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Serien-Schöpfer Noah Hawley Warum "Legion" die bisher beste Serie aus dem Marvel-Universum ist

Noah Hawley verdanken wir die Umsetzung des oscarprämierten Fargo-Films in eine großartige Serie. Mit "Legion" hat er aus einer Marvel-Vorlage einen psychedelischen Trip in die Psyche eines kranken Mannes geschaffen.

Von: Thomas Mehringer

Stand: 30.08.2019

Szene aus der FX-Serie "Legion" | Bild: picture-alliance/dpa

Ich sitze in einem neon-grellen, geschlossenen Raum, neben mir am eckigen Tisch sitzen mir mehr Menschen gegenüber. Menschen mit Ticks, denen man sofort einen bestimmten Stereotyp zuordnen kann. Die eine ist zappelig extrovertiert, der andere der lethargisch Aparte. Wir unterhalten uns. Irgendwie kommt mir die Unterhaltung immer komischer vor. Plötzlich dämmert es: Unterhalte ich mich etwa mit mir selbst? Die anderen Personen im Raum stellen offensichtlich Teile meiner Psyche dar. Es ist schwer sich diese Situation vorzustellen, aber für David Haller ist sie Alltag. Er leidet unter einer Persönlichkeitsspaltung und er ist der Protagonist der außergewöhnlichen Serie “Legion”. Diese Szene in Staffel 1 hat er genau so erlebt.

Das Team um David Haller

Davids gespaltene Persönlichkeit ist aber nicht das einzige, was ihn auszeichnet. Wir kennen ihn - Achtung, kleiner Spoiler - auch aus den Marvel-Comics als den von Sohn von Professor X, dem Gründer der X-Men. Von ihm hat er unglaubliche metaphysische Kräfte geerbt. Und damit ist klar: “Legion” basiert auf einem Marvel-Comic. Auch wenn die Serie nicht an das sogenannte MCU, das Marvel Cinematic Universe im Kino andockt.

"Man muss die Persönlichkeit hinter der Krankheit stärken"

“Legion” ist keine gewöhnliche Serie - weder für Marvel-Verhältnisse noch in der ganzen weiten Serien-Landschaft. Natürlich geht es auch um Bösewichte wie den “Shadow King”, das bevorstehende Ende der Welt, Zeitreisen und die große Liebe, aber im Grunde dreht sich alles um das Thema psychische Krankheiten. Noah Hawley will mit “Legion” ausloten, wo sie aufhören und die eigene Persönlichkeit anfängt. "Es geht um die Idee, dass Menschen mit psychischen Krankheiten von der Gesellschaft als herausfordernd empfunden werden, indem gesagt wird: Diese Eigenschaften, die du hast, sind nicht gerade positiv. Du hörst Stimmen, siehst Dinge oder man darf dich nicht anfassen. Was so ist, weil die Menschen psychisch krank sind. Man muss die Menschen dahin bringen, zu sagen: Nein, nein, nein das ist deine Stärke. Denn die Persönlichkeit hinter der Krankheit wird nur so gestärkt", erklärt er im The Watch-Podcast.

Wenn man so will, spielen alle drei Staffeln in Davids Kopf - und damit überall. Hawley will das Durcheinander beseitigen und Ordnung in den Kopf seines Protagonisten bringen, rein in die vollkommene Klarheit. Das macht Noah Hawley einem mit seinem Alice-im-Wunderland-Ansatz nicht immer ganz einfach. Zwar kommt “Legion” visuell brillant daher, mit Bildern als würde Wes Anderson bei einer Twin Peaks-Folge Regie führen. Und noch ein Vorbild gibt es: die Traumbilder des Franzosen Michel Gondry aus seiner Tragikkomödie “Eternal Sunshine Of A Spotless Mind”.

Mutanten im 60ies-Look

“Legion” ist darum aber eben keine Serie für den Second Screen. Man braucht die volle Aufmerksamkeit, um folgen zu können. Ein Blick aufs Handy und schon checkt man nicht mehr, in welchem Kopf man steckt, aus welcher Perspektive die Geschichte jetzt weitererzählt wird. Sollte das wirklich frustrieren - ich musste wirklich mehrmals zurückspulen - entschädigt der großartige Soundtrack, der ein großes Vorbild hat: "Bevor es überhaupt ein Skript gab, haben Komponist Jeff Russo und ich darüber gesprochen, dass der Soundtrack wie “Dark Side Of The Moon” klingen muss, weil es eines der besten Alben aller Zeiten ist und es perfekt zum Thema "Psychische Krankheiten" passt. Denn darum geht’s: einen Charakter, der vielleicht psychisch krank ist oder einfach nur übernatürliche Kräfte hat - oder beides zusammen", erzählt Hawley auf der Couch von Jimmy Kimmel.

Inspiriert von Michel Gondry, David Lynch und Pink Floyd

So ist es auch kein Zufall, dass die Freundin von David Haller in “Legion” Sydney Barrett heißt, frei nach Syd Barrett von Pink Floyd. Womit wir bei den tollen Schauspielern wären. Im Grunde kommt “Legion” alle drei Staffeln mit sechs Kammerspiel-Darstellern aus. Rachel Keller, die wir aus der zweiten Staffel von Fargo kennen, spielt Syd Barrett. Der Brite Dan Stevens (“Die Schöne und das Biest”), der David Haller spielt, kommt daher wie ein wild frisierter Brit-Pop-Star aus den 90ern. Aubrey Plaza spielt die rebellisch, zwielichtige Lenny. Und Amber Midthunder und Bill Irwin teilen sich die Figur Cary - das geht, wenn man einen parasitären Mutanten spielt.

“Legion” ist ein einziger psychedelischer Trip von Serie - wie der schizophrene David konnte ich irgendwann nicht mehr unterscheiden, ob Drogen, Krankheit oder Mutanten-Bösewichte für die vielen Irrungen und emotionalen Täuschungen verantwortlich sind. “Legion” spuckt so Mystery-Serien wie “Lost” von oben auf den Kopf. Was es aber so einzigartig macht: Schöpfer Hawley setzt sich ab von der gewohnt erfolgreichen Superheldenformel, pfeift auf die Konventionen des Genres, setzt auf einen eigenen Stil und Look - und er nimmt psychische Erkrankungen sehr ernst und schafft so Spannung und Empathie in teils fantastischen Bildern. Und das ist mehr als irgendeine andere Marvel-Serie oder -Film bisher geschafft hat. 

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Legion Season 3 | Official Trailer | Bild: Marvel Entertainment (via YouTube)

Legion Season 3 | Official Trailer

"Legion" ist in zu Deutschland zu sehen bei: Sky, Magenta TV, Amazon, iTunes


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