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Das deutsche Kino kann auch radikal „Mein Bruder heißt Robert und ist ein Idiot“ ist ein anstrengender - und verstörend guter Film

Dieser Film ist wie kein anderer, der dieses Jahr ins Kino kommt. Philip Gröning beschreibt die intensive Beziehung eines Zwillingspärchens, deren philosophische Überlegungen in rohe Gewalt umschlagen.

Von: Roderich Fabian

Stand: 20.11.2018

Mein Bruder heißt Robert und ist ein Idiot (Filmstill) | Bild: W-Film

Wenn man weiß, dass Philip Gröning sich in seinen Filmen immer mit den Abgründen der deutschen Seele beschäftigt, und wenn man sieht, dass sich im Hintergrund einer Sommerwiese die Alpen abzeichnen, dann ist klar, dass dieser Film in Oberbayern gedreht wurde. Wir sehen die Geschwister Elena und Robert auf dieser Wiese sitzen, beide um die 18. Elena steht die Abiturprüfung in Philosophie bevor. Robert belehrt Elena in erster Linie mit Theorien zum Wesen der Zeit. Er zitiert die thermodynamischen Gesetze und Denker wie Heidegger und Nietzsche, deren Theorien bekanntlich auch mit den Leitsätzen des Faschismus verstrickt wurden.

Symbiotische Zwillingswelt

Autorin Julia Zange spielt hier ihre erste Kinorolle

Ja, Robert ist ein schlaues Kerlchen. Und während dieser ersten Stunde des Films, der fast nur auf dieser Wiese spielt und fast nur Robert und Elena zeigt, könnten wir fast den Eindruck gewinnen, hier handele es sich um einen experimentellen Lehrfilm über die Philosophie der Zeit. Aber die Beziehung der Geschwister geht über die Theorie hinaus, sie ist symbiotisch, inzestuös sogar. Und Robert ist gleichzeitig ein Idiot, in Elenas Augen zumindest. Denn er hatte eine Affäre mit Elenas Freundin Cecilia, wie wir en passant erfahren. Elena ist eifersüchtig, malt sich nicht nur die Lippen, sondern auch die Zähne mit Lippenstift an, um Robert zu provozieren: „Cecilia hat so schöne Lippen, so schöne, große, rote Lippen. Und wenn die dann ausgezogen ist... wart ihr denn ganz ausgezogen? Und wenn ihr euch küsst... Robert, küss mich mal!“

Wir werden Robert und Elena nie zuhause sehen. Auch ihre Eltern treten nicht auf. Dies ist schließlich keine Beziehungskomödie - aber auch kein dunkles, deutsches Familiendrama. Robert und Elena sind keine realen Figuren, eher Repräsentanten einer selbsternannten deutschen Elite. Und sie sind sich selbst genug. Das erfahren wir, wenn andere Figuren ins Spiel kommen: Kunden der nahegelegenen Tankstelle, die einsam ganz in der Nähe der Wiese steht. Wie ein Raumschiff steht sie da, in der ansonsten unberührten, deutschen Natur. Robert und Elena kennen sie gut, die Typen, die in dieser Tanke arbeiten. Sie wirken wie Bedienstete auf dem Hof des Prinzen und der Prinzessin. Einem Hof, auf dem die Geschwister Macht über die Angestellten ausüben.

Lo-Fi-Äquivalent zu „Natural Born Killers“

Der Film wurde auf der Berlinale 2018 heiß diskutiert

Damit beginnt der zweite, düstere Teil des Films. Die beiden Geschwister überwältigen und fesseln einen Angestellten der Tankstelle, Erich, den sie schließlich mit einer Wasserpistole foltern. Tatsächlich foltern, denn über seine Atemwegen legen sie ein Tuch, das sie ständig mit Wasser durchtränken - man nennt diese Foltermethode Waterboarding.

„Mein Bruder heißt Robert und ist ein Idiot“ ist wie kein anderer Film, der dieses Jahr ins Kino kommt. Er fordert viel vom Zuschauer: Ausdauer, Geduld, Toleranz. Aber er gibt auch viel, weil sich die Bilder im Kopf festsetzen, weil die jungen Schauspieler Julia Zange und Josef Mattes uns diese überheblichen Geschwister intensiv näherbringen. Ein wenig ist der Film wie das deutsche Lo-Fi-Äquivalent zu Oliver Stones „Natural Born Killers“ von 1994: Ein Paar, das sich über die Gesetze hinwegsetzt, über die der Thermodynamik und die des menschlichen Zusammenlebens.


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