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Film: "Born in Evin" Diese Frau kommt in einem iranischen Foltergefängnis zur Welt - 35 Jahre später dreht sie einen bewegenden Film darüber

Schauspielerin, Regisseurin, Autorin und ehemaliger Häftling des iranischen Regimes: Maryam Zaree ist in einem iranischen Foltergefängnis geboren. Jetzt hat sie ihren ersten Dokumentarfilm „Born in Evin“ auf der Berlinale vorgestellt. Darin spürt sie den grausamen Umständen ihrer Geburt nach.

Von: Florian Fricke

Stand: 13.02.2019

Maryam Zaree | Bild: picture-alliance/dpa

Maryam Zaree wurde 1983 im berüchtigten Foltergefängnis Evin in Teheran geboren, ihre Eltern waren Regimegegner. Aufgewachsen ist sie in Frankfurt am Main. Ihre Mutter konnte mir ihr als Zweijährige nach Deutschland fliehen, wo sie Asyl bekamen. Ihr Vater verbrachte insgesamt sieben Jahre im Gefängnis, bevor auch er fliehen konnte. Erst als Neunjährige lernte sie ihn kennen. Maryam hat einen jüdischen Stiefvater, ihre Mutter ist Psychotherapeutin und Kommunalpolitikerin der Grünen in Frankfurt.

Man kennt Maryam Zaree aus vielen Film- Fernseh- und Theaterrollen. Nun hat sie auf der Berlinale ihren ersten eigenen Dokumentarfilm „Born in Evin“ vorgestellt, in dem sie versucht die Geschichte der politischen Verfolgung ihrer Familie aufzudecken.  

Zündfunk: Wann hast du das erste Mal angefangen zu spüren, dass es da eine Leerstelle in deiner Biografie gibt?

Maryam Zaree: Ich glaube, das war immer Teil meines Lebens. Es gab immer dieses Wissen darum, dass da was verborgen ist, wovor man Angst hat, das man vermeiden möchte und hofft, wenn man lange genug nicht hinguckt, dass es dann irgendwann verschwindet. Das tut es aber nicht.

Eigentlich wolltest du weltweit Gleichaltrige finden, die im selben Gefängnis geboren wurden, und mit denen einen Film machen. Aber überall triffst du nur auf Schweigen.

Ja, und das ist auch mein eigenes Schweigen gewesen, weil ursprünglich wollte ich in meinem Film gar nicht vorkommen, und das war eine Fortsetzung des Verdrängens – bis ich irgendwann gemerkt habe, wenn ich nicht den Mut finde vorzutreten und zu sagen, das ist uns passiert, dann wird kein Wandel passieren. Dann werde ich nur das reproduzieren, was ich versuche zu durchbrechen.  Aber ja, der Widerstand, nicht darüber reden zu wollen – das kennen wir gesellschaftlich und in den eigenen Familien. Es ist schwierig, über das eigene Verwundetsein zu sprechen. Es ist schwierig zurückzublicken und zu sagen, wir wurden entmenschlicht. Ich finde auch, dass man den Überlebenden den Vorwurf nicht machen kann, dass sie einen anderen Umgang damit finden müssten. Es geht darum, als zweite Generation zu fragen: Wie ist unser Umgang damit?

Und da hilft dein Film, das zu verstehen. Im Film spürt man, wie sehr du leidest auf deiner Suche. Niemand erlöst dich und sagt frei heraus, was damals war. Ich könnte mir auch vorstellen, dass das Projekt ein paar Mal auf der Kippe stand.

