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Ein Selbstversuch mit Fake-Account Mein Instagram-Bot heißt "Wer mir folgt, ist doof" - und trotzdem folgen mir alle

Jedes Jahr werden auf Instagram und Facebook Milliarden von falschen Profilen gelöscht – aber die werden ständig durch neue ersetzt. An einen Account zu kommen ist leicht – und nicht einmal teuer. Ein Selbstversuch.

Von: Gregor Schmalzried

Stand: 07.06.2018

Wer mir folgt, ist doof | Bild: BR

AnnaSotnikova5 gibt es nicht. Der Account auf Instagram ist ein Fake, über Wochen von einem russischen Hacker herangezüchtet. Das Resultat: Vier Fotos einer jungen Frau, die aus dem Internet geklaut wurden, vermutlich von einem echten Instagram-Profil. Dazu stolze 600 Follower. Auf den ersten Blick sieht der Account wie der einer ganz normalen jungen Russin aus, obwohl er das natürlich nicht ist. Aber die Authentizität muss sein, sonst hätte der Schöpfer des Accounts dafür kein Geld von mir verlangen können – 2 Dollar in Bitcoin, um genau zu sein. Und damit bin ich stolzer Besitzer eines Fake-Accounts auf Instagram.

Profile dieser Art sind im Internet ein riesiges Geschäft geworden. Nach Recherchen von Buzzfeed News stehen zu jeder Zeit Millionen von ihnen zum Verkauf. Wer sich selber eines besorgen möchte, braucht weder Kenntnisse im Dark Web noch als Hacker: eBay-ähnliche Portale machen es ganz leicht, Profile anzubieten und zu kaufen, wahlweise einzeln und hunderte auf einmal. Zur Wahl stehen spartanische Instagram-Accounts, die nur mit einer Email-Adresse registriert sind für nur ein paar Cent. Für 2 Dollar gibt es einen erstaunlich echt aussehenden Account wie meinen – und für 100 Dollar ein Profil mit zehntausenden Followern.

Das Aufbrechen der Bot-Netze ist schwierig

Auf einer dieser Seiten habe ich AnnaSotnikova5 gekauft. Die Accounts, die mir folgen sind natürlich zum Großteil selbst Fakes – die wiederum ihre eigenen falschen Follower haben, und so weiter. Das Bot-Netz ist sehr komplex gestrickt - und das macht ein Aufbrechen schwierig.

Seit Jahren schon steckt Facebook im Kampf mit falschen Profilen – im ersten Quartal 2018 wurden über eine halbe Milliarde davon aus dem Netzwerk entfernt. Aber die Facebook-Tochter Instagram hat genau das gleiche Problem, und deutlich weniger Sicherheitsvorkehrungen gegen Bots als nötig wären. Das wird auch in meinem Selbstversuch klar: Als ich zuerst versuche, mir ein Facebook-Profil zu besorgen, scheitere ich am Identitätscheck. Bei Instagram geht dafür alles glatt. Und das obwohl ich die App aus einem völlig anderen Land bediene als die Person, die den Account anfangs registriert hat – eigentlich ein klares Zeichen, dass hier etwas nicht stimmt.

"Wer mir folgt ist doof"

Ein paar Tage als nicht existente Person machen schnell klar, wozu die Bots hauptsächlich verwendet werden: Spam. Schnell erreichen mich russische Nachrichten über angebliche Geschäftsideen. Die Bots, die mir diese zusenden, haben keine Ahnung, dass sie gerade versuchen einen ihresgleichen zu rekrutieren. Außerdem folgen mir weiterhin neue Accounts – nicht besonders viele, aber dafür, dass ich nichts mache, außer einigermaßen echt auszusehen, ist das doch ziemlich beeindruckend. Die Followerzahl sinkt trotzdem langsam ab. In einer Woche verschwinden 50 meiner 600 angeblichen Fans, vermutlich sind sie doch den Instagram-Löschungsaktionen zum Opfer gefallen.

Schließlich starte ich ein Experiment: Ich führe ein komplettes Rebranding durch, lösche alle Fotos und benenne meinen Account um in „I am a bot“ – dazu zeigen jetzt alle meine Bilder den Text „Wer mir folgt ist doof“ in verschiedenen Sprachen. Jedem auch nur entfernt menschlichen Instagram-Nutzer ist jetzt klar, dass mit meinem Account etwas faul ist. Doch für mich ändert sich praktisch nichts. Meine Followerzahlen entwickeln sich genauso weiter wie vorher, niemand scheint sich für die seltsamen Posts zu interessieren. Immerhin zwei Nutzer geben der russischen Version „Wer mir folgt ist doof“ einen Like. Ich gehe nicht davon aus, dass irgendeiner davon dafür menschliche Finger verwendet hat.

Instagram ist beliebt bei den Jugendlichen - aber viel zu leicht zu knacken

Mein Fazit: Bots und andere Fake-Profile machen einen Großteil von Instagram aus – und mit nur wenig Geld kann man eine Armee von täuschend echten Profilen aufstellen, die sich dann aber wohl kaum „I am a bot“ nennen. Das macht Sorge – denn Instagram ist mittlerweile das wichtigste soziale Netzwerk für Jugendliche, dementsprechend auch eine gigantische Werbe- und Verkaufsplattform. Und es ist im Moment noch viel zu leicht zu knacken.


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