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Manuel Nawrot über seine Zeit in Afghanistan Dieser Ex-Soldat erzählt, was im deutschen Afghanistaneinsatz falsch lief

Vom Elite-Soldaten zum bundeswehrkritischen Schauspieler: Der 29-jährige Manuel Nawrot distanziert sich heute von seinem Einsatz als Fallschirmjäger in Afghanistan. Die Geschichte einer Kehrtwende.

Von: Tobias Ruhland

Stand: 30.08.2021

Soldat Manuel Nawrot auf einem Einsatz in Afghanistan | Bild: Manuel Nawrot privat

187 Tage dauert Manuel Nawrots Einsatz in Afghanistan. Von Januar bis Juni 2011. Immer wieder ist er tagelang im Hauptlager stationiert – auch um sich von den Patrouillen-Einsätzen in den Außenposten zu erholen. Einsätze wie in diesem einen Dorf. Zunächst nichts Verdächtiges, Lage auschecken, vielleicht ein paar Insider-Informationen von den Einheimischen bekommen. Die Bundeswehr mögen die Afghanen um einiges lieber als die US-Soldaten. Plötzlich beginnt ein Gefecht, eine Schießerei. Die Taliban oder andere Aufständische? Manuels Einheit hält sich erst einmal zurück.  

„Dann ist einer der Afghanen aus seinem Haus gestürmt und hat gesagt, wir hätten seine Frau ermordet“, erinnert sich Manuel. „Und während ein paar Soldaten von unserer Einheit die Umgebung gesichert haben, haben wir diesen Fall geprüft“, sagt er. „Wir sind in sein Haus reingegangen und haben dann relativ schnell die Axt gefunden, von der man eindeutig sagen konnte: Damit hat er gerade seine eigene Frau hingerichtet und versucht, uns das anzuhängen.“

Der Jungstar vom Fallschirmjäger-Bataillon 263

Immer wieder kommt es zu solchen Extremsituationen während Manuels Zeit in Afghanistan. Aber ist er nicht genau deshalb dorthin gegangen? Um sich in Extremsituationen zu beweisen? Der Jungstar vom Fallschirmjäger-Bataillon 263 aus Zweibrücken, der sich als 17-, 18-Jähriger für acht Jahre bei der Bundeswehr verpflichtet. Ein junger Mensch sucht den Kick, Adrenalin, ein Team, einen Familienersatz, den er als Scheidungskind und Opfer eines langjährigen Rosenkriegs zwischen seinen Eltern damals dringend braucht.

Er habe nach Bedeutung und Sinn gesucht, sagt Manuel. Und auch nach dem Extremen: „Wenn, dann suche ich das Maximum“, das sei für ihn klar gewesen. „Mein Wille hat mir da geholfen“, sagt er. „Eine Mischung aus Wille und Verzweiflung, es zu beweisen – mir selbst und den anderen.“ Und so tritt Manuel am 11. Januar 2011 seinen Bundeswehr-Einsatz in Afghanistan an. Bestens motiviert und darauf vorbereitet, alles zu tun. Auch Menschen zu töten? „Absolut“, sagt Manuel. Aus Überzeugung. „Das ist so hart, wie es klingt. Das ist einfach die Realität. Das ist ein animalischer Reiz, der da in einem jungen Menschen drinsteckt.“

Er wollte ein tragischer Held sein

Er habe es nicht nur in Kauf genommen, vielleicht töten zu müssen, sondern herausgefordert. „Ich hatte das Bedürfnis, aus mir eine tragische Figur zu machen, wenn ich das tue. Denn wenn ich das tue, bekomme ich auf eine ganz tragische Art und Weise Bedeutung. Und wenn ich Bedeutung bekomme, bekomme ich vielleicht auf irgendeine Art und Weise Liebe – Liebe, die mir gefehlt hat.“

