Bayern 2 - Zündfunk

Mats Schönauer vom BILDblog im Interview „In der Bild werden Minderheiten vorgeführt und Hartz-IV-Empfänger durch den Dreck gezogen“

Angst und Hass als Methode. Zu diesem Schluss kommen Mats Schönauer und Moritz Tschermak vom BILDblog. Seit Jahren beschäftigen sie sich mit der Bild. Nun legen sie ein Buch über die auflagenstärkste deutsche Tageszeitung vor.

Von: Alexandra Martini

Stand: 12.05.2021

Bild-Titelblatt am 7.2.2018 | Bild: BR

Zündfunk: Seit fast zehn Jahren beobachten Sie für den BILDblog die Bildzeitung. Im gerade erschienenen Buch „Ohne Rücksicht auf Verluste“ werfen Sie und Ihr Kollege Moritz Tschermak der Zeitung vor, systematisch Ängste zu schüren, den Ruf unschuldiger Menschen zu zerstören, demokratische Institutionen zu torpedieren und der AfD in den Bundestag verholfen zu haben. Überschätzen Sie nicht den Einfluss der Bildzeitung?

Mats Schönauer: Nein. Wenn, dann ist das noch untertrieben. Es gibt immer noch Millionen von Menschen, die Bild für eine glaubwürdige Quelle halten. Es gibt immer noch sehr viele Medien, die von ihr abschreiben. Und es gibt Politiker, die sich reflexhaft zu Reaktionen hinreißen lassen. Das führt dazu, dass Bild eine enorme Macht hat. In vielen Fällen steckt eine klare Agenda dahinter: Minderheiten werden vorgeführt, Hartz-IV-Empfänger durch den Dreck gezogen, es wird nach unten getreten. Die Politisierung zieht sich durch das ganze Blatt, und das führt dazu, dass Bild eine enorme Macht hat.

Haben Sie dafür ein konkretes Beispiel?

Das ganze Buch ist voller Beispiele. Allein die Berichterstattung über Flüchtlinge. Bild hat über Jahre Dinge behauptet, die entweder völlig verzerrt oder falsch waren und die ein Klima geschaffen haben, das enorm gefährlich ist. Die Anti-Islam-Stimmung im Land, die auch wissenschaftlich nachgewiesen wurde, wurde maßgeblich auch von Bild mit angeheizt. Die Zeitung hat Menschen mit falschen Fakten versorgt, wodurch diese eine negative Einstellung gegenüber Geflüchteten entwickelt haben. Das zeigt sich sowohl in üblen Kommentaren in den sozialen Medien als auch in Übergriffen gegenüber Muslimen. Das sind Konsequenzen einer aufgeheizten Stimmung, an der Bild maßgeblich beteiligt war. Und das ist nur ein Beispiel von vielen.

Die Bildzeitung ihrerseits formuliert den Anspruch an sich selbst, gründlich zu recherchieren und einen gesellschaftlichen Auftrag zu erfüllen, zum Beispiel ein Ventil für Ängste zu sein. Sie wiederum werfen der Bild vor, brutal und menschenverachtend zu berichten. Wie passt das zusammen?

Sie behaupten das eine, wir das andere. Wenn man sich die Fakten anschaut, spricht das klar für unsere Sicht. Bild hat beispielsweise in mehreren Artikeln behauptet, Weihnachtsmärkte dürften sich nicht mehr so nennen, sondern müssten sich in „Wintermärkte“ umbenennen, was falsch war. Das hatten sie sich aus einem Sitzungsprotokoll des Berliner Bezirksparlaments zusammengereimt, ein Zitat verkürzt wiedergegeben und dadurch diese These aufgestellt. Das ist keine Ventilfunktion –damit werden neue Ängste gefüttert.

Diese Kritik machen Sie in Ihrem Buch stark an der Person Julian Reichelt fest. Was hat sich denn unter seiner Chefredaktion in der Bild verändert?

Bei Bild herrscht das Flaschenhals-Prinzip: Alles muss am Chefredakteur vorbei. Julian Reichelt hat nach seinem Vor-Vorgänger Kai Diekmann eine neue Brutalität in das Blatt gebracht. Diekmann hatte das alles noch spielerischer aufgefasst, mit einem Augenzwinkern und einem anderen thematischen Schwerpunkt. Da ging es mehr um Promis, Sex und Voyeurismus. Unter Reichelt geht es viel um Politik und den Islam. Da ist eine neue Härte in der Berichterstattung, in den Methoden, in der Sprache. Und das schlägt sich jeden Tag nieder in der Berichterstattung von Bild.

In ihrem Buch gehen Sie sogar so weit zu sagen, dass die Bildzeitung der AfD in den Bundestag verholfen hat. Aber neben großen Gauland-Interviews gibt es durchaus kritische Artikel zur AfD in der Bild. Woran machen Sie eine rechtspopulistische Agenda der Zeitung fest?

An den Themen, die Bild vorantreibt. Genau an den Punkten, wo die Zeitung Dinge verzerrt, weglässt oder sich ausdenkt, muss man fragen: Warum passiert das jetzt? Warum geht es immer gegen Geflüchtete? Warum werden gerade AfD-nahe Themen so gepusht von der Bild? Das muss nichts Bewusstes sein. Ich nehme Julian Reichelt inzwischen ab, dass er mit dem Personal der AfD vor allem aufgrund ihres Antisemitismus nichts anfangen kann. Aber die Themen, welche die AfD vorantreibt, überschneiden sich klar mit den Bild-Themen.

Sie haben mit verschiedenen Betroffenen gesprochen. Welche Auswirkungen hat die Berichterstattung der Bildzeitung auf die Objekte ihrer Berichterstattung?

Wir haben mit einem Mann gesprochen, dessen Bruder beim Skifahren verunglückt ist. Darüber hat Bild groß berichtet und dafür ein Foto des Verunglückten von dessen Facebook-Seite geklaut und auf der Titelseite gedruckt. Der Bruder hatte gerade die Beerdigung vorbereitet und musste dann sehen, wie Bild dieses Schicksal ausschlachtet und, ohne zu fragen, das Bild verwendet, um damit Geld zu verdienen. Das hat ihn unheimlich getroffen. Die Konsequenzen gehen so weit, dass sich Menschen in Folge der Berichterstattung der Bild das Leben genommen haben. Im Buch listen wir einige Beispiele auf. Es gibt Abschiedsbriefe, von denen auch schon Günter Wallraff berichtet hat, in denen Menschen ganz klar sagen: „Bild hat mich in den Suizid getrieben.“ Die Konsequenzen sind so furchtbar, dass man sie an die Öffentlichkeit bringen muss.

Das Buch „Ohne Rücksicht auf Verluste: Wie BILD mit Angst und Hass die Gesellschaft spaltet“ von Mats Schönauer und Moritz Tschermak ist am 11. Mai erschienen (Kiepenheuer & Witsch, 18 Euro).