Bayern 2 - Zündfunk


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Folk aus dem Libanon Das verlorene Tape von Rogér Fakhr ist unsere Wiederentdeckung des Jahres

Er klingt nach Cat Stevens oder Nick Drake. Der Songwriter aus Beirut konnte nur ein Tape aufnehmen, dann begrub der Bürgerkrieg seine Musiker-Hoffnungen. 45 Jahre später entdeckt ein Berliner Label seine Songs. Verhilft Habibi Funk Records dem inzwischen in Kalifornien und in Rente lebenden Fakhr vielleicht noch zu einer unverhofften, späten Karriere?

Von: Ralf Summer

Stand: 27.04.2021

Es klingt wie ein modernes Pop-Märchen: 45 Jahre nachdem Rogér Fakhr in seinem vom Bürgerkrieg zerrüttenen Heimatland ein Tape in Miniauflage kopiert und verkauft hatte, bringt nun ein angesagtes Berliner Label der Welt erstmals das hörenswerte Werk von Rogér Fakhr nahe. Habibi Funk Records hat Gott sei dank die Kassette des Libanesen in die Hände bekommen und überredete den inzwischen 66jährigen zur Veröffentlichung. Stücke wie "Lady Rain", "Gone Away Again" oder "Insomnia Blue" sind so toll: sie müssten eigentlich zu den Folk-Pop-Evergreens der 70er zählen und zwischen Nick Drake und Cat Stevens laufen.

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Gone Away Again | Bild: Rogér Fakhr - Topic (via YouTube)

Gone Away Again

Von Hildegard Knef zu Bob Dylan

Rogér Fakhr erzählt uns am Telefon, dass in seiner Jugend die Hit-LPs vieler Länder im Libanon erhältlich waren. Bei seinen Eltern lief zum Beispiel Hildegard Knef. Als ihm dann eines Tages sein Englisch-Lehrer Bob Dylan auf der Gitarre vorspielt packt es Rogér sofort: "Zuhause nahm ich dann sofort unsere Gitarre und spielte die ganze Nacht. Ich lernte sechs oder sieben Akkorde. Aber es war so schmerzhaft: das Griffe-Verschieben auf den Stahlsaiten liess meine Finger ganz wund werden. Ich schrieb zwar gleich drei Songs in dieser ersten Nacht, aber danach musste ich meine Finger in Eiswasser kühlen, damit sie wieder heilten", erzählt er.

Der Bürgerkrieg zwingt ihn ins Exil

Bei einem Musik-Wettbewerb gewinnt Rogér Fakhr einen Studio-Tag und nimmt zwei Songs auf. Bevor er mehr produzieren kann, bricht jedoch 1975 der libanesische Bürgerkrieg aus. Fakhr folgt Freunden nach Paris und produziert dort mit ihnen ein ganzes Album. Immer wieder kehrt er in den Libanon zurück. Je länger der Krieg dauert, desto weniger verstehen seine Eltern seinen Wunsch, Musiker zu werden. Fakhr wird Einzelgänger, übernachtet bei Freunden, in Zelten, lebt in den Bergen. Unter großer Mühe kann er 1977 einen Stapel Leer-Kassetten auftreiben. Dann beginnt das große Basteln.

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Habibi Funk // حبيبي فنك : Rogér Fakhr - (Such A) Trip Through Time (Lebanon, late 1970s) | Bild: Habibi Funk (via YouTube)

Habibi Funk // حبيبي فنك : Rogér Fakhr - (Such A) Trip Through Time (Lebanon, late 1970s)

Von Beirut nach Paris nach Kalifornien

"Ich hatte nur Lieder für 17, 18 Minuten pro Kassetten-Seite", erzählt uns Fakhr. "Um kein Band zu verschwenden, schraubten wir die C45er und C-60er-Tapes auf, rollten sie aus und schnitten sie auf die 17, 18 Minuten runter, die ich brauchte. Das machten wir bei 200 Kassetten so. Dann kopierte ich von meinem Master-Tape aus dem Studio in Paris die Lieder auf alle 200 vorbereiteten Kassetten. Am Ende zeichnete ich noch 200 Covers - in verschiedenen Farben. Alles handgemacht!"

