Bayern 2 - Zündfunk


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Buch "Homopunk History" Wie schwul ist Punk? Und wieviel Punk steckt in Queerness?

Wie verhält sich Punk zu Homosexualität? Und wie verhält sich Queerness zu Punk? Fragen, denen Philip Meinert in seinem Buch „Homopunk History“ nachgeht. Und damit eine Geschichte der Subkulturen erzählt, von Lou Reed bis Against Me!

Von: Klaus Walter

Stand: 12.04.2019

„Bereits in den Siebzigern war Lou Reed nicht besonders darauf bedacht, Homosexualität als etwas Positives darzustellen. Im Gegenteil: In seiner dunklen Welt war es nach wie vor etwas Verruchtes und Anrüchiges. Als Role Model schwuler Emanzipation eignet sich Reed daher nicht, auch wenn er mit »Make-up« auf dem »Transformer«-Album eine einzelne rührende Solidaritätsbekundung an die aufkommende Schwulenbewegung der frühen Siebziger gesendet hat. Trotzdem hat er den Grundstein dafür gelegt, dass der Prä-Punk in New York etwas sehr Schwules werden sollte.“ Das schreibt Philipp Meinert in seinem Buch „Homo Punk History“, in dem Kapitel „Lou Reed, der bisexuelle Pate des Punk.“

Buchautor Philipp Meinert

Out of the closet, das ist die Umschreibung für das schwule Coming Out und ausgerechnet Lou Reed hat die schönste „Coming Out“-Hymne geschrieben. Meint zumindest Wolfgang Müller von der Gruppe Die Tödliche Doris. Die Tödliche Doris gehört zu den sogenannten „Genialen Dilletanten“, eine Westberliner Kunstbewegung, die in den frühen Achtzigern einen ganz speziellen Seitenstrang der deutschen Punkgeschichte repräsentiert. Wolfgang Müller ist einer von vielen Musikerinnen und Musikern, die Philipp Meinert für seine „Homo Punk History“ interviewt hat. Im Westberlin um 1980 bewegt sich Müller in den verschiedenen Szenen zwischen Schwulen und Punks und auch schwulen Punks. Das fehlende Pathos mache den Song „Make Up“ von Lou Reed zum Evergreen, sagt Müller. Und kompatibel für alle, nicht für eine bestimmte Gruppe. Müller ist schwul, begreift sich aber nicht als ausdrücklich schwulen Musiker. Damit weist der Künstler eine eindeutige identitäre Zuschreibung zurück.

Wie verhält sich Punk zu Homosexualität?

Nein, ich würde nicht sagen, dass es schwule Musik gibt, es gibt natürlich Leute, die das glauben oder behaupten, sollen sie auch, ich glaub das nicht. Es gibt nur Kunst und Musik. So eine Identitätskonstruktion ist immer fragwürdig.“ Das ist Wolfgang Müllers Antwort auf eine der zentralen Fragen der Homo Punk History: Gibt es schwule Musik?

Andere Fragen lauten: Wie verhält sich Punk zu Homosexualität? Wie verhält sich Homosexualität zu Punk? War und ist die Punkszene offener gegenüber Schwulen Lesben und Queers als der Rest der Gesellschaft?

Diese Fragen ziehen sich durch Philipp Meinerts „Homo Punk History“, aber sie werden nicht eindeutig beantwortet. Dafür sind seine Protagonistinnen viel zu verschieden, dafür ist der zeitliche Horizont seiner Recherche viel zu weit. Zwischen Lou Reed und Against Me! liegt ein halbes Jahrhundert. Ein halbes Jahrhundert, in dem Punk mal am linken Ende des politischen Spektrums stand, aber auch mal am rechten. Um die „Homo Punk History“ in all ihren Facetten und Widersprüchen zu verstehen, müssen wir uns verabschieden von liebgewonnenen Annahmen und Zuschreibungen: zuallererst von der Vorstellung, dass Punk per se immer auf der Seite der Schwachen und Benachteiligten steht, und dass Punks per se toleranter sind gegenüber Leuten, die von der Heteronorm abweichen.

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