Bayern 2 - Zündfunk


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Meinung "Hygiene-Demos" sind Demos der Entsolidarisierung

Kaum wurden die Ausgangsbeschränkungen gelockert, eskalieren "Anti-Corona"-Demos. Ein Schlag ins Gesicht all jener, die versuchen Rücksicht zu nehmen. Ein wütender Kommentar über diese neue Querfront aus Verschwörungstheoretikern, Neonazis und narzisstischen Cowboys.

Von: Michael Bartle

Stand: 11.05.2020

Hygiene Demo in München am 9. Mai | Bild: picture alliance, ZUMA Press

Liebe Freundinnen und Freunde,

schön, dass Euch unsere Verfassung und unsere Grundrechte so wichtig sind. Denn wir müssen achtsam sein. Immer. Und das Handeln unsere Politiker*Innen so kritisch wie nötig und so konstruktiv wie möglich begleiten. 

Aber werft doch einen Blick darauf, in wessen Gesellschaft ihr Euch auf diesen Demos befindet. Ihr, dir ihr möglicherweise gute Absichten habt - ihr seid umgeben von einer Querfront aus Verschwörungstheoretikern, Neonazis und narzistischen Cowboys. 

Mein Vater gehört als Tumor-Patient zur Hochrisikogruppe. Bisher hat er sich und wir ihn ziemlich gut geschützt. In diesem, wie es ein Kollege von uns ausdrückte: in diesem eimaligen Freiluft-Solidar-Experiment, in dem eine Mehrheit der Starken für eine schwächere Minderheit Verzicht übt.

Auf der "Hygiene Demo" ist diese Frau in der Minderheit gewesen. Deutschlandweit aber gehört sie zur absoluten Mehrheit

Wenn sich mein Vater nun dennoch ansteckt, hat er wenig Chancen zu überleben. Ihr könnt vielleicht für euch entscheiden, dass ihr dieses Virus übersteht. Aber ihr könntet dieses Virus an Menschen wie meinen Vater weitergeben, unabsichtlich oder fahrlässig. Das habe ich nicht erfunden, das ist ein wissenschaftlicher Fakt. In meinen Augen wäre das dann fahrlässige Tötung.

Deshalb würde ich die sogenannten Hygiene-Demos gerne umbenennen:

Es sind Demos der Entsolidarisierung, zu denen ihr keinen Abstand haltet. 

Es sind Demos der Rücksichtslosigkeit, auf denen ihr Eure Grundrechte einfordert. 

Es sind Demos, die in weiten Teilen unsere Grundrechte als Vorwand nehmen.

Oder seid ihr tatsächlich der Meinung, dass ein Mensch, der nach Tagen mit Beatmungsgerät auf der Intensivstation ohne Angehörige sterben muss, das in der angemessenen Würde tun darf? Selbstverständlich dürft ihr das Wirken von Mogulen wie Bill Gates skeptisch begleiten. Wenn ich Euch einen Vorschlag machen darf: Dann schreibt doch Petitionen gegen Online-Händler wie Amazon, die ihre Arbeiter aus Profitgier Sicherheitsrisiken aussetzen. Schlagt euch auf die Seite der Schlachthof-Angestellten, die inmitten von ohrenbetäubenden Lärm und unter Einsatz ihres Lebens für einen Mindestlohn genau das Fleisch kleinhauen, das wir so billig wie möglich einkaufen wollen.

Gegen Antifa, gegen Klima, gegen Flüchtlinge, gegen Corona, gegen die Weltverschwörung, gegen Alles.

Seid mit der afroamerikanischen Bevölkerung in den Ghettos und mit den prekär lebenden Menschen in den brasilianischen Favelas, mit all den Armen und Kranken, die viel wahrscheinlicher als wir dieser und anderer Krankheiten zum Opfer fallen werden. Und seid solidarisch mit all denen, denen Corona jetzt die Geschäftsgrundlage entzogen hat.

Es gibt viel zu tun auf dieser Welt, es gibt viel Gutes zu tun. Werdet also bitte nicht wie Trump, wie Bolsonaro, wie all die, denen – oft auch aus Faulheit - ein Menschenleben weniger wert zu sein scheint als die eigene Karriere, das eigene Wohlergehen.

Die Feindbilder sind diffus und dabei sehr klar.

Und tut mir, dem Grundgesetz und meinem Vater einen Gefallen: haltet Abstand zu den Neonazis und den Rücksichtslosen. Haltet Abstand zu denen, die das Grundgesetz benutzen, um ihre eigene, gefährliche Agenda zu verfolgen. Nämlich am Ende des Tages dieses unsere und so wertvolle Grundgesetz abzuschaffen! 

Und auch auf die Gefahr, dass ihr dieses Ende schon gar nicht mehr lesen wollt und längst wütend kommentiert habt: auch ich freue mich wie Schnitzel, wenn ich Euch wieder – mit dem gebotenen Abstand – in den Biergärten und Cafes sehe, vielleicht sogar wieder umarmen darf. Das wird dann nur deshalb wieder möglich sein, weil wir lange Zeit achtsam und miteinander waren. Weil wir uns als Gesellschaft gegenseitig beschützt haben. Weil wir keine einfachen Antworten auf komplexe Fragen gesucht haben. Lasst uns diesen Mist doch bitte voller Rücksicht und gemeinsam überstehen. 


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