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Doku-Serie „Pride“ auf Disney+ Diese neue LGBT-Serie zeigt die unbekannten Held*innen, die für die Community gekämpft haben

Pünktlich zum Pride Month erzählt Disney+ mit der Doku-Serie „Pride“ die Geschichte der US-amerikanischen LGBT-Bewegung, von den fünfziger Jahren bis heute. Warum die Serie Hoffnung macht, aber umstritten ist.

Von: Roderich Fabian

Stand: 30.06.2021

Das Logo der Doku-Serie "Pride" auf Disney+ | Bild: Disney

Dies ist eine Erfolgsgeschichte. Denn wenn man die sechs Folgen der Doku-Serie „Pride“ gesehen hat, dann darf man durchaus Hoffnung auf die Zukunft haben. Die sechs Folgen von insgesamt viereinhalb Stunden sind die Erzählung eines allmählichen Fortschritts, den die queere Szene der USA erkämpft hat.

Mitproduziert hat die Serie das Magazin Vice. Pünktlich zum Pride Month, der an den Aufstand der Schwulen- und Lesbenbewegung im Sommer 1969 in der New Yorker Christopher Street erinnert, ist sie nun beim Streaminganbieter Disney+ zu sehen. Dass „Pride“ ausgerechnet beim Mickey-Mouse-Konzern läuft, ist umstritten. Denn die Produkte der Firma Disney fallen bisher nicht gerade durch einen besonderen Hang zu Diversität auf. Dafür kann „Pride“ allerdings nichts.

 „Pride“ erzählt die wenig bekannten Geschichten

Unterteilt in die Jahrzehnte seit den fünfziger Jahren des 20. Jahrhunderts ist „Pride“ nicht das übliche Abklappern der wichtigsten Ereignisse. Das Autorenteam hat vielmehr nach einzelnen, oft gar nicht so bekannten Geschichten gesucht, die den jeweiligen Zeitgeist repräsentieren.

So widmet sich eine längere Passage dem afro-amerikanischen Bürgerrechtler Bayard Rustin. Der hatte beim Inder Mahatma Ghandi die Kunst des gewaltlosen Widerstands erlernt und vermittelte diese Martin Luther King, dem Frontmann der Bürgerrechtsbewegung.

Rustin organisierte 1963 für King den berühmten „March on Washington“, den Sternmarsch für Bürgerrechte. Rustin war offen schwul, was ein republikanischer Senator dazu nutzte, die ganze Bewegung zu diskreditieren. Aber Rustin ließ sich nicht einschüchtern. Die Wissenschaftlerin Lauren Buisson sagt in „Pride“ über ihn:

"Ein so gutaussehender, talentierter, charismatischer Mann! Wäre er hetero gewesen, wären heute mehr Schulen nach ihm benannt. Aber darauf kam es ihm nicht an. Er hat uns gezeigt, dass man ihn nicht aufhalten konnte."

Die Wissenschaftlerin Lauren Buisson über den Bürgerrechtler Bayard Rustin

Lauren Buisson ist einer vielen sogenannten „Talking Heads“ der Serie. „Pride“ ist nämlich keine pure Aneinanderreihung von Archivmaterial, sondern versucht, durch verschiedene Expert*innen immer wieder, die historischen Ereignisse auch in ihrer Bedeutung für die Gegenwart einzuordnen.

In der vierten Episode geht es um die achtziger Jahre, als die queere Community vor allem ín New York City schon über eine bessere Infrastruktur verfügt. Der große Rückschlag ist die Aids-Pandemie, die ab Anfang der Achtziger vor allem in der schwulen Szene wütet. In den Mainstream-Medien wird Aids anfangs als „gay cancer“, als Schwulenkrebs bezeichnet.

„Hals über Kopf in den Aktivismus gestürzt“

Der Kampf gegen Aids bringt eine neue Art von Aktivisten auf den Plan, nämlich Leute, die nicht nur gegen Diskriminierung kämpfen, sondern auch gegen das allgemeine Unwissen in Bezug auf die Krankheit.“ In „Pride“ wird uns die queere Journalistin Anne Northrob vorgestellt, die mehr tun will, als nur zu berichten.

„Ein Freund hatte mir geraten, es mal bei der Harvey-Milk-Highschool zu versuchen“, erzählt sie in der der Serie. Das sei die alternative Schule für die junge LGBT-Community gewesen. Sie hätten ihr gesagt: „Wir bieten dir einen Job an, wo du in der Szene Aids-Aufklärung betreibst“, erinnert sich Northrob. „Ich dachte: ‘Warum nicht?’ – und habe mich Hals über Kopf in den Aktivismus gestürzt.“

Es sind Leute wie Anne Northrob, die die Serie „Pride“ so sehenswert machen. Sie und viele andere hier leisten Basisarbeit für die LGBT-Community. Sie sind „Unsung Heroes“ – wenig bekannte Heldinnen.

„Das war die schlimmste Demütigung“

Aber auch wenn „Pride“ insgesamt eine Erfolgsgeschichte erzählt, wird hier klar, dass noch viel zu tun bleibt. In der letzten Folge, die die Zeit nach der Jahrtausendwende beschreibt, geht es vorrangig um trans Menschen wie Dean Spade. Der Autor schildert vor der Kamera, wie er immer wieder Ärger mit der Polizei bekommt und häufig auch im Knast landet, wo ihn Beamte misshandeln. Am nervenaufreibendsten sei aber die psychische Diskriminierung. 

„Das vielleicht Schlimmste bei meiner Verhaftung war der Pflichtverteidiger, der mich nach meinen Genitalien gefragt hat“, erzählt Spade in der Serie. Er habe geantwortet: „Ich wüsste nicht, warum das wichtig für Sie ist.“ Daraufhin habe der Pflichtverteidiger entgegnet, er könne auch gehen. „Das war für mich die schlimmste Demütigung – auch noch durch jemanden, der doch eigentlich auf meiner Seite stehen soll“, so Spade. „Das hat mein Bild von Anwälten geprägt, die alles noch viel schlimmer machen können.“

Und dennoch weiß auch Dean Spade, dass er in New York inzwischen nicht nur auf die LGBT-Szene bauen kann, sondern auch auf Unterstützung aus anderen Kreisen der Gesellschaft. Selbst wenn sich die Serie „Pride“ nur auf die USA und vor allem auf New York City bezieht, kann man durch diese Zeitreise viel lernen. Über Etappen auf dem Weg in eine vielleicht ja doch mal irgendwann befreite Gesellschaft.

Die sechsteilige Doku-Serie „Pride“ ist seit dem 25. Juni 2021 auf dem Star-Kanal des Streaming-Dienstes Disney+ zu sehen.