Bayern 2 - Zündfunk


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Interview mit Marco Bülow „Absurder kann man nicht sein, dass man mit 15 Prozent einen Kanzlerkandidaten aufstellt.“

Der frühere SPD-Politiker und Bundestagsabgeordnete Marco Bülow ist in Die PARTEI eingetreten. Damit ist die Satirepartei erstmals in Berlin vertreten. Im Interview verrät Bülow, was ihn zu dieser Entscheidung bewegt hat.

Von: Sandra Limoncini

Stand: 17.11.2020

Marco Bülow bei seinem Eintritt in "Die Partei" | Bild: picture alliance/Kay Nietfeld/dpa

Zum Antritt gab es für Marco Bülow einen übergroßen PARTEI-Mitgliedsausweis. Denn der ehemalige SPD-Politiker hat sich der Satirepartei Die PARTEI angeschlossen. Wir haben ihn gefragt, warum er das getan hat und was er als erster Bundestagsabgeordneter Der Partei bewegen will.

Zündfunk: Womit hat Martin Sonneborn Sie bestochen, dass Sie in die PARTEI eintreten?

Marco Bülow: Mit einem roten Schlips und einem ekligen, alten, grauen Kittel, den die Parteileute immer tragen. Nein. Ich bin Krawatten-Muffel und mit dem Outfit muss ich mich auch noch arrangieren. Wir sind aber schon länger im Gespräch. Und ich habe immer schon eine Menge von ihm und der PARTEI gehalten. Ich kriege immer mehr mit, dass die Menschen hier und die Kolleginnen und Kollegen sich von der normalen Bevölkerung entfernen. Ich kriege unglaublich viele Nachrichten von den Menschen, seit ich parteilos bin. Und ich sehe gerade in Martin Sonneborn und Der PARTEI eine Möglichkeit, Menschen anzusprechen, die mit der Politik gar nichts mehr anfangen können und gar nicht mehr wählen gehen. Das ist auf jeden Fall eine Chance.

Kam der Impuls von Ihnen selbst oder ist die PARTEI auf Sie zugetreten?

Weder noch. Das hat sich so entwickelt. Selbst, als ich entschieden habe, mich nochmal für den Bundestag zu bewerben, war es noch nicht ganz klar, ob die Unterstützung gleich so viel größer wird. Natürlich ist das auch ein Experiment, weil wir aus ganz unterschiedlichen Bereichen kommen. Das kann sich auch beißen, aber das ist Demokratie. Und ich sehe auch die Schnittmenge. Das ist, gerade den Finger in die Wunde zu legen, Leuten auf die Füße zu treten und der Politik den Spiegel vorzuhalten. Das habe ich auch die letzten Jahre versucht. Und gerade diese Lobby-Struktur aufzubrechen, ist seit langer Zeit mein Anliegen. Das machen die beiden Europa-Abgeordneten Martin Sonneborn und Nico Semsrott auch und da treffen wir uns auf jeden Fall.

Haben Sie satirische Vorerfahrung? Sind sie dafür überhaupt lustig genug?

Lustig ist ja sehr relativ. Ich lache manchmal im Bundestag, befürchte aber, dass es keine Witze waren, sondern dass es ernst gemeint war. Ich habe ein bisschen das Gefühl, die unseriöse Politik wird nicht mehr von der Partei betrieben, sondern von den herkömmlichen Parteien. Ich finde es zum Beispiel unglaublich unseriös, und man könnte natürlich auch darüber lachen, dass der stellvertretende Bundestagspräsident gleichzeitig einen der größten Steuerräuber in diesem Land vertritt, der CumEx betrieben hat. Da könnte man natürlich darüber lachen. Also Humor habe ich, aber Satire kann ich nicht. Und das werde ich auch nicht anfangen. Das würde mir und meinem Naturell widersprechen.

Für Außenstehende war die SPD auch ganz lustig, also hätten Sie doch eigentlich auch dableiben können?

Genau das meine ich. Es gibt so viel Absurdes in der Politik. Jetzt wurde mir ja gesagt: Jetzt steht er dazu, dass er ein Clown ist. Aber da muss ich jetzt sagen: Absurder kann man ja nicht sein, dass man als Partei mit 15 Prozent einen Kanzlerkandidaten aufstellt. Und dann noch jemanden, der keine Chance hat und auch kein Sozialdemokrat ist. Da gehört entweder eine Menge Humor dazu, oder man hat sich schon aufgegeben.

Schön, dass Sie da lachen können. Gibt es in der PARTEI eigentlich so einen Alltag? Ortsvereine wird es ja nicht geben. Ist das auch so, wie Sie das kennen oder ist es etwas völlig Anderes?

Es ist schon etwas Anderes, aber es gibt trotzdem Parallelen. Klar, es ist erstmal unterschiedlich, wenn man aus einem Wahlgebiet kommt, wo es sonst 40 Ortsvereine gibt. Das ist schon eine Riesenstruktur. Das hat natürlich die PARTEI nicht, aber sie hat auch Strukturen. Es gibt zum Beispiel auch Ortsteile, wo die sich treffen und organisieren und deswegen bewerbe ich mich auch erstmal. Ich bin ja nicht sofort gesetzt. Und das ist in allen Parteien dann doch wieder gleich.

Was wird der erste Antrag, den Sie für die PARTEI im Bundestag einreichen werden?

Ich werde auf jeden Fall gegen dieses Gesetz stimmen, das die Parlamentsrechte einschränkt. Da bin ich mit Martin Sonneborn einig. Ich muss auch schauen, dass wir eigene Anträge einreichen, ich habe allerdings nicht die Rechte, die eine Fraktion hat. Ich bleibe ja fraktionslos. Ich habe meine Redezeit, die werde ich natürlich nutzen.

Wenn Sie so eine Rede jetzt halten müssen, fühlen Sie sich da auch mehr unter Druck? Müssen Sie da anders performen?

Ich glaube, da ändert sich nicht so viel. Ich konnte mich auch in der SPD nicht verbiegen, und das hat natürlich dazu geführt, dass ich angeeckt hab und dass es genug gibt, die froh sind, dass sie mich los sind. Aber natürlich waren zwei Jahre Narrenfreiheit einfacher zu bewältigen. Man war nämlich keine Rechenschaft schuldig. Das ist jetzt ein bisschen anders. Aber ich habe auf der anderen Seite natürlich auch immer die Verantwortung gesehen bei der Bevölkerung vor Ort und das hat sich eigentlich nie geändert.

Sie haben gesagt, dass Sie jetzt für den „langweiligen Scheiß“ in der PARTEI zuständig sind und die anderen für die Satire.

Ja, das klingt komisch, aber ich habe Sacharbeit immer sehr gemocht. Ich habe das immer gerne gemacht. Ich bin als Umwelt-Politiker in den Bundestag gekommen und werde das auch weitermachen. Ich verliere mich zum Beispiel gerne in Studien. Nur was ich gelernt habe, ist, dass das Argument hier nicht zählt. Es ist egal, ob ich das stärkste Argument habe. Ich verliere im Bundestag, wenn die Profitlobby gegen mich ist. Und es nützt nichts in der Karriereleiter hochzusteigen. Auch dann gewinne ich nicht, wenn ich was gegen die Lobby mache. Und das ist sicher auch ein Grund, warum ich aus der SPD ausgetreten bin und jetzt in Die Partei eingetreten. Genau das muss erstmal geändert werden, damit man wieder Sacharbeit machen kann.


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