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"Landwerk No 2" Wie Nathan Salsburg die Geister von Schellack und Folk beschwört

Nathan Salsburg spielt gerne. Mit seiner Akustik Gitarre und seiner Loop Station. Mit alten und neuen Helden des Folk – wie Bonnie 'Prince' Billy und The Weather Station. Der Gitarrist aus Kentucky sitzt aber auch an der Quelle: Salsburg ist Kurator beim Alan Lomax-Archiv.

Von: Ralf Summer

Stand: 12.01.2021

Es gibt das österreichische Salzburg. Es gibt die Burg Salzburg in Unterfranken. Und es gibt Salzburg im Westerwald. Und, nun neu auf unserer musikalischen Landkarte: den amerikanischen Musiker Nathan Salsburg. Er schreibt sich mit "s" statt dem "z". Und so sanft ist auch sein Stil: Salsburg kommt aus Louisville, Kentucky und macht Ambient-Folk.

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V (Through A Crystal Unluminous) | Bild: Nathan Salsburg - Topic (via YouTube)

V (Through A Crystal Unluminous)

Der gerettete Sound

Schallplatten-Sammlungen haben es ihm angetan. Schon die Eltern von Nathan Salsburg horteten Vinyl. In den späten 80ern begann er selbst mit dem Gitarre spielen. Er nahm schon mit Bonnie "Prince" Billy auf. Und seit 20 Jahren arbeitet er beim Alan Lomax-Archiv, Heimat unbezahlbarer Field Recordings aus aller Welt. Als Kurator des Archivs stellte Salsburg schon diverse Folk-Sampler zusammen.

"Wir waren am Ende unserer 2019 Tour, als ich bei einem Freund in Chapel Hill, North Carolina, zum ersten Mal eine Platte von The Caretaker hörte." Das mailt mir Nathan, als ich ihn zur Entstehung von "Landwerk No 2" frage. The Caretaker ist ein englischer Musikfreak, der alte Schellack-Platten sampelt – am liebsten von alten Big-Band-Aufnahmen - und die knisternden Loops mit eigener Musik vermischt. Salsburg war sofort fasziniert von der Technik, bei der man mit Echos arbeitet und so sozusagen selbst zum Echo wird.

Geisterbeschwörung im Lockdown

"Als dann im Frühjahr COVID-19 kam und ich meine Partnerin, die Songwriterin Joan Shelley nicht mehr auf Tour begleiten konnte, machte ich mich sofort an die Arbeit. Und wollte meine Musik auch so wie The Caretaker bearbeiten. Zu den Loops alter Schellackplatten Gitarre spielen, das ist, als könnte ich mit den toten, auf Schellack aufgenommenen Musikern kommunizieren. Ich saß also im Lockdown, hörte meine alten Schellacks durch, und suchte nach passenden Stellen, die ich editieren und loopen konnte. Das "Spielen" mit längst verstorbenen Künstlern war ein Prozess, der meine Erfahrung gesprengt hat. Auch die meiner Vorstellung von Raum und Zeit."

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VII (Coincident Constellation) | Bild: Nathan Salsburg - Topic (via YouTube)

VII (Coincident Constellation)

Wenn so ein Spezialist wie er sampelt, dann natürlich nicht irgendwelche Schlager aus der Schellack-Zeit, sondern ausgesuchte, stimmungsvolle Raritäten: Auf "Landwerk No 2" sind es Schnipsel vergessener Aufnahmen mit klingenden Titeln wie: "Rumenishe Doina" vom Dave Tarras Orkester, "Sug Mir Du Schein Meidele" von Vladimir Heifetz, "As I Walked Through the Forest" vom Slovenska Orkestra Lapchaka, "Die Chasidim Forren Tsum Rebbin" – von Kandel´s Orchestra.

Als die Salsburgs noch im Biergarten saßen

Die Salsburgs leben schon lange in Louisville, Kentucky – seine Vorfahren waren litauische Juden. Aber in Salzburg selbst war er noch nie. Dafür ein paar Mal in München. "Joan und ich spielten ein paar Gigs, die vom Hauskonzerte Kollektiv in München organisiert wurden. Es wurden wunderbare Abende. Ganz zu schweigen von der Zeit, die wir in den Biergärten und an der Isar verbracht haben. Wirklich eine unserer schönsten Erinnerungen an das Leben auf Tour. Grüsst mir München, eine meiner Lieblings-Städte, Nathan."

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VIII (All That Were Calculated Have Passed) | Bild: Nathan Salsburg - Topic (via YouTube)

VIII (All That Were Calculated Have Passed)

Es ist doppelt zum Heulen: einerseits wie sehr es Nathan Salsburg und seiner Partnerin Joan Shelley hier gefallen hat. Und zweitens, Riesenschnief, dass eben nun keine Folkies aus Louiville, Kentucky mehr im Biergarten oder an der Isar abhängen können. Der einzige Trost ist: Dass es irgendwann wieder mal so sein wird. Bis dahin bleibt uns Nathans Musik. Wie gut, dass es im Sommer schon Teil 1 von "Landwerk" gab, die wir nun mit unserem Album Der Woche nach-entdecken können. Ich bin nach "Landwerk No 2" fast süchtig: es ist moderne Meditationsmusik und der Soundtrack einer bleiernen Zeit. Wer weiß, vielleicht beginne ich ja während des Lockdowns noch mit dem Sammeln alter Schellackplatten.


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