Bayern 2 - Zündfunk

"Make Techno Black Again" Dieser Mann kämpft dafür, dass sich Techno wieder auf seine schwarzen Wurzeln besinnt

Der Journalist, Autor und Produzent Deforrest Brown Jr. wirbt für eine radikale Rückbesinnung der Technoszene auf ihre vergessenen schwarzen Wurzeln. Europa habe sich den neuen Sound aus Detroit ganz schnell unter den Nagel gerissen und dann seine ganz eigenen Form erfunden. Was den weißen Technoansätzen fehlt, erzählt er im Interview.

Von: Florian Fricke

Stand: 12.10.2021

Deforrest Brown | Bild: TingDing

"Make Techno Black Again" - das ist die Message von Deforrest Brown Jr.. Der Autor und Produzent ist Anfang 30 und vertritt die Techno-Variante von "Black Lives Matter". Unter dem Künstlernamen Speaker Music wirkt Deforrest Brown Jr. als wütender Ankläger. Im Interview mit dem Zündfunk disst er erstmal gründlich unsere heile, heilige Club-Welt: "Mein Interesse ist es, ein paar verdrogten Ravern zu verklickern, dass sie endlich aufwachen und die Geschichte dahinter respektieren sollen. Besonders in Berlin gilt das Narrativ, dass Techno doch dieses antikapitalistische Hippie-Ding sei. Aber wenn du die Musik anderer Künstler auflegst, auch noch in einer Zeit, in der Spotify ganze 0,004 Cent pro gestreamten Song ausschüttet, dann ist das nichts anderes als Diebstahl."

Aufgewachsen im stürmischen Auge der Civil Rights Bewegung

Deforrest Brown Jr. sieht Techno als einen krassen Fall von kultureller Aneignung, wenn nicht als feindliche Übernahme – so, wie es schon war beim Blues, beim Jazz, mit Elvis oder den Stones: "Als Abraham Lincoln die Sklaven befreite, versagte er ihnen die technologischen Errungenschaften der Zivilisation. Sie blieben unterentwickelt bis hin zur finanziellen Mittellosigkeit. Die Nachwirkungen spüren wir bis heute, noch immer ist der Süden der USA wirtschaftlich ein Krüppel."

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Wie Techno aus Detroit Berlin erobert hat (Vintage 2018) | Arte TRACKS | Bild: Arte TRACKS (via YouTube)

Wie Techno aus Detroit Berlin erobert hat (Vintage 2018) | Arte TRACKS

Der Künstler wächst in Birmingham, Alabama auf. Seine Eltern lernen sich am selben College kennen, das auch Sun Ra besucht, der spätere afrofuturistische Visionär und Bandleader. Die Bürgerrechtlerin Angela Davis wohnt in der Gegend. In den 1960er Jahren ist Birmingham trauriger Hot Spot des rassistischen Terrors des Ku-Klux-Klans. Brown berichtet: "In unserer Gegend gingen über fünfzig Bomben hoch, was in dem Anschlag auf die Baptistenkirche in der 16. Straße mündete. Der brachte dann Martin Luther King in unsere Stadt. Meine Tante sollte eigentlich die fünfte Sängerin in der Chorprobe sein, bei der damals vier Mädchen starben. Sie zog aber am selben Tag nach Detroit, wo sie Musiklehrerin wurde und ein paar Jungs unterrichten sollte, die später in Carl Craigs Innerzone Orchestra spielten."

"Belleville Three" - Techno hat schwarze Wurzeln

Die Tante war Teil der "Great Migration", der großen Wanderung von Afroamerikanern vom verarmten Süden in die Städte des Nordens nach der Weltwirtschaftskrise 1929. Auf der Underground Railroad, der ehemaligen Fluchtlinie für die Sklaven nach Kanada, war Detroit die letzte Stadt vor der Grenze gewesen. Nun strömen ganze Arbeitsheere an die Fließbänder – eine moderne Form der Sklaverei, meint Deforrest Brown, denn die Schwarzen verfügen nur über ihre Körper, die sie als Währung einsetzen: "In meinem Buch 'Die Bildung einer schwarzen Gegenkultur' fasse ich die gesamte US-Geschichte zusammen und stülpe sie dann einfach Techno über. Mehr als 400 Jahre wirtschaftlicher Entwicklung, und dann hast du Techno und diesen 19-Jährigen, der seinen 808 Drum Computer fest mit einem Vierspurrekorder verlötet hat, um sich so aufnehmen zu können."

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Belleville 3: Kevin Saunderson & Derrick May & Juan Atkins @ Awakenings Festival 2010 | Bild: Awakenings (via YouTube)

Belleville 3: Kevin Saunderson & Derrick May & Juan Atkins @ Awakenings Festival 2010

Der Junge mit dem Lötkolben ist Juan Atkins. Zusammen mit Derrick May und Kevin Saunderson bildet er die Belleville Three, das Dreiurgestirn des Techno. Dieser frühe Techno ist aber weit mehr als nur ein Genre. Ähnlich wie den Blues muss man ihn eher als eine gemeinsame Sammlung von Gefühlen, Erinnerungen und Träumen verstehen.

Zeitsprung: 2016 landet Deforrest Brown über eine Empfehlung im neu gegründeten New Yorker Büro des britischen Mixmag Magazins. Das führende Magazin für Clubkultur will endlich den spät erwachten US-amerikanischen Markt bedienen. EDM – Electronic Dance Music – heißt die große Verkaufsnummer, diese viel zu aufdringliche und kommerzielle Vorstellung von Clubmusik. Deforrest ist einer von drei schwarzen Mitarbeitern. Seine Vorstellung einer schwarzen Aufklärungsarbeit für die mehrheitlich weißen Leser stößt nur auf Unverständnis. Nach einem halben Jahr trennt sich der Medienkonzern wieder von ihm – eine traumatische Erfahrung.

Die Dekolonialisierung von Techno

DJ Derrick May, einer der drei Ur-Väter von Techno aus Detroit.

"In New York pumpte Richie Hawtin (Anmerkung: Ein weißer, sehr erfolgreicher Musikproduzent & Unternehmer) das erste Kapital in den Onlinemarktplatz Beatport", erzählt Deforrest dazu. "Letztes Jahr veranstaltete Beatport eine Konferenz mit 200 Teilnehmern, weder schwarz, noch aus Detroit, auf der das Genre Techno neu definiert werden sollte. Wie überall im Westen bestimmen nur wenige Investmentgruppen das Geschehen." Und darum habe Techno nur eine Zukunft, wenn sich sowohl die Branche, als auch die Konsumenten radikal auf die schwarzen Wurzeln besinnen würden, um so dem zunehmenden Leerlauf von zu viel Drogen und zu wenig Inhalt und Haltung zu entkommen. Natürlich geht es auch um die gerechte Einbindung von afroamerikanischen Künstlern, gerade in den USA leben sie meist prekär. Die Dekolonialisierung von Techno also – und ein Reset, wenn man so will. Und davon gibt es ja gerade einige.