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DJ-Auftritt in München Lars Eidinger, bitte hör auf, auf dich zu hören!

Auflegen kann anscheinend jeder, es gibt keine Lehre, oder das passende Studium dafür. Immer wieder führt das dazu, dass sich prominente Menschen einfach ans DJ Pult stellen und versuchen, die Massen zu begeistern. Einer davon ist Lars Eidinger. Am Samstag war er mit seiner Autistic Disco in München. Und wir waren dabei. Eine Stilkritik.

Von: Sandra Limoncini

Stand: 03.02.2020

Schauspieler Lars Eidinger legt auf | Bild: picture alliance/dpa

Lieber Lars,

ich war bereit, bereit zu tanzen und Dir zuzuhören. Wollte mir vielleicht sogar was abschauen, ich bin ja selbst DJ. Ich hatte mich auf Dich gefreut, denn ich mag Dich. Nach „Was bleibt“ mit Corinna Harfouch war ich bezaubert von Deiner zurückhaltenden und doch immer präsenten Spielweise, nach Hamlet war ich der Meinung, Du hättest den Iffland Ring verdient. Als Richard der Dritte auf der Schaubühne hab ich mich sogar ein bisschen in Dich verliebt. Was für ein Mann, ein Typ, männlich, gleichzeitig zart und lustig, eigentlich gibt es solche wie Dich doch gar nicht, dachte ich.

Und dann gehe ich also am Samstag in München ins Utopia und - warte erst mal rund drei Stunden auf Dich. Im Line Up stehst Du an erster Stelle, war aber wohl nix. Erst spielen alle anderen DJs und dann plötzlich gegen halb zwei sehe ich Dich dort oben auf der Bühne stehen. Das Gesicht vollgepappt mit Aufklebern, während die Toy Tonics Crew noch auflegt. Und Du tanzt mit ungelenken Bewegungen immer einen Takt daneben. Du zubbelst die ganze Zeit an Deiner schwarzen Hipster-Mütze rum und machst Selfies mit den anderen DJs.

Bist du ne Jukebox, oder was?

Und dann – endlich stehst Du alleine an den Turntables. Ich spüre Vorfreude aufkommen, es kribbelt und ich bin unfassbar gespannt, welches Stück Du als erstes spielst. Ich sehe, wie Du den Kopfhörer über die Mütze ziehst, den Kopf DJ-mäßig schief legst, um den Kopfhörer besser zwischen Kinn und Schulter einzuklemmen, um die Musik besser hören zu können, ist ja ganz schön laut, nicht wahr, und dann legst Du los mit den Chemical Brothers „Get Yourself High". Den Loop davon lässt du eine Weile stehen, bis es fast unerträglich wird - und legst dann „Pump Up The Jam" von Technotronic drüber. Pump die Marmelade hoch? Echt jetzt? Ok, Lars, Du bist aus Berlin, vielleicht muss ich das nur ironisch verstehen. Als Anspielung auf die Münchner Bussi-Bussi-Mentalität und so. Haha, alles nicht so ernst nehmen. Ok dann kommt Azealia Banks. „212" ist ein wirklich gutes Stück, aber ehrlich gesagt, das ist doch keine Kunst, und innovativ ist das auch nicht und dann kommt „Insomnia" von Faithless.

Mann, Lars, bist du eine Jukebox, oder was? Kann man bei dir einfach Münzen reinwerfen? Schlägt dir das Spotify vor? „Insomnia"?!? Ich - zum ersten Mal raus, um Luft zu schnappen. Draußen beim Rauchen treffe ich einen jungen Schauspielkollegen und Fan von Dir, er sieht das blanke Entsetzen in meinem Gesicht. Und sagt nur mitleidig: Alles Absicht. Du wolltest extra scheiße auflegen, das sei Konzept, Persiflage halt.

Extra scheiße Auflegen - deine Masche?

Ich wieder rein, aber: nein, besser wird das nicht mehr. Und gleich war er wieder da: der leise Anflug von Fremdscham, als ich Dich da oben stehen sehe. An der Mütze fummelnd und Lieder spielend, von denen ich mit 20 schon wusste, dass die niemals cool sein würden. Egal, wer sie auflegt. Du willst, dass sich die Menschen selber in Frage stellen, sagtest Du in einem Interview. Okay, ich hätte auch mal ne Frage? Was soll das mit den Aufklebern im Gesicht? Warum spielst Du nicht mal Musik die ich nicht kenne? Kannst Du nicht einfach Deinen Job hier machen und gut auflegen? Mehr mixen, mehr loopen und scratchen, Stücke die scheinbar nicht zusammenpassen so übereinander legen, dass etwas Neues entsteht?

Enttäuscht gehe ich nach Hause, und muss an ein Interview denken, das Du der Zeit gegeben hast. Anlässich der der 550 Euro teuren ALDI Tasche, die Du designt hast. Es gab einen Shitstorm, vor allem wegen der zynischen Fotostrecke vor den Schlaflagern der Obdachlosen mit der sündteuren Tasche. Am Ende des Interviews sagst Du: "Ich mache das, was mich interessiert. Ich habe gemerkt, dass es mich einschränkt, karrieristisch zu denken. Wenn ich meinem Instinkt folge, bin ich besser beraten." Ich weiß nicht Lars, vielleicht solltest Du ab und zu weniger auf Deinen Instinkt hören und nicht alles machen, was Du spannend findest. Denn jetzt mal ehrlich: Wenn Du kein berühmter Schauspieler wärst, würdest Du doch nie neben den Profis von Matthias Modica auf einer Bühne stehen.

Die schmücken sich mit Deiner Berühmtheit, kauen Dich kurz durch, spucken Dich aus und dann legen sie richtig gute Musik auf. Lars, bitte hör nicht auf Dich und lass das mit dem Auflegen. Willst Du Dich echt zum Obst machen und an den Mixern rumdilettieren wie Giulia Siegel oder Justin Bieber? Ich meine es wirklich gut mit Dir.

Alles Liebe

Deine Sandra


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