Bayern 2 - Zündfunk


9

Für immer weg Wie mein Lieblingsalbum plötzlich aus dem Internet verschwand

Ziemlich viel von unserer Erinnerung findet inzwischen im Netz statt. Das Meme, der Chatverlauf und vor allem: Musik. Alles ist verfügbar und nur einen Handygriff entfernt. Nur stimmt das nicht, musste unser Autor Gregor Schmalzried schmerzhaft feststellen: Seine Lieblingsband löschte ihre virtuelle Existenz.

Von: Gregor Schmalzried

Stand: 03.05.2021

Ein trauriges Gespenst, darunter "404 Not found" | Bild: colourbox.com

Vor sechs Jahren habe ich ein Album entdeckt. Oder eher: Der Spotify-Algorithmus hat es mir empfohlen, und ich bin sofort darauf hängengeblieben. Das Album heißt "Without My Enemy, What Would I Do?" und die Band dahinter ist ein kalifornisches Elektropop-Duo namens Made in Heights.

Made in Heights machen Ambient-Pop mit Hip-Hop-Einflüssen und vertrackt-traurigen Texten. Die Beats sind experimentell, wirken manchmal fast wie wild zusammengewürfelt. Die Songs klingen unsicher, lebendig und echt. Und obwohl das Projekt so obskur geblieben ist, dass es nicht einmal einen Wikipedia-Eintrag hat, wirkt es heute seiner Zeit voraus, finde ich. Diese gespenstisch gehauchten Vocals auf Trap-inspirierten Beats wie sie Made in Heights 2015 gemacht haben, die klingen gar nicht so anders als Billie Eilish ein paar Jahre später.

Click delete

"Without My Enemy, What Would I Do" ist das zweite und letzte Album von Made in Heights. Es hat mich jahrelang begleitet, bedeutet mir so viel wie sonst nur ganz wenige Platten. Und: Es ist weg. Also, quasi. Vor etwa einem Jahr - da hatte sich das Duo schon längst aufgelöst - hat die Band es geschafft, sich nochmal zu verkrachen. Irgendwie darüber, wer wie mit der Musik noch Geld verdient. Das Resultat: Eines der beiden Mitglieder zog den Stecker. Und löschte Made in Heights aus dem Internet. Von allen Streaming- und Download-Portalen. Sogar die Bandcamp-Seite und Social Media-Profile gibt es nicht mehr.

YouTube-Vorschau - es werden keine Daten von YouTube geladen.

Made In Heights - Death | Bild: gamer1941 (via YouTube)

Made In Heights - Death

Einzige Rettung: Fan-Upload

Nur ein Ort im Internet sammelt die Musik immer noch: Youtube, wo es zahlreiche Uploads von Fans gibt. Dort habe ich entdeckt, dass ich nicht der einzige bin, dem Made in Heights fehlen. Die Videos sind eine Art Pilgerstätte geworden für Leute, die die Musik von Made in Heights in ihrem normalen Musikalltag vermissen: "Ich bin todunglücklich. Ich hatte richtig Panik, als ich ihre Musik auf Spotify nicht finden konnte", "Ich habe sie seit Jahren gehört. Schätze, wir verdienen einfach nichts Gutes im Leben" und "Ich bin hier mit dir, am Trauern" steht in den Kommentaren.

All das klingt vielleicht erstmal sehr melodramatisch. Die Musik ist ja nicht komplett weg - sie ist noch da, wenn man lange genug sucht. Aber mir und all den Leute in den Kommentaren tut es trotzdem weh. Musikhören ist heute eben auch digitale Kuration und Interaktion. Sie ist Mood-Playlists und trainierte Empfehlungs-Algorithmen, sie ist der Spotify-Jahresrückblick, der mir jeden Dezember verrät, was meine Lieblings-Künstler*innen waren. Und aus dieser Welt sind Made in Heights seit einem Jahr verschwunden.

Wir sind uns der Kurzlebigkeit oft nicht bewusst

„Wenn unsere Identitäten in Online-Räumen uns immer wichtiger werden, dann macht uns das auch verwundbarer. Es ist unheimlich, wie viel wir in diese Dinge investieren, die eigentlich flüchtig sind. Es gibt immer Schwachstellen, Hacks, Datenlecks“, sagt Matt Klein. Er ist Psychologe bei der Cyberagentur Sparks and Honey in New York und schreibt gerade viel über digitalen Verlust: Verlorene Playlists, gelöschte Instagram-Accounts. Und warum es so weh tun kann, etwas im Netz zu verlieren - auch wenn man es nie physisch besessen hat: „Natürlich ist es nicht, wie einen Freund oder ein Haustier zu verlieren. Aber die Dinge, die wir ins Netz stellen haben einen sentimentalen Wert. Nicht nur Musik, auch Fotos oder Gespräche, die plötzlich gelöscht werden können. Und bisher ist uns diese Kurzlebigkeit oft nicht bewusst“, so Klein weiter.

Die Macht von Spotify, Google und Facebook

Die Sache ist die: Die alte Welt in der man Alben physisch gekauft hat und Mixtapes auf Kassetten gebrannt statt sie Freunden als Playlists zu schicken - die wird nie wiederkommen. Egal wie sehr die Vinyl-Liebhaber sich das wünschen. Wenn ich vor einem halben Jahrhundert eine Platte gekauft hätte, dann hätte nicht einfach die Produzentin vorbeikommen und mir die Platte wieder klauen können. Heute geht das: Und zwar kann das nicht nur die Produzentin, sondern auch der Plattenhändler. Und die Megafirma dahinter. Spotify, Google und Facebook können unsere Inhalte von der einen auf die andere Sekunde aus der Welt löschen - sagt Matt Klein. Nur für dieses Problem gibt es bisher kaum Lösungsvorschläge.

Werden wir je an den Punkt kommen, an dem wir händchenhaltend jubeln: Wir haben es geschafft, wir haben das Rätsel gelöst? Wahrscheinlich nicht. Am meisten stört mich, dass die großen Plattformen selbst sich verantwortlich dafür fühlen sollten, mit uns über Lösungen und Alternativen nachzudenken. Aber das tun sie nicht. Wir sind komplett auf uns allein gestellt“, kritisiert Matt Klein.

Ein Gespenst im Cyberspace

Man sagt manchmal: Das Internet vergisst nichts. Vielleicht stimmt das - die Musik von Made in Heights ist ja nicht ganz weg. Wer gezielt nach ihr sucht, findet sie. Aber sie existiert jetzt entkoppelt von unserem gemeinsamen kulturellen Gedächtnis. Sie ist ein Gespenst im Cyberspace. Und ja, irgendwie darf man darüber ruhig traurig sein, finde ich. Auch, weil es bestimmt nicht das letzte Mal sein wird, das ich etwas auf diese Weise verliere.


9