Bayern 2 - Zündfunk


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Ein Musikfan geht nie in Pension DJ Thomas Meinecke sendet ein letztes Mal

Er ist ein legendärer Zündfunk-DJ und hat uns zu dem gemacht, was wir heute sind: Thomas Meinecke. Der Musikconnaisseur, Moderator und Discjockey sendet ein letztes Mal. Aber wir wissen: ein Musikfan geht nie in Pension. Ein Brief zum Abschied.

Von: Michael Bartle

Stand: 21.05.2021

Thomas Meinecke und die englische BBC-Radio-Legende John Peel | Bild: Privat/BR

Lieber Thomas,

bei mir zuhause auf dem Klo hängt ein Poster deiner Band FSK, darauf der Spruch: „Heute Disco, morgen Umsturz, übermorgen Landpartie“. Aber das ist nicht der einzige Grund, warum ich dich sozusagen jeden Tag sehe, oder mehr noch, im Ohr habe. „Sozusagen“, das ist im Übrigen ein echtes und im besten Sinne vages und uneindeutiges Meinecke-Wort.

Die Zündfunk-Redaktion im Jahr 1994. Thomas Meinecke ist der zweite von rechts in der obersten Reihe.

An die 1.000 Sendungen hast du gemacht für uns Menschen im Zündfunk, für uns Macher*innen, Hörer*innen, und vor allem: Uns Fans. Das wolltest du ja selbst immer sein und bleiben: Ein Fan der besten, neuesten und oder aufregendsten Musik. Ein urfader Begriff wie "Journalist" oder gar "Musikjournalist" wäre dir nicht gerecht geworden. Bemusterungen von Plattenfirmen hast du konsequenterweise meist abgelehnt. Die Musik wolltest du schon selbst finden. Auf Vinyl, natürlich meist mit Katalognummer, die vorzulesen du wichtig fandst in deinen Sendungen. Vinyl, wo immer du es herbekommen konntest, in den Städten, in denen du gelesen, gewirkt, aufgelegt oder Gastprofessuren hattest. Außer vielleicht der produktionstechnisch extrem interessante und tiefer gelegte Multi-Million-Dollar-HipHop, da durfte es dann auch eine CD sein, vorzugsweise und passgenau im Müller Markt.

Was ich immer an dir bewundert habe:

- deine Liebe zum Genitiv

- deine Thomas-Mann-Sätze, nach der reinen Lehre vollkommen ungeeignet fürs Radio, aus deiner Stimme aber immer elegant und easy gestanden, wie ein Bodenturner nach Dreifachsalto

- der stets höfliche Kampf um jeden Satz, jedes Zeichen, wenn man mal an deinen Manuskripten rumredigieren und vielleicht ein Komma auflösen wollte

Am meisten mochte und bewunderte ich aber dein tiefes Fantum und Wissen. Dein Wissen um den Jazz von Archie Shepp, Monk, Coltrane und Sun Ra, genauso wie um New Orleans Funk, Hill Country, Glam oder texanische Polka; um Curtis Mayfield und Beyonce genauso wie um NRBQ oder jede andere Band im Combo- und Graceland, wie du manche deiner Sendungen und Sendereihen genannt hast. Dieses Wissen tropfte aber niemals tränennass zu Nostalgie oder zu Retromania  – im Gegenteil: Ich kenne nur ganz wenig Musikmenschen, die immerzu - auch gleichzeitig - das immer Neueste und immer Aufregendste entdecken wollten. Ich erinnere mich gut, wie wir mit ungefähr 25 anderen Menschen zusammen beim allerersten Cat Power-Konzert in München standen. Wie schön, dass wir später fast gleichzeitig Theo Parrish, Moodyman, Jlin, Underground Resistance, Drexciya oder Hyperdub lieben lernten.

Detroit und Chicago, Berlin, Düsseldorf, Rio, Kapstadt und die Sahelzone: Es gab kein Genre, keine Künstler*innen, keine Orte, an denen du nicht immer auch superinteressante Musik gefunden und mitgebracht hättest. Schon irre, dass das alles möglich war und ist im öffentlich-rechtlichen Rundfunk: Du, unser Host. Wir, die wir dich hosten durften und konnten, manchmal gegen den alles einstampfenden optimierenden Wind, gegen den zusammen wir immer gut argumentieren konnten. Schließlich hat man dich, als das Internet diese Welt kleiner machte, überall hören wollen auf dieser Erde.

Nun also dein letzter Nachtmix, keine große Rückschau, damit hältst du dich nicht auf, sondern neue Sounds aus der Sahara – wir wollen genau bleiben: „Tales from the Sahel Zone and the Sahara Desert“ hast du sie genannt, Untertitel: „Hypnotische Songs aus Mali und Niger“ – wir werden sie am Radio empfangen. Übermorgen dann also die Landpartie, die du ja gelegentlich schätzt, aber natürlich wirst du im Hier und Jetzt bleiben, im Heute, in der Disco, dort, wo die Musik spielt. Und wir werden dich hören, von dir lesen, zu Dir tanzen. Ein Musikfan geht nicht in Pension.

Thank You For The Music, lieber Thomas. Und danke for Being Thomas Meinecke. Wir werden Dich vermissen.

Michi Bartle für alle Menschen im Bayern 2 Zündfunk, im Nachtmix und vorm Radio.


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