Ein großer Unterstützungsmoment war das Gespräch mit der Soziologin Shala Shafir, die sagt, dass das Schweigen Teil unserer Geschichte ist und dass das Aufdecken des Schweigens schon Teil des Prozesses ist. Der Despotismus oder der Faschismus versuchen das Individuum auszulöschen, und darum ist es ein Akt des Widerstands, seine eigene Geschichte zu suchen. Aber gleichzeitig kann sie da nicht alleine stehenbleiben, sondern geht ins Kollektiv über. Ihre Ermutigung ist auch für meinen Weg fast programmatisch geworden: Okay, ich werde es tun und versuchen, all das miteinander zu verweben. Der Individualismus hat eine Bedeutung. Da geht es nicht ums Ego oder darum, sich selbst zur Schau stellen, das ist das letzte, was ich wollte. Aber trotzdem all das zu zeigen, was schwierig ist, auch die Tränen – all das ist auch politisch, obwohl es erst einmal den Anschein des privaten oder persönlichen macht.

Hattest du denn eine ungefähre Vorstellung, was du vielleicht finden, in welche Schmerzkanäle und Abgründe du hinabsteigen wirst, und wo es vielleicht zu heiß sein wird?

Ich hatte mich im Vorfeld viel mit der mythologischen Heldenreise nach Campbell beschäftigt, die auch die dramaturgische Grundlage bietet für meinen Film. Ich wusste also, ich werde als Regisseurin mich als Protagonisten benutzen, um diesen Prozess sichtbar zu machen. Aber in dieser Schizophrenie bin ich dann wirklich in diesem Prozess gelandet, und der Film zeigt davon nur einen Ausschnitt. Weil in die Unterwelt hinabzusteigen heißt, in die Unterwelt hinabzustiegen, es heißt auch dort zu sterben letztendlich. Die Dimension des Ganzen – das kann man nicht wissen, wenn man den Prozess nicht geht.

Man sieht sehr viel Verlegenheit in dem Film, zum Beispiel als du deiner Mutter den ersten Teaser vorspielst. Hat dich deine Familie trotzdem im gesamten Prozess unterstützt, oder gab es auch Widerstände?

Als Gemeinschaft war uns auch nicht klar, wie existentiell dieser Prozess für uns alle werden wird, dass es wirklich um Wandel geht. Es ging nicht um den Film, sondern schaffen wir es, uns zu heilen, etwas zu verändern? Und wenn wir das schaffen, können wir das für Alle schaffen?

Wie weit kann man Traumata überhaupt verbal aufarbeiten? Wie tief kann man wühlen?

Es würde den Film nicht geben, wenn ich nicht zutiefst dran glauben würde, dass es eine Notwendigkeit gibt, dorthin zu gehen, wo es einem Angst macht. Dazu gehört auch, dass man diese didaktische Haltung überwindet, zu sagen, das sind die Täter, und man nimmt sich selber aus dieser Gleichung heraus.  Sich erlauben, die Fragen zu stellen: Was bedeutet das in mir? Was bedeutet meine Angst, meine Verdrängung? Wenn diese Schatten in mir existieren, dann müssen sie doch auch im Großen existieren. Ich will es auch nicht ein Aufwühlen nennen, sondern eine Anerkennung von dem, was geschehen ist. Es ist eine konkrete Zielsetzung des Regimes, das zu unterdrücken und die Opfer zum Schweigen zu bringen. Und die Opfer internalisieren das Schweigen. Aber nein, ich tue das nicht. Sprache ist dabei als Werkzeug natürlich limitiert. Deshalb versucht das Kino über Poetik, über Körper, über Stimme, sprich mit allen Mitteln des Films sichtbar zu machen, wo die Sprache nur die Spitze des Eisbergs ist.

Wie waren denn die Reaktionen auf der Premiere?

Ich glaube ohne Übertreibung, dass wohl immer noch 300 Menschen geweint haben, obwohl schon das ganze Team auf der Bühne stand. Und es hat sich eingelöst, was ich mir gewünscht hatte, dass es den persönlichen und spezifischen Kontext verlässt und bei den Leuten eine Selbstbefragung losgeht. Und das war verrückt zu sehen, wie selbst noch auf der Premierenfeier die Leute aufgewühlt und weinend dasaßen – dass der Film offensichtlich mehr mit ihnen zu tun hatte, als mit mir.

Der Film "Born in Evin" feierte auf der 69. Berlinale Premiere.


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