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Meinung Der Nahostkonflikt ist für mich so nah und spürbar, dass ich es kaum aushalte

Der Nahostkonflikt eskaliert weiter. Während die Hamas innerhalb von zwei Tagen über 1000 Raketen auf Israel schießt, hält unsere Autorin Kontakt zu ihrer Familie in Tel Aviv. Und auch in München lassen ihr Hass, Hetze und Antisemitismus keine Ruhe. Ein Kommentar.

Von: Shahrzad Eden Osterer

Stand: 12.05.2021

Ein Raketenbeschuss | Bild: Bayerischer Rundfunk 2021

Ich habe keine Lust, auf mein Handy zu schauen – und mache es trotzdem ständig. Denn seit Tagen knallt es wieder zwischen Israel und den Palästinenser*innen. Israel ist zwar gut 4000 Kilometer entfernt, dennoch ist der Konflikt für mich so nah und spürbar, dass ich es kaum aushalte.

Auf Instagram sind alle empört. Das ist jedes Mal so, wenn da unten etwas passiert. Auch Leute, die sonst nur Bilder von ihrem Essen oder ihrer Katze posten, lassen jetzt im Sekundentakt die Welt da draußen wissen, wie wichtig Menschenrechte für sie sind – oder eben auch nicht. Ich sehe eine schicke Grafik. Sie zeigt zwei junge Frauen beim Plaudern:

"‘Israel ist also kein Land?’, fragt die eine, während sie ihre Teetasse in der Hand hält. ‘Nein, das ist ein kolonialistisches Siedlerprojekt’, antwortet die andere."

Grafik auf Instagram

Mir wird übel. Ich fasse es nicht. Gerade jetzt. Das ist einfach absurd und dumm. Ich muss aber Brotboxen für die Kinder fertigmachen und versuche den Kloß in meinem Hals herunterzuschlucken, während meine Tochter mich fragt, wo ich bloß ihren Pulli hingetan habe. Ich kann nicht aufhören, mich zu fragen, wo all diese Menschen waren, als vor ein paar Jahren tausende Palästinenser*innen im Gazastreifen gegen die Hamas auf die Straße gegangen sind und von ihr brutal niedergeschlagen wurden. „Geht es ihnen wirklich um die Palästinenser*innen?“, frage ich mich. „Mama, hast du mir überhaupt zugehört?“, fragt mich meine Tochter ganz laut.

„Über mir die Bomben“

Mehr als 1000 Raketen hat die Hamas laut dem israelischen Militär zuletzt auf Israel abgefeuert. Dabei ist es der Hamas egal, wo und wen diese Raketen treffen. Ihre Raketen landen teilweise auch auf dem eigenen Gebiet. Das Ziel ist, möglichst großen Schaden an Menschen anzurichten. Israel kann dank seines Verteidigungssystems „Iron Dome“ die Großzahl der Raketen noch in der Luft entschärfen.

Ich rufe meine Cousine in Israel an. „Es ist verrückt“, sagt sie mir. „Heute war ich mit meinem Scooter in Tel Aviv unterwegs“, erzählt sie. Sie war auf dem Weg zu einer Freundin. „Plötzlich rief meine Mutter an und fragte, ob meine Freundin einen Luftschutzkeller hat.“ Bis dahin kam meine Cousine nicht mehr. „Ich habe nur noch Menschen gesehen, die wild durcheinanderlaufen, konnte nichts hören, über mir die Bomben.“ Zum Glück konnte sie sich in eine Bar flüchten.

Arbeiten fällt mir schwer, ich bin traurig und wütend und kann mich nicht konzentrieren.  Das Restaurant von Uri Buri in Akko, von dem man als Symbol der Koexistenz gesprochen hat, wurde von Palästinensern in Brand gesetzt. Meine Familie hat im Bunker geschlafen. Und mir ist klar, dass Menschen in Gaza oftmals keine Bunker haben, weil die Hamas sich eher um Terrortunnel und Raketen sorgt und nicht um den Schutz der Bevölkerung.

