Bayern 2 - Zündfunk

Kulturwissenschaftler Daniel Hornuff "Es gibt immer ein Interesse, politisch sichtbare Personen schwächer dastehen zu lassen, als sie sind"

Die neue Sprecherin der Grünen Jugend, Sarah-Lee Heinrich, hat sich für irritierende Tweets aus ihrer Jugendzeit entschuldigt. Trotzdem erhält sie Morddrohungen. Menschen solidarisieren sich mit ihr, indem sie von ihren Jugendsünden erzählen. Aber hilft das Konzept der "Jugendsünde" in der Debatte?

Von: Paula Lochte

Stand: 13.10.2021

Sarah Lee Heinrich | Bild: picture alliance/dpa | Kay Nietfeld

Die neue Sprecherin der Grünen Jugend, Sarah-Lee Heinrich, bekommt aktuell Morddrohungen. Nach ihrer Wahl zur Sprecherin hat eine konservative Blase auf Twitter nach alten Tweets gesucht, um die 20-Jährige zu diskreditieren.

Aufgrund eines – in der Tat kritikwürdigen – “Heil”-Tweets steht Sarah-Lee Heinrich nun in der Kritik. Obwohl sich die junge Politikerin für diese Art von Tweets entschuldigte, folgte ein Shitstorm. Am Montag hat die Grüne Jugend dann mitgeteilt, dass sich Sarah-Lee Heinrich vorübergehend aus der Öffentlichkeit zurückzieht. Zu dem Zeitpunkt war längst untergegangen, dass es auch einiges an sachlicher Kritik und einige Solidaritätsbekundungen gab. Denn die Tweets, die nun zu Morddrohungen geführt haben, hat Sarah-Lee Heinrich mit 13 oder 14 Jahren geschrieben.

Es folgte eine Diskussion über Jugendsünden - aber ist das überhaupt ein brauchbares Konzept für so eine Debatte? Wir haben dazu Daniel Hornuff befragt, Kulturwissenschaftler und Professor an der Kunsthochschule Kassel. Er sagt, einen wirklichen Boom der Jugendsünde erleben wir erst jetzt im digitalen Zeitalter, denn das Internet vergisst nicht.

Zündfunk: Was ist denn eigentlich eine Jugendsünde? Wie lässt sich das definieren?

Daniel Hornuff: Man kann nicht generell festlegen, was eine Jugendsünde ist. Interessant ist aber, dass der Begriff "Jugendsünde" meist strategisch eingesetzt wird. Wenn man mit einem schwerwiegenden Vorwurf konfrontiert wird, dann greift man als belastete Person gern zu dem Begriff und sagt, "Naja, es war ja nur eine Jugendsünde". In dem Begriff liegt also auch immer die Möglichkeit, ein Vergehen klein zu machen und es klein zu reden. Gleichzeitig wird mit der Jugendsünde aber auch eine christliche Dimension aufgerufen. Die Sünde kennen wir eigentlich aus Glaubenskontexten. Wer gesündigt hat, dem muss vergeben werden. Wenn man von einer Jugensünde spricht, hofft man also vielleicht auch darauf, dass sich dann andere leichter tun, einem zu vergeben. Denn Sünden können eben nur durch andere vergeben und in dem Sinne abgenommen werden.

Um diese Vergebung zu erlangen, muss man sich allerdings von dieser Sünde distanzieren. Wie kann man sich eigentlich glaubhaft von sich selbst, also von einem früheren Ich, distanzieren?

Kulturwissenschaftler Prof. Daniel Hornuff.

Die Dinge, die man früher gemacht hat, sind häufig die Dinge, die man heute nicht mehr machen würde. Damit schaffen sie aber auch einen Anlass und eine Möglichkeit, sich mit früheren Werten und Überzeugungen kritisch auseinanderzusetzen. Und diesen Aspekt würde ich in seiner Qualität gar nicht unterschätzen wollen. In dem Fall, den wir uns hier anschauen, ist ja gar nicht klar, ob wirklich eine Überzeugung gepostet worden ist. Aber grundsätzlich würde ich sagen: Sich mit ehemaligen Überzeugungen und Wertpräferenzen auseinanderzusetzen, kann immer auch produktiv sein.

Interessant, dass Sie ansprechen, dass das auch produktiv sein kann. Es ist ja nicht das erste Mal, dass wir eine Debatte erleben, die einem bestimmten Kreislauf folgt: Es gibt Kritik an einer Äußerung oder an einem bestimmten Verhalten, die kritisierte Person verweist auf ihr damals junges Alter, in Sarah-Lee Heinrichs Fall entschuldigt sie sich zudem dafür, aber die andere Seite lässt das dann nicht gelten. Wir drehen uns im Kreis. Wie kommen wir da denn wieder raus?

Man wird dann auf sein früheres Ich festgeschrieben, also auf das, was damals geschehen ist oder gepostet wurde, festgenagelt. Und gerade bei öffentlich sehr sichtbaren, politischen Repräsentatinnen und Repräsentanten gibt es immer auch ein Interesse, sie mit einem solchen Makel zu behaften, um sie schwächer darstehen zu lassen, als sie eigentlich sind. Ein Interesse, ihnen die Möglichkeiten der Entfaltung in der heutigen Zeit zu nehmen und sie auf diese sehr subtile, immer auf die Person abzielende Weise zu bekämpfen.

Ist das auch eine mögliche Erklärung, wieso aus diesen alten Tweets von Sarah-Lee Heinrich jetzt ein so großer Skandal wurde?

Ich glaube, wir haben es hier mit einer mehrfach sich überlagernden Dynamik zu tun. Alte Tweets tauchen auf, der Fokus der Aufmerksamkeit wurde zunächst in den sozialen Medien gesetzt. Dann griffen aber auch die Massenmedien, insbesondere Teile der Springer-Presse, die Sache auf. Die haben den Fall fokussiert und skandalisiert – und dann wurde er wiederum in den sozialen Medien verbeitet und nochmals angeheizt. Mir scheint, dass eine Person, die einer solchen Aufmerksamkeitswelle ausgeliefert ist, dann im Grunde genommen nur die Flucht in die Anonymität oder in den Privatraum antreten kann.

In gewisser Weise beobachten wir genau das gerade. Die Grüne Jugend hat bekannt gegeben, dass Sarah-Lee Heinrich sich vorerst aus der Öffentlichkeit zurückzieht. Zumal auch Morddrohungen gegen sie eingegangen sind. Haben Sie eine Idee, wie wir aus dieser verfahrenen Situation wieder herauskommen?

Mann kann sich in einer solchen Situation natürlich immer sehr leicht damit tun und sagen: "Wir in unserer Gesellschaft oder andere müssten doch endlich mal begreifen, dass...", aber ich glaube, solche Appelle helfen in der Sache überhaupt nicht weiter. Was man vielleicht für sich persönlich oder für sein Umfeld tun kann, ist, in solchen Dingen eine gewisse Gelassenheit oder Weitsicht zu demonstrieren und nicht sofort auf solche Skandalisierungen aufzuspringen. Wenn das Gespräch auf die Sache kommt, nicht gleich zusätzlich Öl ins Feuer gießen, sondern erstmal versuchen, zu verstehen und nachzuvollziehen, was überhaupt in der Sache vorliegt. Quasi im kleinen Rahmen ein bisschen mithelfen, solche Personen vor solchen Formen der Diskriminierung und der Hetze zu schützen.