Bayern 2 - Zündfunk


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Schriftstellerin Liz Moore über Philadelphia "Trump hasst diese Stadt abgrundtief. So lustig, dass wir hier das Zünglein an der Waage waren."

Als Joe Biden in der Stimmauszählung Donald Trump überholte, feierten die Menschen vor allem in Philadelphia besonders ausgelassen. Liz Moore ist Schriftstellerin und schreibt über diese Stadt. Sie erzählt, warum es so schön ist, dass gerade Philly das Zünglein an der Waage war.

Von: Sandra Limoncini

Stand: 16.11.2020

Schrifstellerin in Philadelphia | Bild: Maggie Casey

Zündfunk: Wo waren Sie an diesem jetzt schon historischen siebten November, als halb Philadelphia die Nachricht von Bidens Sieg feierte?

Liz Moore: Es war so ein besonderer Augenblick. Wir waren im Süden, im Park mit Freunden. Also nicht genau dort, wo der Jubelsturm losbrach, als Biden von den Networks zum Präsidenten ausgerufen wurde. Aber wir sind dann durch die Innenstadt zurückgefahren. Es war so schön die Leute auf den Straßen zu sehen, manche haben geschrien vor Freude oder haben getanzt. Es hat sich angefühlt wie eine Feier, auf die man lange gewartet hat. Es gab nicht so viele gute Nachrichten in letzter Zeit, die wir hätten feiern können.

Lass uns noch ein bisschen über deine Stadt reden. Natürlich kennen wir hier den Philly-Sound, für den die Stadt berühmt geworden ist. Dein Buch „Long Bright River“ behandelt aber die Opioid-Krise, die Philadelphia hart getroffen hat. Wie geht es Philly im Moment?

Philadelphia ist eine große und ziemlich verarmte Stadt. Die großen Probleme der USA sind hier wie unter einem Brennglas versammelt. Die Vereinigten Staaten haben seit längerem ein Riesenproblem mit Opioiden auf Rezept. Viele sind davon abhängig, weil sie viel zu leichtfertig verschrieben wurden. Das liegt vor allem an unserem privatisierten Gesundheitssystem, das bringt viel Geld ein. Bei uns in Philadelphia ist die Situation besonders verschärft. Wir haben hier viele Familien, die über Jahrzehnte körperlich hart gearbeitet haben, um sich über Wasser zu halten. Eltern haben das dann zum Beispiel gegen die Schmerzen im Körper verschrieben bekommen, ihre Kinder fangen heimlich damit an, auch diese opiumhaltigen Medikamente zu nehmen und werden ebenfalls davon abhängig. Oft jahrelang. In einer Nachbarschaft namens Kensington ist es besonders schlimm. Da spielt auch mein Roman „Long Bright River“ - gespeist aus meinen Erfahrungen, die ich dort in jahrelanger Community-Arbeit gesammelt habe.

Hatte Trumps Politik der letzten 4 Jahre in Philly besondere Auswirkungen?

Unter Trump haben sich die Probleme hier noch mal verschärft, leider. Philadelphia begreift sich als sogenannte „Sanctuary City“ – das bedeutet, wir kooperieren nicht mit der Bundesregierung, helfen nicht dabei, illegale Flüchtlinge abzuschieben. Ich habe mit einigen dieser Geflüchteten gesprochen. Unter Trump hatten sie viel mehr Angst. Obwohl sie so viel zum Flair dieser Stadt beigetragen haben. Es gibt sogar richtig berühmte Restaurants hier in der Stadt, die Illegalen oder ehemaligen Geflüchteten gehören. Und selbst diese Menschen mussten unter dem Druck teilweise in den Untergrund.

Welche Hoffnungen und Wünsche habt ihr denn an die kommende Biden/Harris Administration?

Uns beschäftigt im Moment sehr, dass sich Covid 19 wieder stark ausbreitet. Die Trump-Regierung hat das Problem immer runtergespielt, fast nichts dagegen unternommen. Unter Biden scheint das anders zu werden. Die sind jetzt schon aktiv, wollen die Amerikaner beschützen, empfehlen Masken, wollen die Kontakte reduzieren. Auch das Bildungsministerium unter Trump war ein Desaster. Und dann natürlich die Steuergerechtigkeit. Davon wird unsere Stadt, aber auch die ganze USA profitieren. Biden hat ja schon versprochen, die Steuern für die Superreichen anzuheben.

Wie beurteilen Sie Kamala Harris, die erste weibliche Vizepräsidentin – taugt sie als Role Model?

Mit Kamala ist es ein bisschen kompliziert. Aber erstmal muss ich euch verraten, dass meine vierjährige Tochter komplett aus dem Häuschen ist und ganz vernarrt in Kamala Harris. Sie konnte es gar nicht glauben, dass sie die erste Vizepräsidenten überhaupt ist. Das war für sie sehr verwirrend – warum keine andere Frau vor ihr, Mami? Ich glaube, das ist genau die richtige Reaktion! Meine linken oder progressiven Freunde haben noch etwas gemischte Gefühle. Klar: alles ist besser als nochmal Trump. Aber ihr Background als Top-Juristin und da eher Hardlinerin machen Kamala Harris zu einer komplexen Figur. Ich freu mich trotzdem über sie, aber meine noch linkeren Freunde sind da etwas mehr skeptisch.

Sie haben in einem Artikel geschrieben – endlich könnten Sie wieder stolz sein auf ihre Stadt – warum genau?

Es fühlt sich ein bisschen so an, als wären wir ein Flusslauf, ein Brunnen, der die letzten vier Jahre abgedreht war. Und jetzt ist der Fuß, der zudrückt, weg. Und die Freude explodiert. Alle feiern. Es ist ja lustig, Trump hat hier eine Zeitlang an der University of Pennsylvania studiert. Und er hasst die Stadt abgrundtief. Das lässt er immer wieder raus. Auch bei einer der Fernsehduelle mit Joe Biden. Trump sagte da „böse Dinge tragen sich in Philadelphia zu“. Die Leute hier haben darüber fast schon hysterisch gelacht. Auf der einen Seite: Er reitet schon wieder eine Attacke auf unsere Stadt. Aber aus seinem Munde fühlte es sich andererseits fast wie ein Kompliment an. Unsere Mitbürger hier waren dann sehr kreativ, haben aus dem Spruch: Böse Dinge passieren in Philly T-Shirts gemacht, viele haben sie dann beim Wählen angehabt. Und es ist dann ja genauso für ihn gekommen. So lustig, dass wir dann hier in Philadelphia das Zünglein an der Waage waren, dass wir Pennsylvania zu einem blauen Staat gemacht haben. Eine irre Wendung. Wir waren überglücklich.


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