„Brennt. Brennt. Brennt“

Auf dem Weg zum Arzt schickt mir mein Mann einen Screenshot. Das israelische Konsulat in München erhielt eine Nachricht. Darin droht ein Mann, gemeinsam mit einer Gruppe „das Werk Hitlers fortzusetzen“, „Juden zu verbrennen“, und „eure Frauen zur Befriedigung unserer Lust als Gefangene zu halten und sie vor euren Augen zu schwängern. Brennt. Brennt. Brennt. Fickt Euch. Eure Frauen sind Huren.“

Mir läuft es kalt den Rücken runter und ich fühle mich wie gelähmt. Im Bus schaue ich die Menschen an und denke mir: Was würden sie machen, wenn sie wüssten, dass ich Jüdin bin? Sind solche Gedanken eigentlich normal?

Schon kurz danach werden wieder Synagogen in Deutschland angegriffen. In Bonn und Münster, Stuttgart und Düsseldorf ist es bereits zu Anschlägen und Attacken gekommen. Die Synagoge, die ich gemeinsam mit meiner Familie in München an den wichtigen jüdischen Feiertagen besuche, ist unscheinbar. Unbekannt ist die Adresse aber nicht. Auch werden – trotz des eingeschränkten Corona-Betriebs – die Sicherheitsvorkehrungen hochgefahren, so wie sich nun vermutlich alle jüdischen Einrichtungen einmal mehr darum kümmern müssen, dass potentielle Angriffe früh erkannt und vereitelt werden.

Meine Freundin Laura schreibt:

"In meinem jüdischen Freundeskreis breitet sich Unbehagen aus. Denn jedes Mal, wenn sich eine eskalierende Entwicklung im Nahen Osten abzeichnet, wissen sie, sie werden beschäftigt sein. In der Arbeit, in der Schule, in der Uni, im Fitnessstudio. Jüdische Personen, egal wie politisiert oder positioniert sie sind, unabhängig davon, ob sie sich jemals zu Israel geäußert haben oder ob sie progressiv oder konservativ sind, werden als Adressat:innen in die Pflicht genommen."

Nachricht meiner Freundin Laura

Sie schreibt, ich kann sie jeder Zeit anrufen, wenn ich reden muss. Wir müssen füreinander da sein und uns gegenseitig stärken. Sie hat recht. Ich wüsste nicht, wie ich diese Tage, so viel Hass, Desinformation und Antisemitismus ohne meine Freund*innen überstehen könnte. Ich bekomme auch viel Halt von meinen muslimischen Freund*innen. Sie erzählen mir, dass immer mehr Personen in muslimischen Communities den Konflikt differenziert sehen und ihn anhand universalistischer Prinzipien wie Menschenwürde, Rechtsstaatlichkeit, Modernität und Progressivität bewerten. Das macht mir etwas Mut. Diese Stimmen innerhalb der muslimischen Community müssen gestärkt werden. Sie verdienen unser aller Support, gerade weil sie sich zunehmend gegen Strukturen wenden – was auch für sie nicht ohne Konsequenz bleibt.

Was ich mir wünsche

Shahrzad Eden Osterer

Obwohl ich zumindest in meinem Bekanntenkreis in sozialen Medien versuche, mit Menschen Gespräche zu führen und sie auf falsche Informationen und antisemitische Aussagen aufmerksam zu machen, ist es mir klar, dass es am Ende des Tages ein Tropfen auf dem heißen Stein ist.

Es wäre mein großer Wunsch, dass sich jede Person vor dem Teilen oder Liken eines Posts fragt: Kenne ich die Situation so gut, dass ich den Wahrheitsgehalt eines Posts wirklich bewerten kann? Schüre ich damit vielleicht noch mehr Hass, auch hierzulande? Und ich würde mir wünschen, dass Menschen, die sonst immer gegen jede Ungerechtigkeit laut werden, das auch jetzt tun, wo Hass, Hetze und Antisemitismus wieder zunehmen und Synagogen zu Zielscheiben werden.