Bayern 2 - Zündfunk


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Mark Tavassol im Interview „Die Kampagne #allesdichtmachen ist eine besonders dämliche Aktion“

Mark Tavassol ist Musiker – und Impfarzt. Wir haben ihn gefragt, warum er für den Impfstoff AstraZeneca kämpft, was er von den Lockdown-Regeln und von der Kampagne #allesdichtmachen hält.

Von: Aylin Doğan

Stand: 23.04.2021

Mark Tavassol auf einem Konzert der Band Gloria | Bild: picture alliance / R. Goldmann | Ralph Goldmann

Mark Tavassol ist Arzt und gleichzeitig Musiker. Viele kennen ihn als Bassisten von Wir sind Helden oder an der Seite von Klaas Heufer-Umlauf in Gloria. Doch Mark Tavassol ist auch Arzt – arbeitet in Hamburg in einem Impfzentrum. Außerdem leitet Tavassol die Studioband der Fernsehsendung Late Night Berlin.

Zündfunk: Wie ist denn die Stimmung im Impfzentrum allgemein gerade?

Mark Tavassol: Das besondere an der Arbeit im Impfzentrum ist, dass wir dort Mitarbeiter*innen haben, die sehr idealistisch unterwegs sind. Das ist offensichtlich auch eine Voraussetzung, sich da auch für zu melden und die Arbeit zu machen. Das wirkt sich sehr positiv auf die Stimmung und das Miteinander aus. Auf der anderen Seite haben wir auch sehr positiv eingestimmte Impflinge. Das heißt, die Leute die da hinkommen, sind überwiegend froh, dass sie da sind. Natürlich gibt es da auch Ausnahmen bzw. gab es auch aufgrund der Medienberichterstattung dann bestimmte Tage, wo es ganz anders war. Wo man den Leuten viel erklären musste, weil sich eine Verunsicherung breitgemacht hatte. Aber im Großen und Ganzen ist das schon eine sehr dankbare Aufgabe.

Hast du dich als Arzt und Musiker, den die Pandemie nicht so trifft, in einer Schuld gesehen, auch deinen Beitrag zu einer Besserung zu leisten? Oder wie kam es dazu, dass du jetzt einmal die Woche noch Menschen impfst?

Also ich arbeite da jetzt nicht, weil ich dachte, dass ich mit meinem kleinen Beitrag meine Rückkehr auf die Bühne beschleunigen kann. Sondern ganz einfach deshalb, weil ich beeindruckt von der Situation bin. Im Positiven wie im Negativen. Mich hat es auch sehr berührt, dass es in meinem Umfeld viele Leute gab, denen es sehr viel abverlangt hat. Aus der Gastronomie oder aus der Kunst. Und dann kam irgendwann das Thema Impfzentrum immer näher. Es war klar, dass bald die ersten Impfzentren entstehen werden. Ich hatte eigentlich nicht wirklich Zeit, hab dann geschaut, was ich wann wie fertig bekommen will. Und dann festgestellt, dass ich doch mindestens einen Tag die Woche ab Februar Zeit haben kann. Also habe ich mich beworben. Und dann hat es zum Glück sehr schnell geklappt.

Du klärst gerne über den Impfstoff AstraZeneca auf. Wieso ist Dir das so wichtig?

Die Leute denken oft dass AstraZeneca nicht richtig wirkt, weil sie die Wirksamkeit von 78% bemängeln. Dann muss man natürlich in dem Moment erklären: AstraZeneca schützt genauso wie Biontech oder Moderna zu 100% vor schweren Verläufen. Die Impfstoffe schützen einen davor, dass man mit Covid-19 ins Krankenhaus kommt. Das heißt, was sind denn dann diese Wirksamkeiten? Das sind leichte Verläufe, teilweise Verläufe, die man noch nicht mal wahrnimmt. Die gibt es dann noch zu diesen Prozentsätzen und ja, da unterscheiden sich die Impfstoffe auch. Aber beispielsweise hat AstraZeneca auch den Vorteil, dass dieser Impfstoff bei der Erstimpfung schon relativ viel von seiner Wirkung entfacht. Das heißt, wenn man mit einer Impfung erstmal ein paar Wochen auskommen und durch die dritte Welle gelangen muss, dann ist man vielleicht sogar ganz gut beraten, einen Impfstoff zu haben, der mit seiner Erstimpfung schon eine stärkere Wirkung als andere entfaltet. Und damit haben wir schon das Argument wieder aufgehoben, dass da eine Wirksamkeit schlechter wäre. Wenn man nicht vergisst, dass alle Impfstoffe einen nach der zweiten Impfung zu 100% vor den gefürchteten schweren Verläufen schützen. Und das ist halt auch relativ schnell erklärt. Warum soll man dann nicht Kanäle wie Instagram und Facebook dazu nutzen, dass auch an die Leute zu bringen, die einem vielleicht wegen anderer Sachen folgen oder die sozusagen mal vorbeischauen. Ich habe da sehr gute Erfahrungen gemacht und auch Feedback bekommen.                     

Was haben die Medien in der Berichterstattung falsch gemacht?

