Bayern 2 - Zündfunk

Soziologe Julian Müller "Robert Habeck redet und liefert den Kommentar zu der eigenen Rede auch noch mit"

Robert Habeck ist nach Katar gereist, um mit dem Emir eine Energiepartnerschaft auszuhandeln. Auf dem Twitteraccount seines Bundesministeriums ging dazu ein Video-Statement online: Der Wirtschaftsminister vor der Kulisse Dohas, transparent, nahbar und selbstkritisch. Was sagt diese Art der politischen Kommunikation aus?

Von: Paula Lochte

Stand: 22.03.2022

Robert Habeck in Katar | Bild: picture alliance/dpa | Bernd von Jutrczenka

Robert Habeck hat auf dem Twitteraccount des Bundesministeriums für Wirtschaft und Klimaschutz ein Video veröffentlicht: Mit hochgekrempelten Hemdsärmeln steht er vor türkisem Wasser und Skyline und wendet sich direkt an die Twitteruser. Im Video erklärt Robert Habeck seine Reise: "Ich bin jetzt hier in Doha, am zweiten Tag einer Reise, die irgendwie total merkwürdig ist. In der Ukraine sterben die Menschen und hier seht ihr ja, wie die Skyline ist. Aber es ist die Ukraine-Krise, die mich hierher gebracht hat, und der Versuch, möglichst schnell von russischem Gas, Öl und Kohle runterzukommen, in diesem Fall vor allem Gas, und eine neue Energiepolitik für Deutschland und Europa aufzubauen."

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Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz - Sonntag, 20. März 2022, 18:46 Uhr
Warum diese Reise jetzt? Bundesminister Habeck äußert sich zu seinem Besuch in Katar. https://t.co/inXhkz6d0U

Warum diese Reise jetzt? Bundesminister Habeck äußert sich zu seinem Besuch in Katar. https://t.co/inXhkz6d0U | Bild: BMWK (via Twitter)

Robert Habeck ist also nach Katar gereist. Dort hat er mit dem Emir eine langfristige „Energiepartnerschaft“ vereinbart. Ausgerechnet Katar, nicht gerade ein Hort der Menschenrechte. Das habe er aber auch angesprochen, sagt er in dem Video: "Ich hatte so ein bisschen Sorge, wie ist das wohl, wenn ich das 'in your face' anspreche, ob ich dann rausgeworfen werde, aber so war es überhaupt nicht, die katarische Regierung hat das aufgenommen, sie wusste, dass es kommen würde und sie hat sich da auch klar zu bekannt", sagt Habeck. "Was lernt man daraus? Erstens ehrlich anzusprechen nützt und zweitens, es gibt eine Dynamik."

Der Bundeswirtschafsminister gibt sich nahbar, transparent und selbstkritisch. Die Art, wie Robert Habeck kommuniziert, wirkt irgendwie besonders. Aber warum? Wir haben den Soziologen Julian Müller dazu befragt. Er ist Leiter eines Forschungsprojekts zu neuen Formen der politischen Sprache und hat aktuell eine Gastprofessur an der TU Graz inne.

Zündfunk: Herr Müller, was lernen wir denn daraus, wie sich Habeck hier in diesem Video gibt, wie er sich erklärt?

Julian Müller: Zunächst einmal ist natürlich das Video an sich ein wahnsinnig interessantes Format. Weil das, was er hier behauptet, "in-your-face" gesprochen zu haben, das tut er mit uns auch. Robert Habeck spricht auch "in your face" zu uns. Und ich glaube, das ist eine ganz neue Art einer medialen Situation von politischer Rede, dass wir so angesprochen werden. Der erste Satz dieses Videos lautet: "Ich bin jetzt hier in Doha". Das ist eine Auskunft, die kennen wir von Kriegsberichterstattern oder Reporterinnen, die Auskunft geben, wo sie jetzt stehen. Wir sind es eigentlich von Bundesministerinnen oder Bundesministern nicht gewohnt, dass sie aktiv zu uns sprechen. In der Regel werden sie interviewt oder so.

Er sagt ja zum Beispiel auch: "Hinter mir seht ihr die Skyline".

Der Soziologe Julian Müller, Gastprofessor an der TU Graz.

