Bayern 2 - Zündfunk


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Kübra Gümüşay und ihr Buch "Sprache und Sein" "Wir müssen uns empören - aber tun wir das permanent, stagnieren wir"

Die Journalistin und Bloggerin Kübra Gümüşay hat ein Buch über die Macht der Sprache geschrieben, Menschen auszugrenzen. Mit uns spricht sie über die Zuschreibung "alte weiße Männer" und ihre Vision für eine andere Diskurskultur.

Von: Bärbel Wossagk

Stand: 27.01.2020

Zündfunk: In deinem Buch befasst du dich mit Kategorien und der Frage, inwiefern sie schädlich sein können. Was meinst du damit?

Kübra Gümüşay: Das Interessante ist, dass wir in einer Gesellschaft leben, wo wir Menschen nahezu zwanghaft versuchen, Kategorien zuzuordnen.  Wir brauchen Kategorien, um uns überhaupt durch die Welt zu navigieren. Sonst würden wir an Reizüberflutung vermutlich sterben. An und für sich sind Kategorien also nicht schlecht. Zu einem Problem werden Kategorien erst dann, wenn sie an einen Absolutheitsglauben gekoppelt sind. Also man diese Kategorien zu Käfigen macht und glaubt, einen Menschen abschließend verstanden zu haben, weil man ihn einer Kategorie zugeordnet hat. Das äußert sich im Alltag zum Beispiel so, dass man vor einem Menschen steht und der gar nicht in der Lage ist, einen zu sehen als Mensch, sondern nur eine Kategorie sieht. Also beispielsweise Angst hat, weil man diese Person mit Gewalt, oder mit Terrorismus oder Kriminalität assoziiert. Oder weil man in dieser Person primär eine unterdrückte Person sieht, oder eine Person, die nicht vernunftbegabt ist oder nicht emanzipiert sein kann. Und immer dann, wenn ein Mensch einer Kategorie nicht entspricht, nahezu zwanghaft versucht, diesen zu inspizieren, herauszufinden, „Warum bist du anders?“ um dann eine neue Kategorie zu schaffen. 

Das klingt jetzt etwas abstrakt, aber du kennst es ja aus eigener Erfahrung. Ist das nicht irgendwann wahnsinnig nervig, ständig einer Kategorie zugeordnet zu werden?

Es ist sehr nervig und deswegen ist dieses Buch für mich auch eine Methode gewesen, um Menschen ganz sanft an diese Thematik heranzuführen und ein Gefühl für die Architektur und Enge der Sprache zu vermitteln und wie Sprache sich als Käfig anfühlen kann, um dann ein paar Schritte zurückzutreten und zu fragen: Wollen wir so leben? Ist das eine ideale Art und Weise wie wir miteinander sprechen und übereinander sprechen?

Du musst dein Leben lang mit diesen Kategorien kämpfen. Jetzt ist es mit der Mehrheitsgesellschaft so, dass kein Mensch damit kämpfen muss. Aber plötzlich erhält die Mehrheitsgesellschaft auch Namen. Der Begriff des „alten weißen Mannes“ hat große Karriere gemacht. Das ist wirklich etwas neues.

Zum ersten Mal spüren Menschen, die zuvor nie über eine Kategorie wahrgenommen worden sind, sondern immer das Privileg hatten als Individuum wahrgenommen zu werden, wie es sich anfühlt als Stereotyp wahrgenommen und nicht für das individuelle Handeln beurteilt zu werden. Für einen ganz kurzen Moment erleben sie das, was andere Menschen ihr Leben lang nicht anders kennen.

Wie nimmst du denn die Reaktionen der alten weißen Männer wahr?

Ich erlebe, dass sie sehr frustriert und sehr wütend auf diese Bezeichnung reagieren. Und gleichzeitig hilft dieses Bild, um ihnen zu verdeutlichen, dass die Struktur in der sie bisher sehr privilegiert gelebt haben, genau das bei andere Menschen erzeugt. Und es hilft dabei, sich Gedanken darüber zu machen, wie wir denn über andere Menschen sprechen wollen. Ist es in Ordnung, dass wir über die Muslime sprechen, über die Schwarzen, über die Sinti und Roma?

Also im Grunde genommen, kannst du „alte weiße Männer“ als Kategorie auch nicht leiden, aber sie führt zu einem interessanten Lerneffekt.  

Genau, diese Kategorien sind eigentlich zum Teil nur Tatsachenbeschreibungen. Aber dieser Absolutheitsglauben, dieser Irrglauben, man könne auf die großen Fragen der Welt abschließende Antworten geben, führt dazu, dass diese Kategorien zu Käfigen werden, und nicht einfach nur Räume, die die Welt beschreiben.

Wie könnte man denn einen gemeinsamen Raum schaffen, in dem frei und gleichberechtigt miteinander gesprochen werden könnte?

Ich denke, es gibt verschiedene Faktoren. Zum Beispiel, dass wir mit einer gewissen Demut an die Welt herangehen. Also im Bewusstsein, dass das Ende unseres Horizonts, nicht das Ende der Welt darstellt. Sondern, dass wir sehr begrenztes Wissen haben und sehr begrenzt die Welt wahrnehmen können. Dass es wichtig ist, zu schauen, wie nehmen andere Menschen die Welt war. Dass man eine Perspektivvielfalt tatsächlich befürwortet und fördert, anstatt andere Perspektiven einfach nur zu negieren. Das zweite ist, dass wir mehr Raum schaffen müssen, für die eigenen Fehler. Dass wir eine Kultur pflegen, in der Menschen Fehler machen dürfen.

Viele Menschen sind nur damit beschäftigt zu reagieren, sich Kritik vom Leib zu halten, anstatt Zeit und Energie auf die Inhaltsdiskussion zu verwenden.

Wenn wir auf unsere Gesellschaft schauen, dann sehen wir, dass wir immer wieder in der Situation sind, dass wir uns empören müssen und Haltung zeigen müssen. Empörung ist ein wichtiges politisches Werkzeug, um unsere Demokratie lebhaft zu halten, um deutlich zu markieren, welches Verhalten nicht gewünscht ist. Wenn wir uns aber permanent empören und Haltung zeigen, also wenn Haltung zeigen nicht nur punktuell stattfindet, sondern zu einem Dauerstand wird, dann stagnieren wir.

Und es geht vielmehr darum, Räume zu schaffen, in denen wir über Visionen sprechen, über die Gesellschaft in der wir leben wollen, anstatt nur darum bemüht zu sein, dass es nicht schlimmer wird. Und das ist ein Zeichen, um ein paar Schritte zurückzutreten und zu fragen, wie können wir anders miteinander diskutieren. Aktuell ist unsere Diskurskultur sehr destruktiv.


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