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Lilian Thuram über Rassismus "Die Welt gehört auch mir!"

Lilian Thuram ist Fußball-Welt- und Europameister. Schon als Kind hat er in Frankreich Rassismus erleben müssen. Über seine Erfahrungen hat er das Buch "Das weiße Denken" geschrieben, in dem er hart mit dem Weißsein ins Gericht geht.

Von: Sandra Limoncini

Stand: 01.06.2022

Ex-Verteidiger und Fußballstar Thuram | Bild: picture alliance / TT NEWS AGENCY | Duygu Getiren/TT

Lilian Thuram sitzt im Innenhof eines Münchner Hotels. Er sieht immer noch sehr sportlich aus, aber man sieht schon ein paar graue Haare auf seinem fast kahl rasierten Kopf. Klar, er ist beileibe nicht der einzige Sportler der nach seine Karriere etwas veröffentlicht hat. Aber Thurams Buch ist anders. “Das weiße Denken“, so der Titel, ist ein hervorragend geschriebener und detailliert recherchierter Beitrag zur postkolonialen Debatte. Geprägt von eigenen Erfahrungen: "Als ich mit 9 Jahren nach Paris kam, wurde ich von den Kindern dort als dreckiger Schwarzer beschimpft. Ich habe mich gefragt warum und bin nach Hause zu meiner Mutter gegangen, die mir sagte, das ist so, Rassismus ist so und wir können es nicht ändern. Deswegen sage ich immer, ich sei erst schwarz geworden als ich neun Jahre alt war. In Guadeloupe war ich einfach nur Lilian, und meine Freunde nannten mich Lico, das war’s."

Die Weißen dominieren alle anderen, ohne es überhaupt zu merken

Thuram konzentriert sich in seinem Buch nicht auf die Schwarzen, sondern auf die herrschende Klasse. Auf die Erfindung des Weißen, wie er es formuliert. People of Color sind sich ihrer Hautfarbe immer bewusst. Die Weißen meistens nicht. Sie dominieren alle anderen, ohne das überhaupt zu bemerken. Denn sie verstehen sich als Norm, müssen sich und ihre Hautfarbe nicht in Frage stellen oder sich als Teil einer Randgruppe sehen. Zum Weißen, so Thuram, wird man politisch gemacht. "Das weiße Denken ist keine Frage der Pigmentierung der Haut", schreibt er. "Es ist vielmehr, mindestens seit den Kreuzzügen, eine Art, auf der Welt zu sein." 16 Prozent der Weltbevölkerung sind Weiß, alle anderen, also 84 Prozent, haben eine andere Hautfarbe. Aber diese wenigen 16 Prozent, herrschen, sagt Thuram, weil sie die Macht haben, es zu tun. Und genau das hat er auch in der Welt des Fußballs erlebt.

Lilian Thuram liest aus seinem Buch "Das weiße Denken".

Rassismus ist auch hier immer noch ein Problem: "Natürlich habe ich meine Erfahrungen mit Rassismus gemacht in der Welt des Fußballs. Ich habe damals versucht herauszufinden, was da eigentlich genau passiert und interessanterweise, wenn ich nach dem Spiel darüber mit den Anderen reden wollte, sagten mir meine Mannschaftskameraden, die Trainer oder Funktionäre, komm Thuram, es war doch nicht so schlimm, lass es gut sein. Und das ist doch unglaubliche brutal, wenn dir alle sagen, dass es in Ordnung ist, wenn es einfach so weiter geht."

'Du musst nur wollen' - das ist totaler Scheiß

Vieles, was in diesem Buch steht, ist nicht neu im antirassistischen Diskurs. Lilian legt dennoch auf knapp 300 Seiten klug und schonungslos dar, wie weißes Denken historisch geformt wurde und gibt einen Überblick über postkoloniale wissenschaftliche Diskurse. Er nimmt Bezug auf kapitalistische Wirtschaftsstrukturen, die den alltäglichen Rassismus nicht nur aufrechterhalten, sondern reproduzieren und stellt dabei die richtigen Fragen, nämlich wer am Ende davon profitiert. Er ist dabei durchaus sehr selbstreflektiert. Er weiß, dass er durch sein fußballerisches Talent eine einzigartige Chance bekommen hat: "Ich hatte das Glück, dass ich die Welt bereisen konnte und genau deshalb sage ich ja immer, es ist tatsächlich so, dass es diese große Lüge gibt, wenn Menschen behaupten 'Du musst nur wollen'. Das ist doch totaler Scheiß. Das ist einfach nicht wahr. Es gibt haufenweise Menschen, die wirklich wollen, aber von soweit draußen starten, dass sie einfach keine Chance bekommen im Leben."

Buchcover "Das weiße Denken" von Lilian Thuram, Edition Nautilus.

Lilian Thuram hat viele Jahre nur für seinen Sport gelebt, hat sich aber auch schon als aktiver Spieler gegen Rassismus engagiert. Sein Sohn Marcus Thuram ist ebenfalls Fußballprofi geworden und spielt zur Zeit bei Borussia Mönchengladbach. Lilian erzählt, wie er seine Kinder auf ein Leben als People of Color vorbereiten musste, dass sie vorsichtig sein müssen, weil sie nicht weiß sind. Trotzdem ist er Weltbürger plädiert für Toleranz und Offenheit. "Ich glaube nicht, dass es gut ist sich in einer Gruppe zu verschließen, wir sind alle Menschen: ich bin von hier, ich bin von überall, weil die Welt gehört auch mir, ich glaube dass wir vor allem unsere Kinder in dem Bewusstsein erziehen müssen, dass es keine Unterschiede aufgrund von Hautfarbe und Religion und Nationalität gibt. Dieser Irrglaube ist nämlich eine Gefahr."

Lilian Thurams Buch „Das weiße Denken“ ist ein Plädoyer der Hoffnung und der Verständigung. Unterdrückung, schreibt Thuram, entmenschliche auch die, die oben stehen. „Damit ich meiner Race entkommen kann, müssen die Weißen ihrer Race entkommen.“ Dafür müssten sie aber zuerst verstehen.