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Reportage aus Austin, Texas Luck Reunion – Auf Willie Nelsons privatem Festival wird Amerika ein Stück geheilt

Jedes Jahr stellt Country-Ikone Willie Nelson für einen Tag seine Ranch für ein Festival voller Old-School Musik zur Verfügung. Für einen Tag trifft das gespaltene Amerika für einen Tag aufeinander - und wir sind mittendrin.

Von: Michael Bartle, Florian Schairer

Stand: 19.03.2019

Besucher auf der Luck Reunion | Bild: Florian Schairer

"Country und Bluegrass verkörpern all das, an was wir glauben und dass wir respektvoll und liebevoll miteinander umgehen", sagt Whiskey Watterson, und sein Look hält was sein Name verspricht: ZZ-Top Vollbart, Cowboyhut, Jeans, Boots und Sonnenbrille. "Aber wir können mit dieser Roots-Musik auch die Schmerzen des Lebens ausdrücken." Wir stehen mitten im grünen Hillcountry nordöstlich von Austin. Um uns herum eine Westernstadt. Komplett mit Saloon, einer kleinen Chapel und einem Post-Office. Es ist der 14. März 2019: Luck Reunion-Tag.

Festival in der Filmkulisse

Die ehemalige Filmkulisse gehört Willie Nelson, genauso wie das Land hier. Willie hat hier sein Haus auf der Ranch, aber das Westerndorf wurde ursprünglich für den Film "The Red Headed Stranger" 1985 gebaut. Willie hatte selbst eine Rolle in dem Film und eigentlich sollte das Dorf zum großen Finale in Flammen aufgehen und die Gebäude zerstört werden. Willie Nelson, so geht die Legende, hat dann gesagt: "Leute, das könnt ihr nicht machen, wir müssen das Drehbuch ändern. Ich will dieses Westerndorf behalten."

Der Musiker, Outlaw und Hanffreund Willie Nelson ist hier in Texas eine Ikone. In Austin ziert sein Konterfei eine ganze Hauswand, vor dem Moody’s Theater steht eine Bronzestatue und später wird die 85-jährige Legende hier noch auf der Haupt-Bühne stehen. Aber es gibt auf diesem Festival nicht nur Country und Western.

Auch die Beat-Combo The Mystery Lights sind mit ihrem Van den ganzen Weg von New York City nach Texas gefahren. Sie spielen im Biergarten hinter der Scheune, vor einer Wiese mit Ranch-Zaun. Bierbänke sind aufgereiht wie in einem Biergarten im bayerischen Oberland, viele Menschen liegen einfach auf der Wiese, es ist sehr, sehr entspannt. Die texanischen Locals sind klar in der Mehrheit: Echte Rednecks, mit Hut, Zozen, Boots und Kutte. Sie sind unfassbar nett zu uns, auch wenn Slang und Einstellung, etwas gewöhnungsbedürftig sind.

Roots, Folk und Soul

Auf der kleinen Bühne singt Haley Heynderickx, die Folksängerin aus Portland. Eigentlich, sagt sie, ist sie zu schüchtern für ein Interview, aber als sie hört, dass wir aus Deutschland kommen, entscheidet sie sich anders. Sie will über Roots-Musik sprechen. "Roots-Musik hilft mir, mit meiner eigenen Verletzlichkeit klarzukommen", erklärt sie. "Sie hat etwas Heilendes und ich würde mir wünschen, dass wir unseren Kindern beibringen, dass es ok ist, verletzlich zu sein. Stattdessen geht es in unserer Gesellschaft oft darum, stark und stolz zu sein. Ich wünsche mir, dass die Menschen wieder aufeinander zugehen, statt in Stereotypen zu erstarren."

Soul-Sängerin Mavis Staples

Und das gelingt bei der Luck Reunion ziemlich gut. Einer der Höhepunkte des Abends ist der Auftritt von Mavis Staples. Die afroamerikanische Soul-Sängerin war schon in den Sechzigern eine der großen Stimmen der Bürgerrechts-Bewegung. Bei ihrem Auftritt auf dem Luck-Festival gibt es niemanden, den sie nicht in den Bann zieht. Sie spricht von Dr. Martin Luther King und das Publikum, fast komplett weiß, feiert sie frenetisch.

Das gespaltene Amerika

Ein Cowboy erzählt uns: "Ich bin von hier, spiele gerne Banjo, komme aus Texas und der Rest geht mir am Arsch vorbei." Er mag sie nicht, die Zugezogenen, die Kalifornier, die ihm seine Waffen wegnehmen wollen. Und die Waffen sind ihm das wichtigste, neben dem Weed und dem Dosenbier. Frauen? Schwierig. Hier draußen auf dem Land kommt auf jede Frau drei Typen. Und Traummänner, die schauen anders aus als er.

Der Typ neben mir sieht ultrakonservativ aus, trägt aber ein Shirt des Demokraten Beto, der fast Senator geworden wäre und nun Präsidentschaftskandidat ist. Die meisten hier hätten wahrscheinlich am liebsten Willie Nelson als Präsidenten. Der Geruch von Weed wabert durch die Luft. Alles so peaceful unterm Sternenhimmel. Willie Nelson und die Musik, jetzt hier im Moment das Einzige, das das gespaltene Amerika für einen Abend zusammenbringt.


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