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„Trick Mirror“ von Jia Tolentino So werden wir durch Social Media zu Sklaven einer Dauerperformance ohne Backstagebereich

Wie funktioniert Selbstdarstellung im Internet? Darum geht es im neuen Buch „Trick Mirror“ der 32-jährigen Jia Tolentino. Darin erkundet sie die absurdesten Formen von Netz- und Instagram-Narzissmus und ordnet ein, wie das das Selbstverständnis und die Gesellschaft verändert.

Von: Alexandra Martini

Stand: 16.03.2021

Die Schriftstellerin Jia Tolentino | Bild: Elena Mudd

„Trick Mirror“ ist ein Buch über das inszenierte Ich im Internet. Und nein, das ist nicht das nächste Internet-Erklärbuch. Das ist offenbar eine absolute Obessesion, eine Notwendigkeit für die Autorin gewesen. So scheint es zumindest, wenn man ihr Vorwort liest. Darin heißt es:

"Ich habe dieses Buch geschrieben, weil ich andauernd verwirrt bin, mir keiner Sache sicher sein kann und mich von jeglichem Mechanismus angezogen fühle, der mich von dieser Wahrheit ablenkt."

Aus dem Buch Trick Mirror von Jia Tolentino

Scharfe Analysen, die universell übertragbar sind

Es geht Jia Tolentino darum, selbst besser zu verstehen, wie die veränderte Öffentlichkeit und das Internet ihre Selbstwahrnehmung und ihre Wahrnehmung der Welt geprägt haben. Inwiefern sie bei der Internet-Selbsttäuschung mitmacht. In „Trick Mirror“ schreibt Jia Tolentino über das Ich im Internet, über Selbstoptimierung, über den Mechanismus der Online-Entblößung, der mittlerweile eine geeignete Grundlage für eine Karriere bietet. Es sind viele kleine scharfe Analysen, die universell übertragbar sind, obwohl Jia Tolentino oft sich selbst zum Objekt ihrer Forschung macht. Diese permanente Verwirrung zwischen dem Offline-Selbst und dem Online-Selbst, das Verschwimmen von äußerer und innerer Wahrnehmung, all das begann früh für Tolentino.

Als Teenagerin nahm die Texanerin 2004 an einer der ersten TV-Reality-Shows in den USA teil. Alles was sie tat, war dort plötzlich Performance, gleichzeitig konnte sie sich unter der ständigen Beobachtung der Kameras nie innerlich von dieser Performance distanzieren. Rückblickend beschreibt Tolentino das als eine nachhaltige Veränderung in ihrer Selbstwahrnehmung:

"Der Anpassungsprozess meines äußeren Ichs verlief so instinktiv, so automatisch, dass ich ihn nicht mehr bewusst wahrnehmen konnte. Das Reality-Fernsehen machte mich frei von der Selbstwahrnehmung und band mich zugleich an sie, indem es die Selbstwahrnehmung untrennbar mit allem anderen vereinte. Das war eine nützliche, wenn auch fragwürdige Vorbereitung auf ein Leben in den Fängen des Internets."

Aus dem Buch Trick Mirror von Jia Tolentino

Das Internet: Ein nie-enden-wollendes Vorstellungsgespräch

Dieses Internet ist durch die sozialen Medien auf eine Art zur neuen Reality-TV-Show geworden. Während wir im Offline Leben zeitlich begrenzt unterschiedliche Rollen einnehmen, beispielsweise bei einem Vorstellungsgespräch, einem Date, oder in der Familie, ist das Social Media Profil laut Tolentino eine Dauerperformance ohne Backstagebereich. Und ein Profil das alle Rollen gleichzeitig bedienen muss. Deshalb bezeichnet sie es als ein „nie endendes Vorstellungsgespräch“. Eines das bei Erfolg auch Karriere verspricht. Noch eine weitere Verschiebung im Internet stellt Tolentino fest. War das Internet in den Anfängen um Vorlieben, Neugierde und Wissensaustausch organisiert, habe es sich jetzt zum Organisationsprinzip der „Opposition“ hinbewegt. Der offene Diskurs im Internet mache emanzipatorische Bewegungen sichtbar und mächtiger. Doch der konservative Widerstand gegen diese emanzipatorischen Bewegungen habe sich parallel ebenso verfestigt. Und damit befinden wir uns im uns allen bekannten toxischen Internet.

Die Tugendpolizei auf Twitter und co.

Jia Tolentino beobachtet an sich selbst, wie sie ihre Zeit tagtäglich damit verbringt, sich eine Meinung zu bilden und diese dann wiederum kundzutun. Spannend ist, dass Tolentino beschreibt, wie in diesem Klima die eigene Meinung unbemerkt zur Währung der Selbstinszenierung wird. Sie meint damit die Praxis des sogenannten Virtue Signaling, frei übersetzt als Tugendprotzerei, die sie auf Twitter und co. beobachtet. Und nur wenige von uns seien völlig immun gegen diese Verhaltensweise. Sie bezeichnet Handlungen in den sozialen Netzwerken deshalb immer als „einen Versuch zu demonstrieren, dass ich eine von den Guten bin.“ Und dabei ist das keine Kulturtechnik der Linken allein. Jia Tolentino zeigt das am Beispiel der „Gamergate-Bewegung“: Männer, die im Internet  ihren offenen Frauenhass und ihre Morddrohungen gegen Computerspiel-Designerinnen damit begründeten, dies im Dienste der Redefreiheit und, Zitat, der „Ethik im Computerspiele-Journalismus“ zu tun.

Was tun gegen die Marktmechanismen?

Trotz ihrer messerscharfen Analysen ist Tolentinos Schreibe immer auf der Suche nach Möglichkeiten der Solidarität und Offenheit. Und dazu schlägt sie, wie könnte es anders sein, eine schonungslose Ehrlichkeit mit uns selbst vor:

"Wir müssten uns weniger um unsere eigenen Identitäten kümmern, unseren eigenen unhaltbaren Meinungen gegenüber zutiefst skeptisch sein, darauf achten, wann uns Opposition nützt und uns aufrichtig schämen, wenn wir unsere Solidarität nicht ausdrücken können, ohne uns selbst in den Vordergrund zu drängen."

Aus dem Buch Trick Mirror von Jia Tolentino

Dass das nicht so einfach ist, bemerkt Jia Tolentino an sich selbst: Als Bloggerin, als Journalistin, als Socialmedia-Geschöpf ist die 32-Jährige selbst tief ins Internet und seine Marktmechanismen verstrickt. Sie selbst kann sich nicht mehr von ihrem Internet-ich unterscheiden. Aber mit „Trick Mirror“ hat sie es geschafft, die vielen Facetten des Trickspiegels namens Internet zu fassen, zu benennen. Ein kluges Buch einer Autorin, deren dialektisches Denken aus jedem Satz spricht, die sich nicht mit einfachen Antworten zufrieden gibt, die schreibt, um zu verstehen. Und damit uns dabei hilft einen unverstellten Blick in den Spiegel zu werfen.


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