wären in anderen Kontexten, in anderen Konstellationen vielleicht anders aufgestellt. Also Saya wäre, wenn sie mit zwei noch viel wütenderen Frauen unterwegs wäre, vielleicht die, die beschwichtigt. Also, es ist manchmal vielleicht einfach wirklich kontextabhängig.

Im letzten Jahr haben wir viel über Rassismuserfahrungen und Diskriminierung gesprochen und auch im Literaturbetrieb sind so viele unterschiedliche Stimmen publiziert worden, wie lange nicht. Kann Literatur dazu beitragen, die Verhärtungen, die in der Indentitätsdebatte gerade auch medial ausgetragen wurden, zu lösen?

Auf jeden Fall. Ich würde jetzt nicht so weit gehen und sagen Literatur ist die einzige, die das kann. Ich glaube, dass wir sehr viele verschiedene Wege finden müssen, um für Diskriminierung zu sensibilisieren. Für mich macht Literatur immer am allermeisten Sinn, einfach, weil es uns emotional ganz anders packen kann als andere Künste oder andere Medien. Ich glaube, dass bei Literatur ein emotionales und ein rationales Verständnis auf wunderschöner Art Hand in Hand gehen. Und sobald wir Figuren und Geschichten haben und uns selber persönlich involviert fühlen, passiert ja was mit einem. Und ich finde, gerade wenn es um Rassismus geht, sehr, sehr hilfreich, dass Literatur nicht mit Bildmaterial arbeitet, das immer besetzt ist. Und ich glaube, dass da viel Gefahr besteht in der Reproduktion von Bildern, die Literatur auch manchmal macht, ich will Literatur da gar nicht freisprechen -  aber wo Literatur ganz andere Stärken hat und deswegen habe ich da schon sehr großes Vertrauen darin, dass Literatur ein sehr wichtiger Baustein der Veränderungen sein kann, die wir uns wünschen.

Es sind gerade in diesem Frühjahr viele Bücher erschienen, die sich mit ähnlichen Thematiken beschäftigen. Finden Sie das schön? Oder schwingt da auch immer schon die Angst mit, dass man zum Trend und in die nächste Schublade einsortiert wird?

Für mich als Autorin, die ich immer auch Leserin bin, ist es unglaublich schön, diese vielen großartigen Bücher zu lesen, die für mich eine Perspektive anbieten. Meine Lebensrealität in Literatur wiederzufinden, die mir von klein auf so wichtig war, ist so heilsam. Und es ist auch ein ganz anderes Sprechen zum Beispiel in Interviews, weil ich weiß, ich muss nicht alles erklären, es haben Kolleginnen und Kollegen Bücher geschrieben, in den sie eben auch schon auf gewisse Dinge hingewiesen haben. Es ist auf jeden Fall ein Gefühl von sehr viel weniger Einsamkeit, als es bei meinem ersten Roman noch der Fall war. Und gleichzeitig glaube ich, dass wir sehr aufpassen müssen und sehr wachsam sein müssen, dass gerade diese Bücher nicht so subsumiert werden zu einem Genre, weil sie sind extrem unterschiedlich. Auch die Autoren sind extrem unterschiedlichen. Auch ihre politische Haltung unterscheidet sich und ihre Bücher ja sowieso. Es kann natürlich die Gefahr geben, dass es als neuer Trend tituliert wird - und Trends kann man immer sehr schnell beiseite packen und sagen, es nicht mehr wichtig. Das finde ich sehr gefährlich, weil man schnell dazu neigt, aus Freude über diese Bücher, sie alle in einen Topf zu werfen. Und dann tun sie sich gegenseitig plötzlich doch nichts mehr Gutes. Daher hoffe ich sehr, dass es nicht diese Tendenz annimmt.

Können Sie denn mit dem Begriff Identitätspolitik überhaupt etwas anfangen?

Nicht mehr. Es ist für mich ein Beispiel eines Wortes, das wie ich finde sehr strategisch benutzt wurde, um Menschen zu sagen, sie sollen sich nicht mehr äußern. Der Begriff Identitätspolitik ist recht alt, er hatte etwas sehr Ermächtigendes. Da ging es genau um Positionen, um Perspektiven, die benannt werden. Und ich glaube, dass viele Menschen das Konzept nicht verstanden haben, aber verstanden haben, dass es darum geht, Machtverhältnisse zu ändern und sich dadurch bedroht gefühlt haben. Und dann nennt man es Identitätspolitik, benutzt es in einem abwertenden Satz, in einem abwertenden Kontext, ohne auf Inhalte einzugehen und hat es dadurch direkt diffamiert. Deswegen habe ich auf den Begriff schon gar keine Lust mehr, weil der für mich nicht mehr in seinem ursprünglichen Zusammenhang genannt wird, sondern direkt mit so einer abwertenden Perspektive konnotiert ist. Ich habe sehr oft das Gefühl, Menschen sagen Identitätspolitik, wo sie eigentlich gerne sagen würden „Ausländer“ oder „die Migranten“ und so, und das können sie nicht mehr sagen. Also sagen sie, das sind diese identitätspolitischen Bücher und das ist ein inzwischen sehr schwammiger, sehr oberflächlicher, ja sehr rechts konnotierter Begriff geworden.


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