Die Chance auf tragisches Heldentum hatte Manuel in Afghanistan fast täglich. Er berichtet von Aufträgen, die geradezu solche Situationen provozieren sollten. „Dass wir dort unten sind, wurde verkauft wie ein humanitärer UN-Einsatz, um Brunnen zu bauen.“ Aber das sei nicht die Realität gewesen. „Unser Auftrag war, auf jeden Fall in Konfrontation zu kommen mit den Taliban.“ Da sei zum Beispiel der Befehl gewesen, zu einer Straße zu fahren, in der sich selbstgebastelte Bomben befunden hätten. Dort entlangzufahren sei „eine eindeutige Provokation“ gewesen, sagt Manuel. „Das ist, als würde ich dir sagen: ‘Lauf die Straße entlang und warte, bis du abgesprengt wirst – und dann schieß zurück!’“ Denn das würde einem erlauben, zu argumentieren, man habe ja nicht zuerst geschossen.

Ein Theaterstück über seine Erlebnisse

Ex-Soldat Manuel Nawrot

Bomben tauchen auch in dem Zwei-Personen-Theaterstück „Out of Area“ auf, in dem Manuel sich selber spielt. Da muss er sich dann die Vorwürfe eines afghanischen Bauern anhören, gespielt von Pouya Raufyan, einem inzwischen in Deutschland lebenden Zahnarzt und Musiker. Immer wieder ist auch das komplizierte Verhältnis und das Misstrauen zwischen afghanischer Bevölkerung und den Soldaten Thema.

„Generell war die Bundeswehr besser angesehen als die USA“, sagt Manuel. „Aber man hat doch auch gemerkt, dass die Bundeswehr und Deutschland ein Spielball sind, gerade für die USA.“ Den Einsatz in Afghanistan hält er für eigennützig. Es sei nicht um Armutsbekämpfung, fließendes Wasser und Hilfe gegangen. „Die Bundeswehr, die NATO und die USA sind da vor allem hin, um Vorteile für sich herauszuziehen.“

Mental von der Bundeswehr distanziert

Manuel übersteht damals, im Jahr 2011, seinen Afghanistan-Einsatz unbeschadet – zumindest körperlich. Wegen seines Vertrages dauert es noch einige Zeit, bis er die Bundeswehr verlassen kann. Mental hat er sich damals schon längst distanziert. Doch auch nach seiner Schauspielausbildung in München holt ihn seine Bundeswehr-Vergangenheit wieder ein. Sein Dozent und Regisseur Ulf Göhrke wird in Manuels Lebenslauf im Feld „Sonstige Fähigkeiten“ stutzig. „Der dachte sich vielleicht: ‘Alter, wie verrückt ist das denn?!’“, sagt Manuel. Denn dort steht, er könne verschiedenste Waffen bedienen: „Alle möglichen Arten von Pistolen, Sturmgewehren, Maschinengewehren und schweren Maschinengewehren, Panzerfäusten, Granaten – also so ziemlich alles, was irgendwie abfeuerbar ist.“ 

Manuel hatte das eigentlich nur deshalb reingeschrieben, um vielleicht einmal eine Rolle als Polizist zu ergattern. So aber wird der Regisseur auf Manuels Bundeswehrkarriere aufmerksam und erarbeitet mit ihm das Theaterstück „Out of Area“. Wer das Stück gesehen hat, dürfte die schrecklichen Szenen, die sich seit einigen Wochen in Afghanistan abspielen, besser verstehen. Manuel sowieso.

„Ich bin nicht verwundert oder erschüttert von dem, was dort drüben passiert“, sagt er. Es erscheint ihm „logisch“, weil dieses Land so zerrüttet sei und selbst nach Orientierung suche. Nun werde wieder überlegt, wie man Widerstandsgruppen mit Waffen aufrüsten könne, damit diese gegen die Taliban kämpften. Eine alte Strategie. „Und dann muss ich eher die westliche Welt belächeln, weil sie nicht fähig und nicht reflektiert genug ist, um zu helfen.“