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Marlene Engelhorn Diese Studentin will 90 Prozent ihres Millionenerbes spenden - weil es nicht besteuert wird

Die ProPublica-Stiftung hat gerade aufgedeckt, dass Amerikas Milliardäre kaum Steuern zahlen. Aber: Wer vermögend ist, muss nicht zwangsläufig Steuervermeider sein. Manche fordern sogar explizit mehr Steuern. Die 29-jährige Germanistik-Studentin Marlene Engelhorn aus Österreich zum Beispiel. Sie wird viele Millionen erben und will 90 Prozent davon spenden. Wie konnte es dazu kommen?

Von: Oliver Buschek

Stand: 09.06.2021

Marlene Engelhorn | Bild: Privat

Es gibt diese Vorurteile, von denen man eigentlich hofft, dass sie widerlegt werden. Wenn es etwa eine Untersuchung gibt zu der Frage: Wie viele Steuern haben eigentlich die Superreichen der USA in den vergangenen Jahren so abgedrückt? Dann wäre es doch schön zu hören: Hunderte von Millionen sind da an den Fiskus geflossen, mit denen zum Beispiel Schulen, Museen oder Projekte für arme Familien finanziert werden.

Aber von wegen: Die Stiftung für investigativen Journalismus ProPublica hat gerade aufgedeckt, dass Amerikas Milliardäre kaum Steuern zahlen, Jeff Bezos zum Beispiel in den Jahren 2007 und 2011 keinen einzigen Cent. Legal, aber unter Ausnutzung aller finanztechnischen Möglichkeiten.

Doch: Wer vermögend ist, muss nicht zwangsläufig Steuervermeider sein. Manche fordern sogar explizit mehr Steuern. So wie die 29-jährige Germanistik-Studentin Marlene Engelhorn aus Österreich, die viele Millionen erben wird - ein zweistelliger Betrag soll es sein. Sie sagt aber jetzt schon: Ich werde davon 90 Prozent spenden.

Zündfunk: Hallo Marlene. Warum diese Verzichtserklärung? Was hat dich dazu bewogen?

Marlene Engelhorn: Idealerweise wäre das ja keine Privatangelegenheit. Und das war es ja auch nie, dass diese Art von Entscheidungsgewalt bei einem Einzelmenschen liegt. Und da wir in Österreich keine Vermögenssteuern und keine Erbschaftssteuer haben, hab ich mir gedacht, konsequent, wenn ich das durchdenke, dann mache ich mir halt selber eine, und das sind mindestens 90 Prozent. Ist ja keine Frage des Wollens.

Das Erbe beläuft sich, so war es zu lesen, auf einen zweistelligen Millionenbetrag. Weißt du es genauer?

Ich weiß es nicht genau, aber es ist ein zweistelliger Millionenbetrag. Der ist wahrscheinlich in Anlagen, und das kann mehr geworden sein oder weniger. Da es mir noch nicht gehört, habe ich keinen Einblick und kann's nicht verraten.

Also zur Einordnung: Das ist das Geld deiner Großmutter. Du bist eine Nachfahrin von Friedrich Engelhorn, das war der Gründer von BASF. Deine Großmutter Traudl Engelhorn Vecchiato ist 94 Jahre alt und noch bei einigermaßen guter Gesundheit, hoffe ich. Also, es ist nicht so, dass das Erbe schon direkt vor der Tür steht, oder? Aber du bist in einer Situation, wo du dich damit auseinandersetzen musst.

Es wurde bereits hochoffiziell angekündigt. Aber es geht der Oma gut, soweit ich weiß. Rüstig ist sie.

Wer kriegt denn nun das Geld? Hast du dir schon Gedanken gemacht, was mit diesen 90 Prozent passieren wird?

Da fängt es doch schon an, oder? Dass eine Person wie ich da entscheiden soll, wo dieses Erbe hingeht und wer das kriegt und wer nicht. Das sollte idealerweise keine Privatangelegenheit sein. War es auch lange nicht. In den meisten Industriestaaten gibt es tatsächlich Erbschaftssteuern, zum Beispiel auch in Deutschland, in Österreich aber wiederum nicht. Es ist eine Machtfrage in Wahrheit. Es sollte demokratisch und transparent gelöst werden. Dafür gibt es ja Steuerpolitik. Weil wer so viel Geld bekommt, bekommt auch unwahrscheinlich viel Macht und Lebenschancen, die andere Menschen gar nicht haben können. Und idealerweise werden umfangreiche Vermögenssteuern, dieses oberste Prozent, zudem ich dann gehöre, besteuern, damit dieses angehäufte Geld, das man durch reguläre Arbeit gar nicht verdienen kann, nicht einfach weiter dort dynastisch gebunden wird und auch dafür sorgt, dass dann so obszön reiche Menschen wie ich das einmal sein werde, sich zur Not auch einfach den Einfluss kaufen, weil sie ihn sich leisten können, sowohl in der Wirtschaft als auch in der Politik. Und es wird verhindert, dass die sich danach noch zur Not zurechtzimmern, dass es keine Steuern gibt. Das ist alles schiach, wie das läuft.

In Österreich sagt man "schiach" für ungut. Das hat mit Demokratie einfach nichts mehr zu tun. Meine Stimme zählt ja dann quasi mehr als die von allen Menschen, die da jetzt zugehören, weil ich mir den Einfluss kaufen könnte. Das darf in einer Demokratie nicht sein. Insofern beschäftige ich mich jetzt schon mit diesem Thema, damit es idealerweise wegbesteuert wird. Weil so müsste es gehören. Das geht alle etwas an.

