Bayern 2 - Zündfunk

Meinung Statt kultureller Aneignung braucht es mehr Bewusstsein für Machtstrukturen in der Popkultur

Ein Großteil der Musik, die wir heute im Radio hören, hat ihre Ursprünge in der Schwarzen Kultur. Natürlich soll in der Popkultur weiter zitiert und gesamplet werden. Aber wir brauchen in der Debatte um kulturelle Aneignung mehr Respekt und Bewusstsein für Machtstrukturen. Ein Kommentar.

Von: Alba Wilczek

Stand: 03.08.2022

"Motomami", das neue Album der Spanierin Rosalía. | Bild: Columbia Records

Wir haben gerade so etwas wie einen musikalischen Peak erreicht. Alles, was es gibt, war schon mal in irgendeiner Form da. Mehr denn je wird heutzutage gesampelt und aus Alt Neu gemacht. Wir erleben Revival um Revival. Nostalgie-Wellen schwappen durch unsere Social Media-Kanäle und aktuelle Produktionen sind gespickt mit Referenzen auf schon Dagewesenes: Beyoncé und Drake produzieren Alben, die von Dance aus den 70ern inspiriert ist. Rosalía aus Spanien mixt Flamenco mit Dancehall, Reggaeton, und Hip-Hop. Und der DJ und Producer Gafacci zaubert aus Abba-Hits einen Afro-Beats-Banger für den Club.

Grundsätzlich ist das megacool. Schwierig wird es aber, wenn die Faktoren Hautfarbe und Machtstrukturen dazu kommen. Wenn es um kulturelle Aneignung und Unterdrückung geht, und nicht um das fröhliche Vermischen von Kulturen und Stilen.

Sichtbare Machstrukturen: Auf Festivals. In den Charts. Und im Booking

Es ist ein Fakt, dass ein Großteil der Musik, die wir heute im Radio hören ihre Ursprünge in der Schwarzen Kultur hat. Das können wir nicht ändern. Und ja, es sollte erstmal jeder fernab von Hautfarben und Herkunft die Möglichkeit haben mitzumischen.

Aber es ist eben auch Fakt, dass Schwarze Menschen und People of Colour in vielen Gesellschaften der Welt immer noch täglich Rassismus erfahren. Und da liegt das Problem: So normal und schön es oft ist, wenn sich Kulturen miteinander vermischen und voneinander geklaut wird, so gut solche Fälle oft auch für beide Parteien ausgehen: Machtstrukturen und Rassismus gehen dadurch nicht einfach weg. Sie sind sichtbar: Auf Festivals. In den Charts. Und im Booking.

Sind wir uns unserer weißen Privilegien bewusst?

Ein Beispiel. Als DJ spiele ich manchmal auf Bass und Dub Veranstaltungen. Diese feiern Kulturen, die in ihrem Ursprung durch und durch Schwarz sind. Aber das Line-Up für diese Veranstaltungen ist dort, wo ich spiele, meistens männlich und weiß. Immer trägt irgendjemand Dreads. Und ich, ich fühle mich sehr unwohl dabei. Ich hadere und ich habe es auch schon angesprochen. Denn, ja: Wir spielen und promoten dort vielleicht die Musik, die wir von Producern und Künstlern Of Colour gekauft haben. Aber wo spiegelt sich das im Line-Up wieder? Und wie verhalten wir DJs uns, wenn wir Ungerechtigkeiten und Rassismus im Alltag beobachten? Wie Allys? Oder eher ignorant und uns unserer weißen Privilegien nicht bewusst?

Ich als weiße Künstlerin und Journalistin versuche das immer vor Augen zu haben und gegebenenfalls in den Austausch zu gehen. Und ich erwarte das auch von anderen. Denn die Diskussion der kulturellen Aneignung sollten von Betroffenen angeführt werden und nicht von Menschen wie mir. Ich sehe mich in der Bringschuld. Denn ich bin privilegiert und profitiere wie viele andere DJs und Künstler*innen von Kulturen, deren Erben immer noch unterdrückt werden, immer noch Nachteile haben und immer noch oft unsichtbar sind.

Dinge hinterfragen, Probleme besprechen

In der Praxis bedeutet das also: Sich mit der Thematik beschäftigen, Dinge hinterfragen, Probleme besprechen und den Mund aufmachen. Und zwar, bevor ein Konzert abgebrochen wird, weil Besucher*innen sich berechtigterweise unwohl gefühlt haben in der Gegenwart von fünf weißen Reggae-Musikern. Ein Desaster wie der Vorfall in Bern hätte locker verhindert werden können. Denn es gibt viele gute Möglichkeiten, bewusst mit dem Thema Diversität umzugehen.

Fordert mehr Diversität

Liebe Veranstalter*innen, holt euch Booker ins Boot, die diversere Artists auf dem Schirm haben. Führt vielleicht eine Quote ein. Oder gebt ein Booklet zur Einordnung bei. Oder formuliert Moderationen dafür. Und liebe Künstler*innen: Fragt für Samples doch einfach nach Erlaubnis. Lernt die Geschichte der Musik, die ihr macht, und reflektiert euch selbst. Checkt Line-Ups und fordert mehr Diversität, wenn da noch Luft nach oben ist. Oder tretet vielleicht auch mal zurück, wenn klar ist, dass Veranstalter*innen oder Booker keinen Wert auf Diversität legen.

Ich finde, das ist nicht zu viel verlangt. Denn nein, wir brauchen nicht mehr kulturelle Aneignung in der Popkultur. Wir brauchen mehr Respekt und Anerkennung mit einem Bewusstsein für Machtstrukturen und wie man diese aufbrechen kann. Denn Gatekeeping – egal ob bewusst oder unbewusst – ist sowas von vorgestern.