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Marianne Faithfull im Interview "Ich habe überhaupt keine Lust aufs Sterben!"

Sie ist eine Legende der Musikgeschichte: Marianne Faithfull. Mit 75 hat sie nochmal das Poetry-Album "She Walks In Beauty" mit Warren Ellis und Nick Cave aufgenommen. Es wäre beinahe nicht dazu gekommen, denn Faithfull ist schwer an Covid-19 erkrankt. Wir haben mit ihr über den Weg zurück ins Leben gesprochen.

Von: Amy Zayed

Stand: 30.04.2021

Marianne Faithfull | Bild: picture alliance / empics | Peter Byrne

Wenige Frauen in der Musikindustrie polarisieren so sehr wie Marianne Faithfull. Bekannt wurde sie in den 60ern als Rolling-Stones-Groupie, und später als Lebensgefährtin von Mick Jagger. Dann kamen ihre ersten eigenen Platten, die eher süß klangen, gar wie jemand, der nur versucht Musik zu machen. Danach folgten Drogenexzesse. Und erst im nächsten Jahrzehnt, den 70ern, hörte man dann wieder etwas von Faithfull, die mittlerweile weit mehr war als nur ein Rockgroupie. Durch die Platten, die sie ab diesem Zeitpunkt veröffentlichte, hatte sie den Respekt vieler Musikerkolleg*Innen sicher. Sie arbeitete mit Acts wie Metallica, Damon Albarn, oder wie auf dem neuen Album Warren Ellis, Brian Eno und Nick Cave. Die Künstlerin ist bis heute eine Überlebenskünstlerin. Mit fast 75 Jahren steckt ihre Leidenschaft nach wie vor in der Musik, der Literatur und der Kunst. Die exzessiven Jahre auf der Straße, in denen sie auf der Suche nach Heroin war, und nichts zu essen hatte haben sie stärker gemacht, aber ihr nicht den Lebensmut genommen. Diese Woche erscheint "She Walks In Beauty", eine Ansammlung von englischen Gedichten aus dem 19. Jahrhundert. Mit diesem Album hat sie sich nun einen uralten Traum erfüllt. Wir haben sie getroffen.

Früher Rock'n'Roll - heute Lesungen englischer Gedichte auf Platte

"Schon lange bevor ich superbekannt wurde, wollte ich so eine Platte machen", erzähl Faithfull im Interview. "Ich war in der Oberstufe. Wir hatten Englisch bei Mrs. Simpson, und haben englische romantische Dichter aus dem 19. Jahrhundert durchgenommen. Ich habe es geliebt! Tja, und dann gings plötzlich los mit meiner Musik und Songs wie 'As Tears Go By', oder 'Come And Stay With Me'. Ich fing an mit den Hollys zu touren, und mit Freddy and the Dreamers und plötzlich war mein Leben ganz anders als im Konvent und dem Englischunterricht bei Mrs. Simpson." Das Resultat sind nun elf kleine Lesungen, untermalt von verhaltenen Streicher- und Gitarren-Elementen, und ein paar vereinzelten Geräuschsamples von Natur und Vogelgezwitscher. Alles klingt aber sehr zurückgenommen, denn Mariannes Stimme steht im Vordergrund. Und dabei klingt sie manchmal wie ein mahnendes Orakel, manchmal wie eine weise Magierin, und manchmal auch einfach wie die liebe Märchen-Oma von nebenan. Aber sie schafft es, dass man ihr einfach zuhören muss.

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Marianne Faithfull with Warren Ellis - She Walks in Beauty (Lyric Video) | Bild: Marianne Faithfull (via YouTube)

Marianne Faithfull with Warren Ellis - She Walks in Beauty (Lyric Video)

Unter den Texten sind typische klassisch-romantische Liebesgedichte zu finden wie der Titeltrack "She Walks In Beauty", aber auch nachdenkliche Gedichte wie "To The Moon", es gibt eine philosophische Betrachtung eines Menschen zu hören, der sich fragt, was wohl der Mond von uns hält oder auch Texte, in denen es um den Tod geht. Wie die Interpretation von Thomas Hoods "The Bridge Of Sighs", über den Suizid eines Mädchens, das von der Waterloo Bridge sprang. "Ich liebe dieses Gedicht", erzähl die Künstlerin dazu. "Es ist technisch einfach perfekt! Und dazu kommt, dass Thomas Hood es so geschrieben hat, dass man sich, wenn man es liest, oder hört, Gedanken über dieses Mädchen macht. Sie ist einem nicht egal. Und, er gibt einem gute Ratschläge. Sollte ich je irgendwann mal vorhaben von einer Brücke zu springen, ist dieses Gedicht ein guter Ratgeber.

Enzündliche Arthritis und Corona - aber immer noch am Start

Das meint Marianne Faithfull nur scherzhaft. Auch wenn sie früher oft in Interviews gesagt hat, dass sie gern mal wissen möchte, wie es ist zu sterben, und dass sie sich das unglaublich romantisch vorstellt: Heute hat sie, allein durch ihre Erfahrung, eine andere Einstellung. Marianne Faithfull leidet an entzündlicher Arthritis, ihr Körper ist nach wie vor beschädigt von Drogen und Alkohol. Und zusätzlich hat sie Ende letzten Jahres auch noch Corona überlebt – da war dann keine Spur mehr von der Faszination des Todes, wie sie berichtet: "Oh nein! Ich habe keine Ahnung, warum ich damals so einen Quatsch erzählt habe. Ich habe überhaupt keine Lust aufs Sterben! Ich bin noch nicht zu alt, aber alt genug. Früher, als ich jung war, war ich immer die jüngste meiner Freunde. Nun bin ich eine der Wenigen aus meinem Freundeskreis, die noch lebt. Was diese Traurigkeit auf dem Album vielleicht ausmacht, ist dass mir klargeworden ist, dass meine Welt ohne meine Freunde irgendwie weniger schön ist."

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Marianne Faithfull & Warren Ellis discuss their new album "She Walks In Beauty" | Bild: Marianne Faithfull (via YouTube)

Marianne Faithfull & Warren Ellis discuss their new album "She Walks In Beauty"

Marianne Faithfull ist sich bewusst, dass das vielleicht ihre letzte Platte sein könnte. Fast wäre sie gar nicht zustande gekommen, denn als gerade mal die Hälfte fertig war, bekam sie Corona, und man ging eigentlich sehr stark davon aus, dass sie es nicht schaffen würde. Auch jetzt sind ihre Lungen immer noch sehr angegriffen und sie muss ihre Stimme schonen. Aber aufgegeben hat sie noch lange nicht, und wenn es irgendwie geht, will sie auch weitermachen. Vielleicht doch noch ein bisschen Musik veröffentlichen, wie sie sagt: "Als Allererstes habe ich mir die erste Corona-Impfung verpassen lassen, sobald es ging. Die zweite gibt’s dann in 10 Wochen. Dann habe ich zweimal in der Woche Physiotherapie, und zusätzlich noch meine Spezialtherapie. Ich weiss, ich bin ein bisschen speziell. Aber einmal die Woche kommt ein guter Freund mit seiner Gitarre vorbei und wir schreiben und performen einen Song zusammen. Das ist die beste Therapie für meine Lunge!"


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