Das heißt also, so eine Initiative wie Bill Gates sie gegründet hat „Giving Pledge“, wo quasi sich schwerreiche Menschen selbst verpflichten, Geld abzugeben, das wäre dir noch zu wenig? Also du willst, dass der Staat ordentliche Steuersätze auferlegt?

Ja, es ist doch hochproblematisch, wenn Privatpersonen wie Bill Gates mehr geopolitische Macht haben als manche Staaten. Das kann nicht sein, oder? Ganze Gesellschaft machen sich dann vom Wohlwollen von Superreichen abhängig. Es fragt dann noch auch keiner, wo das Geld herkommt, dass die Gates Foundation ausgibt. Mackenzie Scott zum Beispiel, darauf werde ich auch oft angesprochen, die hat Milliarden gespendet. Aber tatsächlich hat sie das in ein paar Tagen wieder erwirtschaftet gehabt, weil Amazon-Anlagen auf dem Rücken von Menschen durch Ausbeutung ihre Philanthropie finanzieren. Ja, und dann wird an allen Ecken und Enden obendrein Steuern gespart. Das haben wir ja jetzt auch durch diese Veröffentlichung mitbekommen. Da wird dann einen Bruchteil des Vermögens demonstrativ wohltätig irgendwo ausgegeben. Das ist wahnsinnig heuchlerisch. Ein Wahnsinn. Bei „Giving Pledge“ ist es auch wieder so, dass man da wartet man bis man so circa tot ist und erst dann erklärt man sich bereit, auch noch gut was herzugeben. Aber vorher? Vorher sind die Leben der Anderen nicht so viel wert und die Probleme nicht so dringend. Da ist sie wieder, die Machtfrage. Ich finde das wahnsinnig problematisch. Da werden auch viele Fragen einfach nicht gestellt, die gestellt werden müssten.

Du bist ja dennoch nicht alleine mit deiner Haltung. Also es gibt eine Vereinigung, die heißt „Millionärs for Humanity“, ein internationaler Zusammenschluss von Menschen, die ähnlich denken wie du. Da ist zum Beispiel auch Abigail Disney mit dabei, muss man gar nicht sagen, aus welchem Imperium die stammt. Oder auch Jerry Greenfield. Den kennt man als einen der beiden von Ben und Jerry's Eis. Und diverse Andere. Wie habe ich mir dieses Netzwerk vorzustellen? Ist das so eine kleine Klitsche der Außenseiter? Oder wächst diese Bewegung?

Es werden, soweit ich weiß, mehr. Ich habe jetzt nicht den super Einblick. Aber auf jeden Fall ist es eine Initiative von Superreichen, die sich gemeinsam zu Minimalkonsens bekennen. Dass es nämlich ohne Vermögenssteuer nicht geht mit einer gerechten Welt, und dass es über die Philanthropie hinausgehen muss. Also in meinen Augen sind die Forderungen noch viel zu niedrig angesetzt. Aber es ist wenigstens ein guter Anfang und ein guter Wille. Am Ende des Tages gilt auch hier wieder: Die Gesellschaft sollte nicht darauf angewiesen sein, dass Superreiche ihnen erklären, "Ja, Vermögenssteuer empfinden wir eigentlich ganz in Ordnung, und ihr dürft das schon sehr gerne machen und wir sagen euch jetzt noch am Besten, wie!“ Das kann es nicht sein. Also da gibt es demokratische Prozesse, und man kann das anders lösen. Die Gesellschaft und der Staat, das sind am Ende des Tages wir alle. Und wenn wir uns das gemeinsam auskaspern, dann kriegen wir das hin. Dieses Narrativ sollte aufgebrochen werden, welche Zumutbarkeiten bei Superreichen gelten, die bei anderen überhaupt nie greifen. Niemand fragt, ob es zumutbar ist, dass auf ein Arbeitseinkommen horrende Steuersätze anfallen, aber auf Vermögen nicht. Das kann es einfach nicht sein. Und deswegen wollen wir diese Position als künftig Betroffene nutzen, um uns für gerechte Steuern einzusetzen und glaubhaft zu machen, dass es nicht der Konsens unter Superreichen is, das Steuern bescheuert sind. Sondern im Gegenteil, dass die wichtig und gut sind und dass wir uns einsetzen wollen.

Du bist jetzt vor einer Weile an die Öffentlichkeit gegangen, mit deinem Plan, 90 Prozent des Erbes eben abzugeben. Du bist dadurch auch ein bisschen bekannt geworden. Ich kann mir auch vorstellen, so in deinem Umfeld an der Uni oder wo auch immer, da hat vielleicht auch gar nicht jeder gewusst, aus welcher Familie du stammst. Wirst du deswegen ein bisschen anders behandelt, seit bekannter ist, wieviel Geld da in einem familiären Hintergrund ist?

In meinem direkten Umfeld jetzt eher nicht so, weil da war ich vorher schon ziemlich offen. Nicht überall und nicht mit allen, aber ich habe jetzt kein Problem damit, dass man das weiß. Und wenn man mich vorher gegoogelt hätte, dann hätte man über den Nachnamen sicher auch das eine oder andere gefunden. Insofern: Es gibt solche und solche Reaktionen. Die meisten Reaktionen sind wohlwollend, und ich möchte den Diskurs ja stärken. Insofern freue ich mich, wenn ich mich austauschen kann. Und wenn ich dafür einen Beitrag leisten kann zum Diskurs.

Und in deiner Familie? Ist es so, dass die Entscheidung Unterstützung findet oder droht die Enterbung?

Über meine Familie spreche ich nicht in der Öffentlichkeit, weil die können sich nicht wehren. Und das ist unfair. Egal was ich sage. Ob es gut ist oder schlecht, das macht man einfach nicht.


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