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Generator Podcast "Live is Life" - Wie die Konzertbranche in der Pandemie ums Überleben kämpft

Es gibt viele Verlierer dieser Pandemie. Manche erhalten Milliarden wie die Lufthansa. Andere sehr viel weniger. Der neue Lockdown trifft die Live-Industrie besonders hart. Stimmen aus einer von der Politik übersehenen Branche.

Von: Matthias Hacker

Stand: 30.10.2020 19:21 Uhr

Lene Popp, soloselbstständige Lichttechnikerin
„Die Touren vom Frühjahr wurden auf den Herbst verschoben und jetzt vom Herbst auf nächstes Jahr. Von heute auf Morgen ist alles zusammengebrochen, was im Kalender stand fürs ganze Jahr. Innerhalb eines Tages wurden alle Einkünfte abgesagt. Ich habe angefangen mit so Aushilfsjobs, im Baumarkt oder ich über Freunde Aufträge bekommen, ich habe zum Beispiel Betontreppen abgeschliffen oder Architekturmodelle gebaut.“

Bela B, Die Ärzte
„Unsere Crew ist uns sehr nah und wir mussten unsere Tour jetzt um ein Jahr verschieben. Wir wissen, dass sie das ganze Jahr über keine Jobs hatten und inzwischen wirklich Existenzängste haben. Das ist wirklich krass. Wir unterstützen „Alarmstufe rot“ und hoffen, dass wir die Politiker dazu kriegen, diese Riesenbranche, diese 1,4 Millionen Menschen, zu sehen und zu unterstützen.“

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Die Ärzte im Interview: Musik in der Corona-Krise | Bild: tagesschau (via YouTube)

Die Ärzte im Interview: Musik in der Corona-Krise

Veronika Stross, Organisatorin der Demo „Aufstehen für Kultur“
„Unsere Kultur ist seit Monaten in akuter Gefahr im Keim erstickt zu werden. Wir werden seit Monaten vernachlässigt, vergessen von der Politik. Viele von uns fühlen sich eigentlich, als ob sie mit einem Arbeitsverbot belegt worden sind. Es geht uns nicht nur ums Geldverdienen, wir wollen einfach unserem Beruf nachgehen, unserer Berufung, unserer Leidenschaft.“

Till Brönner, Jazzmusiker
„Wir sind keine Minderheit. In Deutschland leben 83 Millionen Menschen. Die Hauptsteuerlast liegt nur bei 16,5 Millionen Menschen. 1,5 Millionen davon sind wir und wir liegen damit auf Platz 2 der Beschäftigtenzahlen. Und bis heute gibt es kein funktionierendes Hilfsprogramm, dass dieser Tatsache ernsthaft Rechnung trüge.“

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Zur Lage. | Bild: Till Brönner (via YouTube)

Zur Lage.

Eva Mair-Holmes, Betreiberin des Labels Trikont
„Ich finde, das Geld steht uns zu. Ich will nicht das Gefühl haben, das sind Almosen. Beim Begriff ‚Systemrelevant‘ da hätte ich schon kotzen können, ehrlich gesagt. Wir müssen uns – und da waren wir nachlässig – wieder viel mehr vernetzen. Wir könnten eine Lobby sein, aber da müssen die Kreise größer werden. Es kann nicht jeder für sich kämpfen.“

Niko Strnad, Bang Bang Concerts
„Alle um mich rum sind betroffen: Das sind die Wirte, die Musiker, Veranstalter, Booker, die Security-Mitarbeiter, die Tontechniker, deren Schicksale mich betroffen machen. Ich bin Optimist, aber es wird auch für mich langsam schwierig, den Kopf hochzuhalten. Weil die Perspektiven schwinden und wir einfach nicht wissen, wann wir mit einem Normalbetrieb weitermachen können. Dieser Winter wird einigen das Genick brechen, finanziell. Das bedeutet, dass danach nur noch wenige da sind. Und der Bedarf ist ja da: Die Leute lechzen nach Kultur.“

