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#failoftheweek Lara Croft wird verscherbelt – um das NFT-Business zu stärken

Lara Croft war cool, Lara Croft war tough und Lara Croft war eine echte Stil-Ikone. Doch jetzt verscherbelt der Computerspiel-Publisher Square Enix Lara, um mehr Geld für seine NFT-Strategie zu haben. Wie konnte das bloß passieren? Ein Kommentar.

Von: Christian Schiffer

Stand: 06.05.2022

Figur Lara Croft aus dem Videospiel "Tomb Raider" | Bild: picture-alliance/dpa

Sonnenbrille, Pferdeschwanz, zwei Knarren, Hotpants und ein blaues Top unter dem sich beachtliche Polygon-Brüste abzeichnen: 1996 tritt Lara Croft auf die Computerspielbühne - und wird zum Star. Kein Wunder, denn bis dahin sind Frauen in Spielen in erster Linie dazu da, um gerettet zu werden. Wer bei "Super Mario" präzise genug auf Pilze hopst oder in "Prince Of Persia" grazil über graue Steinplatten rutscht, auf den wartet am Ende die Prinzessin. Frauen in Computerspielen sind also eine Mischung aus Jungfrau in Nöten und Jahrmarkt-Trophäe, sie sind so hilflos und passiv, wie ein Strand, der vom Meer überrollt wird. Doch dann kommt Lara. Lara muss sich nicht retten lassen. Im Gegenteil: Lara rettet andere, sie ist ein kantiger Badass in detaillarmer 90er-Jahr Grafik, eine Kampfmaschine, die ordentlich Arschtritte verteilt, antike Artefakte aus irgendwelchen Tempelanlagen herausträgt und Farin Urlaub in dem Musikvideo zu „Männer sind Schweine“ ordentlich eins ins Fressbrett schmiert.

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Die Ärzte "Männer sind Schweine" | Bild: bademeisterTV (via YouTube)

Die Ärzte "Männer sind Schweine"

Lara wird zur Popkultur-Ikone und in Suhrkamp-Büchern zum Sujet intellektueller Betrachtungen. Und während Kulturwissenschaftler*innen noch darüber diskutieren, ob Lara am Ende doch nicht viel mehr ist als eine Indiana Jones mit Brüsten, mutiert die britische Archäologie-Aristokratin für Frauen und Mädchen schnell zum Role Model. Und die Jungs? Nun, die Jungs tun das, was Jungs halt so tun und stellen mit Hilfe von piepsenden 5k-Modems das ganze Internet auf den Kopf. Irgendwo in diesem Wunderding muss doch ein Lara-Nackt-Skin aufzutreiben sein, damit Frau Croft endlich im Eva-Kostüm durch die matschgrauen Level tobt!

Der Hype lässt nach

Angelina Jolie als Lara Croft

Irgendwann, nach zwei Filmen mit Angelina Jolie und vielen, immer schlechter werdenden Spielen, lässt der Lara-Hype nach. Dann, vor einigen Jahren, wird Lara neu zum Leben erweckt und darf im Reboot von "Tomb Raider" um eine erlegtes Reh weinen, nur um dann wenig später, ohne mit der Wimper zu zucken, Horden von Männern wegzuballern.

"Ludonarrative Dissonanz" nennt man es, wenn die Handlung eines Spiels nicht so ganz zur Mechanik passen will und Lara liefert dafür das in den Games-Studies meistzitierte Beispiel der Computerspielgeschichte.

Lara wird verkauft

Mittlerweile ist das letzte Lara Croft-Spiel aber schon wieder vier Jahre her. "Shadow Of The Tomb Raider" verkaufte sich gut, aber auch nicht sensationell gut und so wurde nun bekannt, dass die Spielefirma Square Enix Lara und ein paar andere Spielemarken an die Embracer Group verscherbelt, eine andere Spielefirma.

Lara Croft nach dem Reboot, gesprochen von Nora Tschirner

Square Enix benötigt offenbar die Kohle, um sich in Sachen Blockchain und NFTs besser aufzustellen. Wir erinnern uns: NFTs, das sind digitale Besitzurkunden, mit denen man sagen kann, dass einem dieses oder jenes gehört. Darum gab es vor einigen Monaten einen gewaltigen Hype, der aber mittlerweile stark am Abflauen ist. In der Kunstwelt, da gelten NFTs als Verheißung, mit denen sich darbende Künstler*innen endlich mal einen schmalen Taler dazu verdienen können. In der Gaming-Welt aber, da sind NFTs verpönt als dreiste Masche, um den Spielenden noch mehr Geld aus der Tasche zu ziehen und Spiele endgültig in Einkaufzentren zu verwandeln.

Es wirkt ein wenig tragisch, dass eine der wichtigsten Figuren der Computerspielgeschichte verkauft wird, damit Geld frei wird, dass man in ein schmierlappiges NFT-Business pumpen kann. Fast kann man da Mitleid haben mit Lara. Doch nein, denn Lara Croft, und lasst uns das nie vergessen, muss niemand retten.