Bayern 2 - Zündfunk

Mein Ding mit 16 Eva Schulz über das Bloggen – und was Die Ärzte damit zu tun haben

Eva Schulz ist Host von Deutschland 3000, einem Podcast und Social-Media-Kanal. Dort ordnet die Journalistin Politik-News ein, unterhält sich mit meist prominenten Menschen und versucht ihre Gäste von einer anderen Seite kennenzulernen. Schon mit 16 war Eva digital voll dabei und hatte einen eigenen Blog – den sie nach den Ärzten benannt hat.

Von: Oliver Buschek und Noe Noack

Stand: 12.01.2022

Wenn man jemand anderen kennenlernt, erfährt man immer auch was Neues über sich selbst. Deshalb trifft Eva Schulz hier jede Woche Menschen aus ganz verschiedenen Bereichen, irgendwo zwischen Pop und Politik, zum Interview - und macht sich so ihre Gedanken. | Bild: funk

Zündfunk: Hallo Eva, was war dein Ding mit 16?

Eva Schulz: Ich habe mit 16 ein eigenes Weblog gehabt, beziehungsweise habe ich das mit 15 gestartet. Ich glaube, heute wissen viele Leute gar nicht mehr, was das eigentlich ist. Aber damals war es so das neue große Ding im Internet, dass man es quasi selber vollschreiben konnte, mit eigenen Texten und Gedanken. Und das habe ich mir dann angelegt und auch angefangen.

Wir sind gedanklich im Jahr 2006 als Weblogs oder wie man sie dann bald genannt hat, Blogs, ein großes Ding waren. Was hat dich daran beschäftigt?

Ich habe damals schon gewusst, dass ich gerne Journalistin werden möchte. Und ich war dann bei der Lokalzeitung, die hatten eine Jugendseite, bei der Borkener Zeitung war das bei mir damals. Und da war es aber so, dass die immer gesagt haben: Junge Leute, die wollen keine langen Texte lesen, also nicht mehr als zehn Sätze – und das hat mich immer total genervt. Dann war es tatsächlich meine Großmutter, die einen Artikel in der "Brigitte Woman" gelesen hatte, über Blogs, das neue große Ding aus Amerika. Und den hat sie mir dann ausgerissen, mitgebracht und gesagt: ‘Eva, guck mal, hier, da kannst du so viel schreiben und was du willst! Probier das doch mal aus!‘ Also eigentlich eine ganz ungewöhnliche Geschichte, dass die Großeltern einen ins Internet bringen. Aber ja, das habe ich dann gemacht. Das war im Grunde so eine Vorstufe von Social Media, weil Leute da auch kommentieren konnten und gerade deswegen hat mir das unheimlich Spaß gemacht.

Wir haben uns ja eh schon immer gedacht, dass die "Brigitte Woman" als Tech-Magazin unterschätzt ist. Worüber hast du da dann geschrieben?

Also, wer damals auch schon im Internet unterwegs war, wird sich jetzt zum Beispiel an so Beepworld-Blogs und so erinnern. Die waren immer so in kreischend pinken Farben und Leute haben, vor allem, wenn sie in meinem Alter waren, über ihren Schulalltag geschrieben. Das war eher nicht so mein Ding. Ich habe damals schon journalistische Versuche gemacht oder auch kleine, kolumnenartige Sachen. Oder es wurde dann ein bisschen poetisch, also ich war auch in dieser poetisch-pubertären Phase. Eigentlich habe ich über alles Mögliche geschrieben. Es war einfach der perfekte Ort, um digital alles Mögliche auszuprobieren. Ich habe da auch schon mal ein Jahr lang gepodcastet oder habe mit einem Freund Videoblogs aufgenommen. Das war einfach richtig cool, da so komplett selbstbestimmt experimentieren zu können und kreativ zu sein.

Du hast ja auch Schülerzeitung gemacht. Hast du das dann parallel gemacht zu den Blogs? Oder hast du dich da wiedergefunden oder ausgetauscht in der Schule?

Ja, diese Inspiration von den Blogs hat dann auch dazu geführt, dass ich zu meinen Schülerzeitungs-Kolleginnen und Kollegen gegangen bin und gesagt habe: Warum drucken wir das Ding überhaupt noch? Es ist immer so anstrengend! Man muss so viel Geld einsammeln, damit sich der Druck finanziert. Und dann hat man auch noch lange Wartezeiten, bis das Ding da ist, in denen man nichts schreiben kann. Warum machen wir das nicht auch, quasi als Blog oder Online-Magazin digital? Dann können wir permanent einfach nur den Teil der Schülerzeitungs-Arbeit machen, der uns Spaß macht: Nämlich Fotos, Texte und lustige Sachen aus dem Schulalltag verbreiten. Und das war dann auch total erfolgreich, weil wir dadurch so einen permanentes Medium für diesen Schulhof geworden sind und nicht nur noch dreimal im Jahr erschienen sind.