Leider ist da einiges nicht so optimal gelaufen. Und ich mein jetzt nicht explizit den Boulevard, sondern alle Medien. Auch die seriösen. Und zwar wird beispielsweise oft berichtet, dass es zu irgendwelchen traurigen Ereignissen gekommen ist bei Impfstoff XYZ. Zuletzt war es natürlich AstraZeneca, der da im Fokus stand. In Großbritannien hieß es zum Beispiel: Sieben Tote durch AstraZeneca im Rahmen einer Sinusvenenthrombose. Und wenn man weiter unten nachliest im selben Artikel, heißt es dann: 18 Millionen Impfungen. Auf 18 Millionen Impfungen dann sieben Tote zu beklagen, ist natürlich für die sieben Menschen und Familien schlimm und traurig. Aber wenn es dann darum geht hier eine ganze Bevölkerung vor einer Pandemie zu schützen und eine Impfkampagne, die uns auch davor schützen kann auch zu unterstützen, dann kann man doch auch sagen, dass sieben von 18 Millionen ein verschwindend geringes Risiko darstellt. Dass das nicht in die Headline kommt, sondern erstmal nur die Anzahl der Opfer. Das ist, finde ich, problematisch. Und das hat dazu geführt, dass viele Menschen, die das erstmal sehen und dann weitergehen oder weiterblättern, dass mit dem Impfstoff assoziieren.

Gerade wird heftig diskutiert, ob und wie wir die bildungsferneren Schichten besser erreichen können. Viele wissen gar nicht, dass sie sich nach oben priorisieren können, wenn sie bestimmte Haken setzen. Hast du eine Idee, wie wir die Infos und das Wissen besser streuen könnten?

Das ist ja nicht nur bei Covid-19 oder der Corona-Pandemie ein Thema. Man muss ja generell auch zusehen, dass man präventive Medizin, gesunde Lebensweise und was da alles dazu gehört auch den Leuten Nahe bringt, die jetzt zum Beispiel nicht von ihrem Elternhaus dazu erzogen werden, darauf besonders großes Augenmerk zu richten. Dann haben wir natürlich dasselbe Problem mit einer Sprachbarriere, dass es natürlich Menschen gibt, die nicht jede Nachricht sofort verstehen. Jede Überschrift, jeden Artikel mal eben so in der U-Bahn durchlesen und dann noch mehr über die Pandemie wissen. Da ist immer Luft nach oben. Da wird schon viel gemacht, aber da wird sich auch immer darauf verlassen, dass die Leute das dann irgendwie verstehen müssen, so wie wir das gerade formuliert haben. Und es gibt einige Online-Formate, wo man auch auf einfache Sprache wechseln kann. Es gibt nicht so viele, wo man tatsächlich in gängigen anderen Sprachen, die in Deutschland auch in Familien gesprochen werden, sofort die Kerninformationen übersetzt bekommt. Das sind natürlich Sachen, die ich persönlich sehr begrüßen würde. Weil das auch die Chancengleichheit erhöht und das Angebot auch an Leute trägt, die wirklich aufgeschlossen wären, es aber nicht passiert, dass sie in Genuss dieser Informationen kommen.

Wie befeuert denn das Internet die ganzen Diskussionen um die Corona-Politik oder die Pandemie?

Man beobachtet Leute dabei, wie sie bestimmte Zusammenhänge nicht verstehen, aber sich ihrer Sache dann so sicher sind, dass sie etwas Missionarisches entwickeln, was dann natürlich besonders absurd wird. Beispielsweise habe ich ein Video vor Augen, ich glaube, das war der erste Lockdown, wo einer im Dönerladen stand und meinte: „Hier schau mal. Hier darf ich den Döner nicht essen.“ Und dann macht der Mensch einen Schritt vor die Tür und sagt: „Hier darf ich reinbeißen.“ Dann geht er wieder rein: „Hier darf nicht essen.“ Und dann geht er wieder raus: „Hier darf ich reinbeißen.“ Wie absurd bitte, dass sich jemand über den Nimbus lustig macht, wo eine Regelung einfach greifen muss. Also man kann ja auch im Auto sagen: „Jetzt rollt der wagen, jetzt muss ich mich anschnallen. Jetzt rollt er nicht, jetzt muss ich mich nicht anschnallen.“ Das ist ja völlig absurd und das verstehen die Leute nicht, dass es natürlich bei Regelungen, wenn man 80 Millionen Leute unter einen Deckel bekommen will und irgendwas Grundsätzlich erreichen möchte, dass man sich natürlich über den einen Grenzbereich lustig machen kann. Und die denken, sie haben dann das Ei des Kolumbus entdeckt, dass sie dann die Türschwelle des Dönerladens zum Anlass nehmen, das Ganze in Frage zu stellen. Und da kann man nur den Kopf schütteln. Das sind meistens total Mathematik-ferne Menschen, die wirklich wenig Vorstellung davon haben, was es bedeutet, mit großen Fallzahlen und großen Themen überhaupt arbeiten zu müssen.

Wenn wir schon über das Internet sprechen: Hast du #allesdichtmachen mitbekommen? Etwa 50 Prominente Künstler*innen haben unter diesem Hashtag Videos hochgeladen, wo sie sich auf angeblich ironische Art und Weise über die aktuelle Corona-Politik lustig machen.

Die Kampagne #allesdichtmachen ist eine besonders dämliche Aktion. Und man schaut jetzt schon bemitleidend die Kolleg*innen an, die nach und nach Stellung beziehen und es nicht so verstanden haben wollen. Das wird natürlich nichts daran ändern, dass die Videos jetzt auf der Knetbirnenseite und der Querdenkerseite abgefeiert werden. Und es wird auch nichts daran ändern, dass die Beteiligten Kolleg*innen seit heute und wahrscheinlich auch für lange Zeit einen kleinen gelben Zettel auf der Stirn tragen, wo draufsteht: Ich klinge schlauer, als ich bin. Und damit werden die glaube ich ganz schön lange zu kämpfen haben.


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