Matthias Gibson, Backstage Heroes e.V.
„Die Leute, die im Hintergrund ein Konzert ermöglichen: Caterer, Toningenieure und so weiter, die fallen alle durchs Raster. Wenn die selbständig sind, hilft denen im Moment nicht ein einziges Hilfsprogramm.“

Markus Sporrer, Veranstalter CLUBZWEI
Das wird einfach Sodom und Gomorrha, wenn es wieder losgeht. Die Bands wollen alle sofort touren, alle haben eine neue Scheibe, es wird ein völlig absurdes Überangebot an Konzerten geben. Es ist ja allein jetzt schon soweit. Die meisten planen einfach mit diesem Mai 2021, dass es weitergeht, so in etwa. Wr werden da einfach so dermaßen viele Konzerte pro Woche haben, dass die alle dann am Ende des Tages nicht funktionieren, weil da die Leute sich nichts reißen können und auf alle Konzerte gehen können, die einem taugen. Wenn du irgendwie sieben geile Konzerte pro Woche bietest, jetzt allein wir als Club 2, als kleine Firma haben da so viel geiles Zeug binnen zwei Wochen. Das wird nicht funktionieren. Und dann ist der Schaden ja quasi der, der dann entsteht, weil die ganzen Bands nicht von ihren Garantien runtergehen. Oder sie fordern die Gagen, die sind immer gefordert haben oder vielleicht sogar mehr, weil sie ja was reinholen müssen. Und der örtliche Veranstalter ist dann im Grunde der Gelackmeierte, weil der der einzige ist, der bei all diesen Veranstaltungen und trotz extrem Arbeitsaufwand im Risiko ist und trotz guten Besuchs sehr massiv Geld verlieren kann. Ich glaube, dass es einfach nicht so profitabel sein wird, wie man sich das wünscht. Das ist das Komplexe an dem Ganzen. Natürlich völlig paradox, weil man diesen Neustart so herbeisehnt. Aber eigentlich ist das ein ganz großes Risiko, das sollte man nicht unterschätzen."

Erhard Grundl, Bundespolitiker für die Grünen
Ich möchte jetzt nicht vom Förder-Flopp sprechen, aber wenn z.B. in Bayern von 60 000 angepeilten Anträgen plus 10 000 Anträge kommen, ich weiß jetzt nicht, wieviel dann abgeflossen ist, aber da ist es auch ganz klar, dass es nicht an den Bedarfen orientiert war, die da sind. Das gleiche ist bei der Überbrückungshilfe vom Altmeier, wo die Antragsgröße irgendwie bei 2% oder 3% der Summe liegt und dann 1% insgesamt ausgezahlt worden ist. Das zeigt einfach, dass die Regierung da bisher auf jeden Fall nicht den richtigen Nerv getroffen hat. Und somit kommt es dazu, dass einfach nichts weitergeht."

Roland Hefter, Liedermacher
„Wir wollen mit Kunst und Kultur natürlich keine Menschenleben gefährden. Aber Künstler dürfen nicht einfach ihren Beruf verlieren. Weil wenn einer ein halbes Jahr keine Geige spielt, weil er Fliesen legen muss, dann kann er nach einem halben Jahr nicht mehr im Orchester spielen. Die Kultur muss am Leben erhalten werden, sonst geht das nämlich alles kaputt.“

Christian Kiesler, Target Concerts und Verband der Münchner Kulturveranstalter
„Die größte Gefahr dieser Krise und der schleppenden und mangelhaften Unterstützung ist, dass eine sehr vielfältige und auch sehr gute kulturelle Landschaft gefährdet wird und dass am Ende ausschließlich Sachen gemacht werden, die kommerziell oder in anderer Sicht erfolgreich sind und man sich weniger an Experimente wagt. Wir müssen natürlich erstmal die größeren Themen machen, die unsere Löcher stopfen – wenn wir bis dahin durchhalten.“

Hört dazu den Generator Podcast von Matthias Hacker, aus dem die vielen Stimmen der Veranstalter*innen und Musiker*innen stammen. Mit einem Klick auf das Bild startet Ihr die Sendung. Und hier könnt Ihr den Generator-Podcast abonnieren!


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