Die Kassette gerät jedoch in Vergessenheit, Fakhr pendelt zwischen Beirut und Paris. Bis eines Tages Fairouz, die weltbekannte Sängerin des Libanon auf USA-Tour geht – und ihn mitnimmt: als Gitarristen und Mixer. Dort bleibt er hängen, zieht nach Kalifornien und Fakhr kürzt seinen Familiennamen um einen Buchstaben: er nimmt das „k“ raus – sonst würde er „Fucker“ ausgesprochen. Und wird Writer: er schreibt für Schulen und gemeinnützige Organisationen Briefe mit Spendenaufrufen. Und macht weiter Musik. Für sich und seine Freunde.

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Lady Rain | Bild: Rogér Fakhr - Topic (via YouTube)

Lady Rain

Und dann meldet sich plötzlich Berlin

Jahrzehnte später nimmt Jannis Stürtz Kontakt mit ihm auf: der Berliner DJ und Labelbetreiber ist Vinyldigger im sogenannten MENA-Raum: in Middle East und North Africa gräbt er nach vergessenen Platten und Kassetten. So bringt Stürtz 2019 die LP des libanesischen Musikers Issam Hajali raus, auf dem Fakhr Gitarre spielt. Und erfährt vom verschwundenen Tape. Stürtz will es unbedingt veröffentlichen. "Als ich die Musik das erste Mal gehört habe, fand ich sie direkt super. Es passt sehr zu dem Sound, der uns interessiert. Gleichzeitig gab es auch einen kurzen Moment der Irritation, auch weil es so überhaupt nicht nach Libanon klingt, sondern so als wäre sie mal in Kalifornien aufgenommen worden. Ich war sofort begeistert."

Aber Jannis Stürtz bekommt erstmal einen Korb. Fakhr ist skeptisch. "Ich habe mir angesehen, welche Art von Musik Habibi Funk veröffentlicht: hauptsächlich arabische und nordafrikanische Musik. Da passe ich nicht rein, dachte ich mir. Außerdem denke ich über die Stücke von damals heute ganz anders. Ich fühle sie anders. Jannis fragte mich noch ein, zwei Mal, ob er sie nicht in der Original-Version veröffentlichen soll und ich antwortete immer: nicht jetzt, nicht jetzt."

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Habibi Funk // حبيبي فنك : Rogér Fakhr - The Wizard + Some words (Lebanon, Late 1970s) | Bild: Habibi Funk (via YouTube)

Habibi Funk // حبيبي فنك : Rogér Fakhr - The Wizard + Some words (Lebanon, Late 1970s)

Wie Habibi Records ihn dann doch gekriegt hat

Die verheerende Hafen-Explosion von Beirut im Sommer 2020 ändert alles: Stürtz und sein Habibi Funk-Label stellen einen Benefiz-Sampler für das libanesische Rote Kreuz zusammen - Fakhr wird weich: gleich zwei Songs landen auf dem Sampler "Solidarity with Beirut". Und danach willigt er ein: zu "Fine Anyway" - dem neu abgemischten Album mit den Liedern von Mitte der 70er.

Ganz am Ende des Gesprächs fragen wir Rogér, ob er denn nun, 45 Jahre später, die Lieder seiner Platte noch einmal live präsentieren möchte. Er meint ja, aber nur mit seinen libanesischen Freunden von damals – und die leben in aller Welt verstreut. Wird also schwierig werden. Bis dahin heißt es die 18 Lieder von "Fine Anyway" zuhause genießen. Und zu hören, was für ein tolles Land der Libanon in den 60ern und frühen 70ern gewesen sein muss – als Rogér Fakhr dort aufwuchs. An der idealen Schnittstelle zwischen Ost und West, "im Paradies" - wie er im Booklet der LP/CD schreibt. Bis bei Lied 16 der Schrecken hereinbricht: "Keep Going" wird von Sirene und MG-Feuer abgewürgt. Auch wenn es nur Special Effects im Studio waren: der längst vergessene Bürgerkrieg hat diesen genialen Musiker abgewürgt. Erst jetzt, als Rentner, bekommt er endlich die internationale Anerkennung, die er verdient.


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