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#LoveIsNotTourism Ein Paar kämpft darum, sich endlich wiedersehen zu dürfen

Tobias lebt in München, seine Partnerin Glicia in Brasilien. Seit vier Monaten haben sie sich nicht gesehen - weil Glicia wegen der Corona-Beschränkungen nicht nach Deutschland einreisen darf. Die beiden sind kein Einzelfall. Und das Innenministerium macht wenig Hoffnung.

Von: Anna Klühspies

Stand: 22.07.2020

Love is not Tourism | Bild: picture alliance/Bildagentur-online

Vor vier Monaten hat der 41-jährige Münchner Tobias seine Partnerin Glicia und deren Kinder das letzte Mal gesehen. Er erinnert sich noch genau daran: "Wie wir gemeinsam mit den Kindern zum Flughafen gefahren sind und es gab viele Tränen im Auto und am Flughafen und das schwierigste für Glicia und mich war, dass wir Goodbye sagen mussten ohne zu wissen, wann wir uns wiedersehen." Als sie sich damals am Flughafen in São Paulo verabschieden, haben sie eigentlich noch große Pläne: Glicia, die in Brasilien als Ärztin arbeitet, will mit ihren Kindern nach München zu Tobias und seinen Kindern ziehen. Die geplante Hochzeit sollte Ende Juli am Eibsee stattfinden sollen.

Seit vier Monaten alleine

"Ich muss zugeben, dass mir damals, als ich Brasilien verlassen habe, nicht klar war, wie mental anstrengend die nächsten Monate sein würden", erzählt Tobias. "Ich wurde 2 Wochen auf Quarantäne gesetzt alleine zu Hause, konnte meine Kinder nicht besuchen, meine Firma hat auf Kurzarbeit umgestellt, ich habe im Home Office gearbeitet und habe das Haus eigentlich nicht mehr verlassen. Dazu kam dann noch, dass ich schwer krank geworden bin und musste ins Krankenhaus und habe mir zu der Zeit nichts mehr gewünscht, als dass meine Frau neben mir am Krankenbett sein könnte und mir helfen könnte."

Tobias ist seit einiger Zeit in einer psychosomatischen Klinik und versucht, wieder auf die Beine zu kommen. Am besten würde ihm dabei Glicia helfen, sagt er. Aber die darf nicht immer noch nicht nach Deutschland einreisen. Dabei haben alles Mögliche versucht: Sie haben mehrmals mit der Bundespolizei und der Botschaft gesprochen, sie haben sich notariell beglaubigte Dokumente besorgt, die ihre Partnerschaft belegen sollen.

Aber es hilft alles nichts. Weil Glicia nicht mit Tobias verheiratet ist und aus einem Drittstaat kommt, darf sie nicht nach Deutschland einreisen. Das dürfen im Moment nur Ehepartner*innen oder eingetragene Lebenspartner*innen.

#LoveIsNotTourism - ein Hashtag der Verzweiflung

Tobias und Glicia sind nicht die einzigen mit diesem Problem: Unter den Hashtags #LoveIsNotTourism und #LoveIsEssential tauschen sich in sozialen Netzwerken tausende binationale Paare über ihre verzweifelte Lage aus.

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Iza 18.07.2020 | 18:33 Uhr #LoveIsNotTourism . United did not allow me on my flight booked with @_austrian , SFO-Washington-Vienna. I called @_austrian they said they cannot do anything. Hey @neos_eu @bmsgpk @EU_Commission I don’t wish this pain to anybody, but I wish you could feel. It’s horrible 😭😭😭 https://t.co/Ad7XuSULDA

#LoveIsNotTourism . United did not allow me on my flight booked with @_austrian , SFO-Washington-Vienna. I called @_austrian they said they cannot do anything. Hey @neos_eu @bmsgpk @EU_Commission  I don’t wish this pain to anybody, but I wish you could feel. It’s horrible 😭😭😭 https://t.co/Ad7XuSULDA | Bild: BellyQuaresma (via Twitter)

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Felix S. Schulz 🌹 11.07.2020 | 23:59 Uhr Ich am Telefonieren mit meiner Freundin die nach Monaten noch immer nicht einreisen darf weil Seehofers Ministerium keine Beziehungspartner reinlässt https://t.co/t2yG4ER8OB

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All-American🇺🇸♥️🇮🇪 21.07.2020 | 01:43 Uhr Came to the hospital with contractions and it’s so scary not having my fiancé here. #LoveIsNotTourism #LoveIsEssential

Die Politik reagiert langsam

Länder wie Dänemark, die Niederlande oder Österreich haben mittlerweile eigene Lösungen für die Einreise von Partner*innen aus Drittstaaten gefunden, in Deutschland tut das Innenministerium bisher nur wenig. Das ist inakzeptabel, finden mittlerweile auch über 100 Bundestags– und EU-Abgeordnete quer durch die Fraktionen. Sie fordern Horst Seehofer dazu auf, die Grenzen für binationale Partner*innen zu öffnen. Es ist ein seltener Anblick: Abgeordnete wie Stefan Liebich von Linken und Moritz Körner von der FDP arbeiten auf einmal für dieselbe Sache:

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Stefan Liebich 10.07.2020 | 14:39 Uhr Seit Monaten sind viele unverheiratete Paare getrennt. Das ist ein unhaltbarer Zustand. Gemeinsam mit meinem Kollegen @DJanecek von @GrueneBundestag habe ich jetzt in einem offenen Brief Minister #Seehofer (@BMI_Bund) aufgefordert, zu handeln. #LoveIsEssential #LoveisNoTourism https://t.co/ldHcBZ1fqS

Seit Monaten sind viele unverheiratete Paare getrennt. Das ist ein unhaltbarer Zustand.
Gemeinsam mit meinem Kollegen @DJanecek von @GrueneBundestag habe ich jetzt in einem offenen Brief Minister #Seehofer (@BMI_Bund) aufgefordert, zu handeln.
#LoveIsEssential #LoveisNoTourism https://t.co/ldHcBZ1fqS | Bild: berlinliebich (via Twitter)

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Moritz Körner 12.07.2020 | 10:51 Uhr Das muss sich endlich ändern! Wir brauchen Ausnahmeregelungen und eine Anstrengung der Behörden, um auch Liebe in Zeiten von Corona zu ermöglichen! @HeikoMaas @BMI_Bund #LoveIsNotTourism

Aus dem Innenministerium heißt es auf Nachfrage, dass sich die deutsche EU-Ratspräsidentschaft nachdrücklich dafür einsetzen wird, dass dieses Ärgernis auch bei Partner*Innen aus Drittstaaten vernünftig gelöst wird. Man brauche dafür aber ein gemeinsames Vorgehen in Europa. Das kann dauern, fürchten viele Betroffene.

Dazu kommt: Der Bundestag ist aktuell in der Sommerpause, da wird erstmal nichts passieren. Einen weiteren Monat warten, einen weiteren Monat voneinander getrennt sein... Das ist für viele unvorstellbar. Tobias und Glicia versuchen in der Zwischenzeit, so gut wie möglich auf Distanz ihre Beziehung aufrecht zu erhalten. "Der Fokus ist immer darauf, wann kann ich sie wiedersehen, wann kann ich die Familie in Brasilien wiedersehen", erzählt Tobias. "Es ist wahnsinnig schwer, positive Gedanken zu fassen, sich auf andere Sachen zu konzentrieren, wie Arbeit oder Freunde. Mein Kopf ist eigentlich die ganze Zeit in São Paulo."


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