Auch wir haben damals bei der Schülerzeitung angefangen. Der leidigste Teil war immer das Rumgehen von einer Firma zur nächsten, um Anzeigen zu bekommen. Das gibt es ja dann nicht mit so einem Online-Blog, oder?

Nein, da bin ich einfach zu irgendeinem jüngeren Lehrer gegangen, der dann für uns durchgeboxt hat, dass die Schule die Domain bezahlt hat. Aber mehr kostete das auch nicht. Das lag dann auf dem Server von der Schulhomepage, und wir brauchten einfach nur eine Domain für zehn Euro im Jahr. Das war eine richtig coole Erfahrung, als 16-Jährige so einfach loslegen zu können mit solchen Dingen.

Gab es da ein ganz bestimmtes Thema, das dir sehr Herzen lag und wo du auch große Resonanz erfahren hast?

Man muss ja wirklich sagen: Das war eigentlich eher so ein Mittel, um ein paar Verbündete oder Seelen-, beziehungsweise Interessen-Verwandte zu finden. Ich bin in einer kleinen Kreisstadt im Münsterland aufgewachsen. Das heißt, wenn man da so ein bisschen nerdy unterwegs war, mit Computer- oder Internetthemen, oder wenn man da über Bücher oder Serien geschrieben hat, die gerade so im Mainstream In waren, dann war das halt richtig cool. Und man konnte im Netz über andere Blogs von Jugendlichen Leute zu finden, die sich für genau diese Themen auch interessiert haben. Das hab ich so richtig in meiner Erinnerung, dass das total wertvoll war. Das Internet als Zugang. Da denke ich auch heute noch ganz oft drüber nach. Über Jugendliche, die vielleicht auf dem Land wohnen, irgendwelchen Minderheiten angehören und dann im Internet Gleichgesinnte finden. Und so erging es mir eigentlich auch. Bis heute sind drei meiner engsten Freunde welche, die auch damals schon Blogs betrieben haben. Die haben in völlig anderen Städten gewohnt, einer auch in Bayern, und nur deswegen habe ich die kennengelernt.

Sollen wir grüßen an dieser Stelle?

Ja, bitte. Schöne Grüße an Christoph! Inzwischen ist der nicht mehr in Bayern, aber vielleicht hört seine Mutter ja zu.

Oder die Großmutter, während sie durch die "Brigitte Woman" blättert.

(lacht) Ja, wer weiß.

Und was ist aus dem Blog geworden? Hast du es irgendwann verschämt vom Netz genommen? Oder gibt es das noch?

Das gibt es noch im Internet, aber du bräuchtest jetzt ein Passwort. Ich habe das wirklich über bestimmt zehn Jahre, mal sehr regelmäßig, dann wieder unregelmäßig befüllt. Und irgendwann, als ich jetzt auch ein bisschen bekannter geworden bin durch Deutschland 3000, habe ich gedacht: Oh Gott, oh Gott. Ich weiß gar nicht, was man da jetzt noch alles finden und ausgraben könnte, wenn da mal wer drauf kommt. Und dann habe ich es erst mal so hinter eine Passwort-Wand gepackt und auch teilweise vom Server runtergeschoben. Es waren schöne Jahre, aber jetzt sind sie versteckt.

Zum Abschluss, Eva, kommt bei uns noch die Musikfrage: Gibt es irgendeinen Song, die nur mit dieser Zeit damals 2006 vorm Rechner beim Bloggen verbindest?

Ja, und zwar habe ich einen Song ausgewählt, nach dem ich damals dieses Blog tatsächlich benannt habe. Der Blog hieß nämlich ‘Hurra Blog‘, und das war inspiriert vom MTV Unplugged Album von den Ärzten damals. Das ist 2002 rausgekommen. Ich weiß nicht, ob ihr euch noch erinnert: "Rock 'n' Roll Realschule". Da haben die in einer Schule mit einem Realschul-Orchester ihre größten Hits aufgeführt. Und da war auch der Song "Hurra" dabei. Und als ich darüber jetzt noch mal nachgedacht, habe ich gedacht: Das war auch so clever von den Ärzten damals, weil die, glaube ich, durch dieses Unplugged-Album noch mal eine neue Generation von Fans erschlossen haben. Und dazu habe ich auch gezählt

Dann rufen wir jetzt gemeinsam mit dir und den Ärzten: Hurra! Danke fürs Gespräch, Eva.

Danke euch! Das hat Spaß gemacht.

Deutschland3000 findet ihr in der ARD Audiothek und überall wo es Podcasts gibt.