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Horrorfilm und Metal-Biopic „Lords of Chaos“ zeigt, wie Black-Metal-Musiker zu Mördern werden

Anfang der 90er Jahre entstand in Norwegen eine knallharte Black-Metal-Szene. Der amerikanische Spielfilm „Lords of Chaos“ zeigt wie weit einige Musiker damals gingen. Vom Abfackeln von Kirchen bis hin zu Mord.

Von: Roderich Fabian

Stand: 26.01.2021

Release-Poster zum Film "Lords of Chaos" | Bild: Studio Hamburg/Sundance

In den 80er Jahren dröselte sich die Heavy-Metal-Szene allmählich in diverse Sub-Genres auf: Es entstanden Thrash, Speed, Death oder eben Black Metal. Letzterer zeichnete sich in erster Linie durch satanische Verse aus und wurde im evangelischen Norwegen schnell zur beliebtesten Metal-Spielart. Der Film „Lords of Chaos“ dreht sich um die bekannteste Black-Metal-Band Norwegens, um Mayhem.   

Die Geschichte von Mayhem und Euronymous

Rory Culkin, der Bruder von „Kevin allein zuhaus“-Macaulay Culkin, spielt die Hauptfigur, den Mayhem-Gründer und Gitarristen, der sich - wie im Black Metal üblich - einen Künstlernamen gibt: Euronymous. Kulkin trägt - wie die meisten Schauspieler hier - keine Langhaar-Perücke. Alle haben sich für den Film die Haare auf Gürtelhöhe wachsen lassen. Und auch bei der Auswahl des Regisseurs war man um Realness bemüht. Denn inszeniert hat „Lords of Chaos“ der Schwede Jonas Akerlund, der früher selbst Drummer der renommierten Black-Metal-Band „Bathory“ war, später aber auch Musikvideos für Roxette und die Rolling Stones gedreht hat. Und die Story des Films hangelt sich streng an den wahren, aber ohnehin unglaublichen Ereignissen entlang.

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Lords of Chaos - Official Film Trailer (HD) | Bild: Noisey (via YouTube)

Lords of Chaos - Official Film Trailer (HD)

Bekannt wurden Mayhem, nachdem sie als Sänger einen Schweden engagiert hatten. Der nannte sich „Dead“ - nicht ohne Grund, wie uns Euronymous aus dem Off erzählt: „Es war offensichtlich, wie schwer seine Depression war. Als Kind wurde er fies gemobbt und einmal so verprügelt, dass er für einen kurzen Moment wirklich tot war.“ Dieser kurze Moment habe sein ganzes Dasein geprägt, sagt Euronymous. Es gebe nur eine Lösung für deine beschissene Depression: „Mit einem Schuss in den Kopf ist alles vorbei.“

"Lords of Chaos" zeigt die Folgen tödlicher Männlichkeit

Und tatsächlich stirbt Dead 1991 im Alter von gerade mal 22 Jahren. Die Szene, in der der junge Mann zunächst versucht, sich die Pulsadern zu öffnen, um sich dann die Kehle durchzuschneiden und schließlich zur Schrotflinte greift, wird im Film auf unerträgliche Weise ausgewalzt. Auch die zwei Mordszenen, die in „Lords of Chaos“ noch vorkommen werden, werden so explizit gezeigt, dass der Film definitiv nicht jedermanns Sache ist. Aber auch dies folgt eben dem Bemühen um “Realness“, die in der Popkultur gerade ja groß geschrieben wird.

Der depressive Dead wird ziemlich überzeugend gespielt von Jack Kilmer, dem Sohn des Hollywood-Stars Val Kilmer - und auch andere Nebenrollen sind durch hippe Youngster aus Los Angeles besetzt. So spielt Popstar Sky Ferreira die Freundin von Euronymous, die sich von ihm anfangs in den Proberaum der Band entführen lässt. Dort wird sie über die Motive der Band aufgeklärt: „Wir wollen keine beschissenen Groupies. Uns geht’s um Zerstörung und Leid. Mit unserer Musik treiben wir Leute in den Selbstmord. Du glaubst, das ist nur Gerede?“

Vikernes vs. Euronymous, Mayhem vs. Burzum

Filmplakat: "Lords of Chaos"

Tatsächlich sind die Mitglieder der britischen Band Venom die eigentlichen „Erfinder“ des Black Metal, aber eben eher lebende Comic-Characters als echte Satanisten. In „Lords of Chaos“ kann sich Jonas Akerlund nicht recht entscheiden, ob er seine Protagonisten als Witzfiguren oder als tragische Helden darstellen will. Letztlich entscheidet er sich dafür, Euronymous dann doch recht sympathisch wirken zu lassen, während der Mayhem-Bassist Varg Vikernes den ganz und gar Bösen geben muss, der er in der Realität auch war und immer noch ist.

Vikernes - der unter dem Namen „Burzum“ eigene Solo-Platten aufnimmt - kommt schon bald in Konflikt mit seinem Bandleader und Labelchef Euronymous. Und er macht sich auch als Satanist selbständig und beginnt, in Norwegen Kirchen anzuzünden, was weltweit für Schlagzeilen sorgt. Ohne erwischt zu werden, lädt sich der Typ dann einen Reporter nachhause ein, um mit seinen Taten zu prahlen. Er erzählt ihm, wie sie damals Kirchen abgefackelt haben, am sechsten Juni, exakt sechs Uhr. „666, die Zahl des Teufels.“

Wenn Theater zu bitterem Ernst wird

Und während er das erzählt, ist Vikernes umgeben von Hakenkreuz-Fahnen und anderen Nazi-Symbolen. Was den Film gerade wieder so real wirken lässt, sind die Diskurse um toxische bis tödliche Männlichkeit, die hier exemplarisch vorgeführt werden, aber auch das Imponiergehabe der Typen, die am sechsten Januar das Kapitol in Washington stürmten. Die anfangs vielleicht noch aufgesetzte Bösartigkeit, mit der die norwegischen Black-Metal-Musiker auf den Plan traten, verwandelt sie mit der Zeit in gefährliche Charakterschweine, aus Theater wird ernst, aus Drohgebärden werden Morde, auf die dieser Film am Ende zuläuft. Insofern ist diese amerikanische Verarbeitung norwegischer Popgeschichte zwar schwer zu ertragen, aber auf jeden Fall höchst relevant.

Hinweis: In einer früheren Version wurde behauptet, dass Kieran Culkin in "Kevin allein zu Haus" die Hauptrolle spielt. Wir haben dies korrigert.


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