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Corona-Ansteckung Indoor Tim Bendzko gibt ein Konzert im Dienste der Wissenschaft – in einer halbleeren Halle

Live-Konzerte in Hallen wollen alle wiederhaben. In Leipzig findet deshalb eine Konzert-Studie statt, um corona-konforme Hygiene-Konzepte zu erarbeiten. Dort spielt Tim Bendzko - und trotzdem wird die Halle nicht voll.

Von: Aylin Dogan

Stand: 14.08.2020

Bendzko auf einem Konzert in Hannover | Bild: picture alliance/Geisler-Fotopress

Am 22. August wird in Leipzig etwas schier Unglaubliches stattfinden. Ein Konzert. Ein richtiges. Mit Publikum. In einer Halle. Nur: Das Ganze hat ein paar Haken. Haken Nummer Eins: Das Konzert ist bestuhlt. Na gut. Haken Nummer zwei: Auftreten wird Tim Bendzko. Also nicht unbedingt ein Interpret, der im Zündfunk rund um die Uhr läuft. Und Haken Nummer Drei: Selbst Bendzko-Fans bekommen nur insgesamt 100 Minuten Benzdko. Das Ganze ist eben doch mehr Studie und weniger Party. Um herauszufinden, wie die Ansteckung in einem Konzertsaal funktioniert.

„Natürlich machen wir das nicht, dass wir da Infizierte reinschicken und überprüfen, ob sich dann da jemand ansteckt im Laufe des Versuchs.“, sagt Dr. Stefan Moritz von der Universitätsmedizin Halle. „Wir versuchen alles dran zu setzen, dass da wirklich nur Nicht-Infizierte in die Halle reingehen.“

Konzertszenarien sollen Aufschluss über Ansteckungen geben

Tim Bendzko will noch kurz die Welt retten

Dr. Stefan Moritz leitet die Studie. Sein Plan: In der Arena in Leipzig unterschiedliche Konzertszenarien zu simulieren. Und mit den Auswertungen ein realistisches und Corona-konformes Konzept für Konzerte in Hallen zu erstellen. Damit sich niemand wirklich ansteckt, muss das gesamte Publikum vorher einen Corona-Test machen.

„Diese riesige Arena zerlegen wir in wirklich ein Kubikzentimeter große Würfel und bauen die ganze Raumtechnik der Arena nach und simulieren die Aerosole, die die ausstoßen“, erzählt Dr. Stefan Moritz. Dann könne man im Nachhinein nämlich sagen, welcher Proband seine Aerosole wohin geblasen hat. „Wenn wir sagen, ein Infizierter war darunter, können wir sagen, wie viele hätte er möglicherweise angesteckt, weil die in seiner Aerosolfahne saßen.“

Außerdem im Spiel: FFP2-Masken, fluoreszierendes Desinfektionsmittel, UV-Licht, und jede anwesende Person bekommt auch noch einen Tracker umgehängt. Eine von diesen Personen wird Julia sein. Sie ist über Tim Bendzkos Facebookseite auf die Aktion gestoßen. „Ich wollte eigentlich im Mai zu Tim Bendzkos Konzert in Leipzig gehen. Aber das ist dann ja ausgefallen.“

Drei Konzertszenarien

So wird es wahrscheinlich nicht laufen: Tim Bendzko auf der BR-Radltour 2017

Jetzt geht Julia doch noch zum Konzert, nur für die Wissenschaft – über einen ganzen Tag lang. Von 8 bis 18 Uhr ist das Ganze angesetzt. Drei Szenarien müssen in diesem Zeitraum durchgespielt werden. In Szenario eins darf das Publikum zwei Eingänge nutzen, nebeneinandersitzen und sich frei bewegen. Szenario zwei bietet acht Eingänge und deutlich striktere Hygienemaßnahmen. Zum Beispiel wird das Nebeneinandersitzen dann verboten. In Szenario drei wird die Größe des Publikums halbiert. Bedeutet: Wenn man mitmacht, wird man vor allem von einem Ort zum anderen geschickt. „Ich soll um 8 Uhr an der Messe in Leipzig sein, und dann werde ich mich überraschen lassen“, meint Julia.

Das Problem ist nur: Julia ist dabei. Aber sonst? Kaum jemand. Die Studie ist mit 4.200 Personen geplant. Gemeldet haben sich bisher nicht einmal halb so viele. Julia erzählt, dass sie bereits dazu aufgefordert wurde, Werbung in der Familie und im Bekanntenkreis zu machen. Aber so richtig Erfolg habe sie nicht.

Stattfinden soll das Ganze trotzdem, sagt Dr. Stefan Moritz – auch wenn der Saal nur halb voll wird. Das Experiment wird einfach an die wenige Teilnehmerzahl angepasst. Immerhin wollen sie nur noch kurz die Welt retten. Oder fürs erste die Welt der Event-Industrie.


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