Bayern 2 - Zündfunk


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Chart-Phänomen Lizzo im Interview "Wir haben so viel Energie im Körper, die verwende ich lieber aufs Masturbieren"

"Truth Hurts" von Lizzo war im September sieben Wochen an der Spitze der US-Billboard Charts. Der Durchbruch für die Künstlerin Lizzo. Wir haben sie zum Interview getroffen - und mit ihr über Body Positivity, Rassismus im Musikbusiness und die Zeit vor dem Erfolg gesprochen.

Von: Ann-Kathrin Mittelstrass

Stand: 18.11.2019

Lizzo lachend auf einer Bühne | Bild: picture alliance / Photoshot

Ann-Kathrin Mittelstrass: Lizzo, ich hab deine Musik im Jahr 2013 entdeckt. Seitdem spielen wir dich im Zündfunk. Ich hab immer gedacht: Sie ist so gut, warum ist sie nicht berühmt? Aber jetzt ist es passiert, du bist Nummer eins der Charts. Deine Konzerte sind immer ausverkauft. Wie fühlt sich das an?

Lizzo: Ich hätte den Mainstream-Erfolg nicht gebraucht. Ich hatte mich total darauf eingestellt, bis 75 einfach nur zu touren und immer weiter Musik für meine Fanbase zu veröffentlichen und mit ihr zu wachsen. Wie Björk oder Incubus oder Mars Volta. Es gab viele Künstlerinnen und Künstler, zu denen ich aufgeschaut habe und mir dachte: Oh, so könnte ich das auch machen. Aber jetzt hab ich plötzlich diesen Mainstream-Erfolgsmoment. Und ich genieße ihn, ich liebe ihn. Ich werde einfach weiter meinen Plan verfolgen, gute Musik zu machen und großartige Shows zu spielen. Was aber wirklich anders ist: damals in den 90ern, wurden KünstlerInnen noch von Labels aufgebaut, der Mainstream-Erfolg wurde ihnen fast schon aufgezwungen. Mein Nummer-1-Song “Truth Hurts” wurde an keine Radiostationen beliefert. Mein Song hatte einen Moment. Jetzt, zwei Jahre nachdem er rausgekommen ist, wird er endlich im Radio gespielt. Ich bin da einfach anders, ich schaffe neue Regeln dafür, was Künstler machen und wie sie erfolgreich sein können. Und ich werde weiter nach meinen Regeln spielen. 

Body Positivity und Self-Care, das sind schon immer deine Themen. Dein zweites Album hast du “Big GRRRl, Small World” genannt, was auch schon eine Ansage ist. Wie bist du zu dem Punkt gekommen, dass du dich so akzeptieren konntest, wie du bist. Damit hast du ja am Anfang auch gekämpft...

Hast du das nicht? Jeder tut das doch. Ich glaube, allein chemisch ist es für uns Menschen wahnsinnig schwer, mit Veränderungen umzugehen. Denk nur an die Pubertät, wenn dein Körper komische Sachen macht und du weißt überhaupt nicht, was da passiert. Du wirst unsicher. Und genau daraus schlagen Unternehmen und Mainstream-Medien Kapital. Sie füttern dich mit Bildern von Menschen und reden dir ein, so solltest du auch aussehen. Und das kannst du dir erkaufen. In der Realität stimmt das natürlich nicht. Aber wir entwickeln uns und unsere Unsicherheiten, die immer wieder von diesen Bildern bestätigt werden. Also wächst man mit Komplexen auf. Ich habe das hinter mir gelassen, bevor es mich komplett zerstört hat. Ich hatte z. B. keinen Fernseher, ich habe keine Filme geschaut. Ich hatte keine Ahnung, was dieses verdammte Netflix-and-Chill ist. Ich hatte nichts von diesem Scheiß in meinem Kopf. Nichts davon hat meine Körperwahrnehmung gestört. Ich hatte also in meinen frühen Zwanzigern ein gesundes Verhältnis zu meinem Körper. Als ich mir damals gesagt habe "Scheiß drauf!", war ich als Indie-Rap Künstlerin unterwegs und ich hab auf mich geschaut und mir selbst gesagt: du bist schön! So habe ich mich selbst ermächtigt, ohne diese Bilder in meinem Kopf.

Was ich ziemlich interessant finde, wie du diese Message rüber bringst. Nämlich sehr witzig und selbstironisch. Wenn du zum Beispiel singst: Nein, ich bin ganz sicher kein Snack, ich bin das verdammte Hauptgericht. Oder auf Instagram, wo immer noch die Mehrheit der Frauen immer noch schlank, sportlich und perfekt aussehen wollen, da zeigst du der Welt stattdessen einfach deinen Hintern. Ist Humor für dich die beste Strategie deine Message rüberzubringen?

Ich musste am Ende deiner Frage schon lachen, weil: ich finde das Leben ziemlich witzig. Sogar wenn ich weine, muss ich irgendwann immer anfangen zu lachen. So bin ich einfach. Ich glaube, Humor hilft. Und ich denke, Leute lachen einfach gerne. Wenn ich dir also diese musikalische Medizin gebe, warum soll ich sie dir nicht mit einem Lächeln geben? Ich werde dich nicht einfach pieksen, ich mach sie dir schmackhaft. Das ist meine Art damit umzugehen. Aber das heißt nicht, dass ich nicht gerne in Form bin. Ich bin in Form!

Und wann wirst du mal wütend?

Die ganze Zeit! Wenn ich mich manchmal über eine Bitch aufrege, wird das irgendwann immer lustig und alle fangen an zu lachen. Und dann bin ich nicht mal mehr wütend auf diese Person. Aber ja, ich werde auch wütend. Aber das ist Energieverschwendung. Wir haben so viel Energie in unserem Körper und die verwende ich lieber aufs Masturbieren. 

Wo wir grade bei Energie sind und vor allem weiblicher Energie. Was meinst du? Sind es gerade gute Zeiten für schwarze Frauen in der Musikindustrie?

Jede Zeit nach gestern ist eine gute Zeit für schwarze Frauen in der Musikindustrie. Wir wurden so viele Jahre an den Rand gedrängt, unsere Stimmen wurden kopiert und gestohlen, mit uns wurde Geld gemacht, ohne dass wir dafür Anerkennung bekommen hätten. Jetzt, durch das Internet und Social Media und unsere Faszination mit Nachrichten-in-Echtzeit, bekommen die Urheberinnen und Schöpfer mehr Credit. Also zum Beispiel schwarze Frauen. Also - ja! Jeder Tag ist ein Schritt der Verbesserung. Ich liebe es, dass ich gerade die Musiklandschaft anschauen kann und da so viele schwarze Frauen an der Spitze sehe - in so vielen verschiedenen Genres. Wir schwarzen Frauen sind innovativ, lustig, sehen verdammt gut aus, wir sagen die besten Sachen, auf die beste Art und Weise - und die Welt hört uns zu. Die Ohren der Welt sind auf uns gerichtet, die Augen und - die Herzen. 


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