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#failoftheweek Lieber Martin Sonneborn, es wird Zeit für die Die PARTEI-Auflösung!

Europaabgeordneter Nico Semsrott hat die Satirepartei "Die Partei" verlassen, wegen eines misslungenen Witzes des Partei-Vorsitzenden Martin Sonneborn. Der Streit ist das Witzigste, was die Partei in letzter Zeit zustande gebracht hat, kommentiert Christian Schiffer. Und er fordert weitere Konsequenzen.

Von: Christian Schiffer

Stand: 15.01.2021

Der Satiriker, Mitglied des Europäischen Parlamentes und Bundesvorsitzende der Partei «Die PARTEI», Martin Sonneborn | Bild: picture-alliance/dpa/Gregor Fischer

Bundestagswahl 2005: Gerhard Schröder ist noch Kanzler, die SPD noch eine Volkspartei und die gerade gegründete Satire-Partei Die PARTEI noch lustig. Ihre Wahlwerbezeit hat die PARTEI auf eBay an den Meistbietenden verhökert und nun sitzt da Martin Sonneborn in den knallgelben Farben der Billigfluggesellschaft HLX und bringt zur besten Sendezeit eimerweise Schleichwerbung unter das Wahlvolk.

Als die PARTEI noch Avantgarde war

Die PARTEI hatte sich etwa ein Jahr vorher gegründet und brachte endlich ein paar Grautöne in den bunten Politik-Betrieb. Die aschfahlen Anzüge der Partei-Apparatschiks wurden schnell das Erkennungszeichen der neuen politischen Formation. Und schon bald wurden "Delirierte" (haha!) der Partei mit großen Tamtam sogar von Schalwa Natelaschwili empfangen, dem Vorsitzenden irgendeiner georgischen Oppositionspartei. Er hatte nicht gecheckt, dass er es nicht gerade mit dem neuen politischen Kraftzentrum der Bundesrepublik Deutschland zu tun hatte.

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Martin Sonneborn trifft Schalwa Natelaschwili, Führer der Arbeiterpartei Georgiens | Bild: sozialist. ge (via YouTube)

Martin Sonneborn trifft Schalwa Natelaschwili, Führer der Arbeiterpartei Georgiens

Aus dem Untergrund ins Europaparlament

Das alles war neu, das alles war entlarvend und ja, das alles war lustig. Wenn wieder eine Wahl anstand, da freute man sich über die lustigen Die PARTEI-Plakate, die in der Fußgängerzone standen mit Slogans wie "Pfand rauf, Armut runter!" oder "Ja zur Massenbierhaltung!" oder auch einfach nur "Nazis töten!". Doch dann passiert das Schlimmste, was der Partei Die PARTEI hätte passieren können: Sie wurde erfolgreich. 2014 zog Martin Sonneborn ins Europaparlament ein und ärgerte zunächst den ungarischen Kandidaten für die EU-Kommission mit dieser Rede:

"In ihrem Land stehen antisemitische Schriftsteller auf den Lehrplänen der Schulen. 21 Prozent der Ungarn sympathisieren mit den Rechtsextremen. Dürfen wir, wenn sie Kommissar für Kultur, Bildung, Jugend und Bürgerrechte werden, darauf hoffen, dass 'Mein Kampf' von Adolf Hitler oder 'Das kleine abc des Nationalsozialisten' von Joseph Goebbels zur Pflichtlektüre der europäischen Jugend gehören werden?"

- Martin Sonneborn 2014

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Martin Sonneborn stellt Tibor Navracsics eine Frage | Bild: MuffinCompiler \o/ (via YouTube)

Martin Sonneborn stellt Tibor Navracsics eine Frage

Wenn sich Satire nur noch auf sich selbst bezieht

Als Sonneborn Europaabgeordneter wurde, da beendete der erfolgreichste Satirepolitiker der Welt übrigens gerade seine Polit-Karriere: Jón Gnarr hatte mit der Partei "Die beste Partei" 2010 einen Erdrutschsieg bei der Bürgermeisterwahl in Reykjavik eingefahren, auch weil er kostenlose Handtücher und einen Eisbären für den städtischen Zoo versprochen hatte.

Als Bürgermeister machte er etwas, was wenige von ihm erwartet hatten: Gute Politik. Er sanierte die Stadtfinanzen, machte die Kommune grüner und ließ vor allem die Eisbären in Ruhe, weil er bewusst alle Wahlversprechen brach – genauso, wie er es vor der Wahl versprochen hatte. Und was machte Sonneborn? Witze über die EU-Bürokratie. Witze über Politiker am Buffet. Witze über die Brüsseler EU-Blase. Witze über den israelischen Ministerpräsidenten Netanjahu. Naja.

Noch schlimmer kam es im Jahr 2019, als die Partei bei der Europawahl 2,4 Prozent holte und in Berlin sogar die FDP hinter sich ließ. Nun zog nicht nur Sonneborn ins EU-Parlament ein, sondern auch noch Nico Semsrott:  

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LETZTWÄHLER - EINE GEFAHR FÜR EUROPA! | Wahlwerbespot zur Europawahl 2019 | Die PARTEI | Bild: Nico Semsrott (via YouTube)

LETZTWÄHLER - EINE GEFAHR FÜR EUROPA! | Wahlwerbespot zur Europawahl 2019 | Die PARTEI

Satire als Mittel der Politik?

Und noch etwas hatte sich verändert. Trump, Reichsbürger, Verschwörungsspinner, Nazis - die Demokratie wurde von wütenden weißen Weirdos bedroht, viel weirder, irrer und gefährlicher als jeder noch so geschmacklose Witz von Partei-Weirdo Sonneborn.

Die seriöse Verteidigung der Demokratie gibt man in so einem Fall dann doch lieber in die Hände von humorlosen Politprofis mit grimmiger Parlamentarier-Visage als in die von zwei PARTEI-Clowns, die Witze über den Bauchumfang von Elmar Brok machen. Oder anders: Eine Partei, die sich über den Politikbetrieb lustig macht, passt irgendwie nicht in eine Zeit, in der die Spielregeln des Politikbetriebs dauernd durch Rechtsextreme gebrochen und ins Lächerliche gezogen werden.

Semsrott gegen Sonneborn

Wer hat uns verraten? Die PARTEI-Soldaten! Und deswegen liegt in dem Bitchfight zwischen Sonneborn und Semsrott auch eine Chance. Denn dieser Beef ist mit Abstand das albernste, was Die PARTEI in letzter Zeit zustande gebracht hat. Deswegen: Weitermachen! Kaum etwas wäre so witzig wie eine zünftige Parteispaltung, am besten in 18.273 Splittergruppen, mit Bundesschiedsgericht, Parteiausschlüssen, Unvereinbarkeitsbeschlüssen und allem Zipp und Zapp. Am Ende würde im besten Fall die PARTEI-Auflösung stehen und wir alle hätten endlich wieder etwas zu lachen. Zwinkersmiley.


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