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Neu im Kino „Matrix Resurrections“ ist die Fortsetzung, die die Geschichte der roten Pille verdient hat

Diesen Donnerstag startet der vierte Film der Matrix-Reihe im Kino. Wegen seines philosophischen Gehalts zählt Teil eins aus dem Jahr 1999 noch heute zu den besten Filmen aller Zeiten. 22 Jahre später hat sich einiges verändert – was Teil vier vor neue Herausforderungen stellt.

Von: Ferdinand Meyen

Stand: 21.12.2021

Neo und Trinity im Kugelhagel | Bild: picture alliance / ZUMAPRESS.com | Village Roadshow Pictures

Es ist 22 Jahre her, dass diese berühmte Szene zum ersten Mal auf einer Kino-Leinwand zu sehen war. Morpheus öffnet beide Hände, in jeder eine Pille, eine rot und eine blau. „Schluckst du die blaue Kapsel, wachst du in deinem Bett auf und glaubst, was du glauben willst“, sagt Morpheus zu Neo. „Schluckst du die rote Kapsel bleibst du im Wunderland. Und ich führe dich in die tiefsten Tiefen des Kaninchenbaus.“ Es ist die Stelle im ersten Matrix-Film, in der Hauptheld Neo erfährt, dass mit der Welt, die ihn umgibt, etwas nicht stimmt. Dass das Gefühl des Fremdseins, dass er sein ganzes Leben lang gespürt hat, real ist. Ihm wird klar, dass das, was er zuvor für die Wahrheit gehalten hat, nur eine Matrix ist. Eine Scheinwelt, geschaffen von Maschinen, die die Menschheit versklavt haben. In Wirklichkeit liegt Neo in einem Kokon, als Batterie für die Maschinen. Dass er einen Büro-Job hat, in seiner Freizeit Hacker ist, gerne auf Partys geht, wird ihm bloß vorgespielt, damit er nicht auf dumme Gedanken kommt.

Die Matrix als politische Philosophie

"Schluckst du die rote Kapsel, bleibst du im Wunderland."

Damit, sagten damals viele, war der erste „Matrix“ die filmische Umsetzung von Platons berühmtem Höhlengleichnis – der Erklärung dafür, wie bloße Ideen zu etwas werden können, das Menschen als naturgegeben vorkommt. In Platons Gleichnis sitzt eine Gruppe in einer Höhle und beobachtet Schatten, die sich von draußen an den Wänden spiegeln. Und solange diesen Menschen niemand sagt, dass es sich nur um Schatten handelt, halten die Höhlenbewohner die Schatten für die Wirklichkeit. In Matrix wird diese philosophische Theorie auf die moderne Welt übertragen.

Der Film war und ist der Weckruf, die Dinge nicht als gegeben hinzunehmen, erst Recht nicht die als natürlich geltenden Eckpfeiler der Gesellschaft. Zum Beispiel den Finanzmarkt-Kapitalismus, dessen wenige Profiteure uns wie die Maschinen in der Matrix immer erzählen, dass er das bestmögliche Wirtschaftssystem sei. Oder das Zwangskorsett der binären, per Geburt festgelegten Geschlechterordnung. Für die Wachowski-Schwestern, die 1999 noch Brüder waren, dürfte dies ein Kernthema des Films gewesen sein. Wenn man so will, war Matrix ein Film für Punks.

Die Wirkungsgeschichte der roten Pille

2021 ist die Situation aber eine andere. „Matrix Resurrections“ sieht sich auch mit der Wirkungsgeschichte seiner eigenen Idee konfrontiert. Heute wird die Reihe nicht mehr nur als queeres Manifest verstanden. Nicht mehr nur Progressive, sondern auch Rechte und Konservative haben die Idee von der roten Pille begeistert aufgegriffen, die einem das wahre Elend der Gesellschaft enthüllt. Männer-Rechtler und Incels etwa zelebrieren Matrix, wie der auf Reddit gegründete Kanal „The Red Pill“ zeigt. Ihre Idee: Die Matrix ist in Wahrheit die feministische Erzählung, die dazu dient, Männer zu unterdrücken und ihnen ihr Recht auf Sex mit Frauen zu verwehren. Die Katze beißt sich also in den eigenen Schwanz. Denn die grundlegende Kritik am System, zum Beispiel an den Geschlechterverhältnissen, wird von rechts umgedreht und selbst zur Matrix erklärt.

„Matrix Ressurections“ gelingt die Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte

Neo im neuen Film "Matrix Resurrections"

Der neue Film „Matrix Resurrections“ greift diese Problematik auf – und macht so ein Stückweit auch die missratenen Teile zwei und drei wieder gut. Neo, so viel sei verraten, ist wieder Game-Designer und glaubt, dass die Matrix nur ein Video-Spiel ist, das er selbst erschaffen hat. Die Realität, so scheint es, ist jetzt folgende: Neo war sein ganzes Leben verliebt in eine Frau, in Trinity. Und weil er die Motorrad-Braut als nerdiger Gamer nicht abbekommt, hat er eine Welt erschaffen, in der er der Held ist. Der, der die rote Pille schluckt, und dann Kugeln fangen und fliegen kann. Und der, in den sich Trinity verliebt. Die Matrix, in Wirklichkeit ein Kassenschlager, Neo, in Wirklichkeit ein Incel ohne Partnerin. Sein Therapeut, gespielt von Neil Patrick Harris, versucht ihm klar zu machen, dass die Fantasien von wilden Verfolgungsjagden und Kämpfen in der Luft nur eine Flucht aus der eigentlich Realität sind. Der Film dreht also seine eigene Idee um wie die Männer-Rechtler die Idee der roten Pille.

Subversion als Teil der Matrix

Auch haben die Maschinen der Matrix im Jahr 2021 die Kritik an sich selbst als neues Feature hinzugefügt. Das Subversive ist nun Teil der Simulation. Wie im neuen, progressiven Kapitalismus, der Systemkritik und Antikapitalismus vermarktet und so stabil bleibt. Wie genau die Maschinen das machen, sei an dieser Stelle nicht verraten. Und natürlich stellt sich doch alles bald wieder ganz anders dar, und Neo kommt der Wahrheit auf die Spur. Ohne zu viel Spoilern zu wollen lässt sich deshalb sagen: "Matrix Ressurrections", den Lana Wachowski ohne ihre Schwester gedreht hat, kann man als Statement gegen die Vereinnahmung der roten Pille lesen, als Absage an alle, die nicht verstehen wollen, worum es eigentlich geht.