Natürlich, das ist ja das Interessante. Er reflektiert mit, wie merkwürdig dieses Bild eben aussieht. Also, wie unangenehm dieses Bild aussieht. Er reflektiert, dass in so einer historischen Katastrophe und Situation politischer Art, in der wir uns gerade befinden, ein Bundesminister mit weißem Hemd und Krawatte vor blauem Himmel und Skyline steht. Ich glaube, das ist eine Art und Weise, die die ganze politische Kommunikation von Robert Habeck auszeichnet: Zu reden und den Kommentar zu der eigenen Rede auch noch mitzuliefern.

Das heißt, das Besondere ist: Er legt offen, wenn er mit etwas hadert oder wenn er über etwas nachdenkt und spricht Zweifel an – ist das denn neu?

Es gibt in dem jüngsten Buch von Robert Habeck mit dem Titel "Von hier an anders" eine Formulierung, auf die er seine eigene Politik bringt. Er bezeichnet seinen eigenen Politikstil als "selbstkritisches Kämpfen". Also auf der einen Seite gibt es bei ihm so etwas wie "Selbstkritik", und auf der anderen Seite so etwas wie "Kampf" und "Tat" und "Entscheidung für das politisch Richtige". Und das sind eigentlich Dinge, die wir politisch, philosophisch und ideologisch immer auseinandergehalten haben. Robert Habeck unterläuft das aber ganz bewusst, glaube ich. Auf eine ganz offensive Art und Weise stellt er aus: Dass er seinen eigenen Standpunkt reflektiert, dass er mitdenkt, dass andere Gegenargumente haben können und dass sie auch ganz gute Gründe für ihre Gegenargumente haben können. Er stellt klar, dass seine eigene Meinung nicht immer in Stein gemeißelt ist, er aber trotzdem irgendwann zu einer politischen Entscheidung kommen muss.

Ist dieses Selbstreflexive, aber auch gleichzeitig Lockere, Ehrliche, Offene gespielt? Oder ist das echt?

Ich halte nichts von der Unterscheidung, ob es gespielt oder echt ist. Politische Kommunikation ist immer auf eine Art und Weise inszeniert. Es geht gar nicht anders. Sie findet auf Bühnen statt, sie findet in medialen Formaten wie Talkshows oder dergleichen statt und muss immer inszeniert sein. Und darum würde ich diese Unterscheidung gar nicht so hart ziehen.

Das heißt, es ist schon auch kalkuliert. Was würden Sie sagen, kann dieser Kommunikationsstil, den Habeck vertritt, auch nach hinten losgehen? Also könnte ihm das auch schaden?

Ja, natürlich kann es ihm schaden. Er hat eine Partei, die sich historisch gesehen durch eine sehr kritische Auseinandersetzung vor allem mit sich selbst auszeichnet. Das ist die Geschichte der Grünen. Linke Parteien, progressive Parteien haben sich meistens, wenn sie in Deutschland regiert haben, vor allem selbst zerfleischt. Das weiß er, glaube ich, auch. Er weiß, dass er als Bundesminister für so etwas wie Versorgungssicherheit sorgen muss und gleichzeitig schon die Reaktionen des eigenen Milieus und der eigenen Partei mitdenken muss. Und das versucht er in diesem kurzen Video auch beides irgendwie in den Griff zu kriegen. Er versucht, die Sicherheit auszustrahlen als Wirtschaftsminister und gleichzeitig weiß er, was diese "Deals" – so werden sie ja auch in der Presse heute kritisch beobachtet – bedeuten, innerhalb des eigenen politischen Milieus.

Die Art der Sprache, die er wählt – locker, nahbar, "in your face" – die ist ihm auch schon auf die Füße gefallen. Wir erinnern uns an Anfang 2019, wo er sich zurückgezogen hat aus Twitter und Facebook, nachdem er einen Shitstorm für eben genau so eine lockere Sprache geerntet hatte.

Ja, ich glaube, dass sich nicht alle Medien gleichermaßen für diese Art der Kommunikation eignen als Format. Habeck musste erleben, dass sich ein eher diskursives Format wie Twitter, wo andere sofort und mit harter Sprache reagieren, für seine Art der Selbstdarstellung nicht so gut eignet. Kommentare in verschriftlichter Art haben dort oft eine extreme Härte. Was er aber weiterhin bespielt, ist zum Beispiel Instagram. Bilder eignen sich sehr gut für seine Art, nämlich eine bestimmte Form der Nahbarkeit visuell darzustellen und trotzdem die Möglichkeit zu haben, andere auf Distanz zu halten. Auch das politische Buch eignet sich sehr gut dafür und offensichtlich auch das Video, in dem er selbst spricht. So ein sehr hart diskursives Medium wie Twitter, das war nicht seins.