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"Let's Talk About Sex, Habibi" Dieses Buch erklärt uns den Sex in der arabischen Welt

Der Berliner Journalist Mohamed Amjahid schreibt eigentlich politische Bücher über Rassismus. Aber jetzt geht es um Sex. In seinem neuen Buch "Let's Talk About Sex, Habibi" erzählt er, was in Marokko, Tunesien und Ägypten hinter verschlossen Türen abgeht. Schonungslos, humorvoll und sehr intim.

Von: Sandra Limoncini

Stand: 05.11.2022

Mohamed Amjahid | Bild: Antoine Midant

Meine englische Freundin Lucy sagt immer laut und eindringlich, wenn ihre Kinder oder Erwachsene Wörter benutzen, die nicht jugendfrei sind: "Language". Beim Lesen von "Lets Talk About Sex, Habibi" saß ich sehr, sehr oft da und dachte laut: "Language!" Nicht, weil ich prüde wäre, sondern weil ich überrascht war, wie tabulos und intim Mohamed Amjahid tatsächlich mit arabischer Sexualität umgeht. Im Buch spricht er in 40 kleinen Episoden, die Titel haben wie "Der coole Salafist", "Schwanzvergleich" oder "die dunkelste Ecke des Friedhofs", über Sex. Los geht's mit dem Aufklärungsunterricht in Marokko:

"Eigentlich war Sex keine so große Neuigkeit für uns Schüler*innen. Die menschliche Sexualität war schon seit den Achtzigerjahren fester Bestandteil des Biologieunterrichts in Marokko. Zumindest waren meine Schulbücher aus den Jahren 1980 bis 1985 voll damit. Zum Abschluss jeder Schulform ragten Schaubilder von Penissen und Vaginen aus dem Biologieheft: In der sechsten Klasse, neunten Klasse und zur dreijährigen Abiturphase am Gymnasium. Die Darstellung der Genitalien im Grundschulbuch hatte sogar kleine gezeichnete Schamhaare im Angebot."

Was sagt die Religion über Sex

Als ich die ersten Kapitel von Mohamed Amjahids Buch gelesen habe, war ich überrascht und amüsiert. Ich hab an vielen Stellen eine Freizügigkeit entdeckt, die ich so in einem islamisch geprägten Land, nicht erwartet hätte. Und es begegnet mir auch die typische Bigotterie, die ich erwartungsgemäß bei Imamen und gläubigen männlichen Apothekenbesitzern voraussetzen würde. Die Skurrilität in manchen Situationen entsteht eher dadurch, dass die Jungs ihren Job einfach richtig gut machen wollen:

"Der Prophet Mohammed, Friede sei mit ihm, habe die Gläubigen ermahnt, dass sie sich beim Sex Zeit lassen sollten. »Wichtig ist, lange zu küssen, die Zunge der Partnerin ausgiebig auszulutschen.« Der Imam rieb lustvoll seine Hände aneinander. Küssen sei ein wesentlicher Bestandteil der ehelichen Fürsorgepflicht. Den Ehefrauen einen Orgasmus zu verschaffen auch. »Orgasmen sind kleine Momente, in denen wir Menschen am Paradies schnuppern können. Sorgt dafür, dass eure Frauen am Paradies schnuppern können, damit sie bessere Frauen werden."

Was sagt die Gesellschaft über Sex

Wer jetzt aber denkt, das Buch, "Let‘s Talk About Sex, Habibi", ist ein launiger Gegenwartssexbericht einer benachbarten islamischen Kultur, hat sich getäuscht. Mohamed Amjahid nähert sich von Kapitel zu Kapitel langsam einem gesellschaftlichen Phänomen, das man durchaus kritisch sehen kann. Denn bei aller wunderlichen Freizügigkeit kommt auch eine zutiefst gespaltene, vulnerable aber auch vielschichtige Gesellschaft zutage, die mehr drauf hat, als Frauen unter den Hijab zu zwingen. Amjahids Tante Afaf beispielsweise ist eine selbstbestimmte marokkanische Heiratsschwindlerin:

"Tante Afaf wollte von den Männern, die sie zum Schein heiraten wollte, definitiv keinen Sex. Es war ein pures Business für sie als Besitzerin eines französischen Passes. Manchmal nahm sie eine Anzahlung und sah die Männer nie wieder. Die Kunden kamen und gingen also. Und so stellte sie uns eines Tages Tijani vor, oder wie sie ihn nannte: »meinen Goldesel«. Damit bezog sie sich einerseits auf seine großen, schiefen Schneidezähne, die aus seinem Mund ragten, andererseits auf die Tatsache, dass sie den eselsdummen Tijani so richtig ausnehmen wollte, bevor er auch nur einen Fuß ins gelobte Europa setzen würde."

Schonungslose Offenheit

Mohamed Amjahids Buch, "Let‘s Talk About Sex, Habibi" ist ein sehr persönliches Buch. Die Homosexualität des Autors wird dabei genauso offen verhandelt wie diese ausgefallenen Tipps, mit Knoblauchzehen und der Gewürzmischung Ras el-Hanout jede Vagina wieder auf Trab zu bringen – inklusive Konsensklärung im Vorfeld.

Aber Mohamed Amjahid spricht auch ohne selber zu werten patriarchale Strukturen an, das offensiv gelebte und von Frauen gewollte Matriarchat in vielen Familien, "White Supremacy" oder Kolonialismus. Eine Stärke seines Buches ist, dass er diese vielen Geschichten nur erzählt. Inhaltlich ist es zum Teil schwer zu verdauen, was man da liest, denn im Kern geht es auch mal um Vergewaltigung von Männern und Frauen, Gewalt in der Ehe oder Sklaverei. Nur überlässt es Mohamed Amjahid mir als Leserin, eine Haltung dazu zu entwickeln. In der Psychologie nennt man das: Sagen, was ist. Und egal, wie wir es heute bewerten. "Let‘s Talk About Sex, Habibi" ist einfach ein Buch über das, was Mohamed Amjahid als Kind, Jugendlicher und Erwachsener in Marokko, Ägypten und Tunesien passiert ist.