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Nahostkonflikt Warum die BDS-Bewegung die Pop-Welt spaltet

Künstler im Stellvertreterkrieg: Aus Protest gegen die Siedlungspolitik Israels boykottieren BDS-Aktivisten und Künstler Veranstaltungen in Israel – und setzen andere Kollegen unter Druck. Umgekehrt werden aber auch die Boykotteure selbst zu Boykottierten.

Von: Robert Rotifer

Stand: 02.11.2018

Der Nahostkonflikt hat längst die Musikwelt erreicht. Wie in einer Art Stellvertreterkrieg streiten sich Popstars, wenn es um Auftritte in Israel geht. Zuletzt waren Lana del Rey, Lorde, Nick Cave und Radiohead in den Schlagzeilen, weil sie in Israel spielen wollten. Im Gegenzug wiederum wird BDS-Aktivist*innen wie Roger Waters oder Brian Eno Doppelmoral vorgeworfen. Was ist da los?

Es war ja alles relativ einfach, in den letzten paar Jahrzehnten. Im Grunde waren wir immer ein Team gewesen, die angelsächsische Popkultur und wir, ihre Konsumentinnen und Adaptierer. Sicher, manchmal nervte Bono, dann verlor wieder Neil Young den Weg, aber im Großen und Ganzen ging es immer nach vorn in Richtung eines diffusen "make this world a better place", ja manchmal sogar ganz konkret, gegen diesen und jenen Krieg, gegen Apartheid, für die Rechte diskriminierter Minderheiten. Man konnte sich gemeinsam mit der internationalen, sprich angloamerikanischen Popwelt auf der Seite der Gerechten sehen.   

Seit wann befindet sich die Popwelt im Grabenkampf?

Und jetzt? Was vereint bisher für ihren Scharfsinn geschätzte Künstler wie Brian Eno, Peter Gabriel, Stevie Wonder, Thurston Moore, Billy Bragg, Elvis Costello oder Tom Morello? Kampferprobte, kluge Feministinnen wie Kathleen Hanna, Cat Power, Annie Lennox und Kate Tempest? Verlässliche Helden der Neunziger wie Massive Attack, Portishead und Tindersticks? Junge Elektronikerinnen und DJs wie Honey Dijon, The Black Madonna, Laurel Halo, Caribou und Four Tet? Ja, was vereint selbst Dave Gilmour und Roger Waters? Und was entfremdet sie von Kollegen wie Nick Cave, Radiohead, Lady Gaga, Paul McCartney, dem LCD Soundsystem und - nicht zuletzt - dem Konsens der deutschsprachigen Öffentlichkeit?

Was bringt Menschen, die dieselbe Musik lieben, dazu, einander in den Medien gegenseitig auf wüsteste Weise der Bigotterie zu bezichtigen? Du "Antisemitin" und du "Rassist"? Da sollte ich wohl fairerweise bei mir selbst beginnen: Ich, weißer, älter werdender Mann, vor viel zu langer Zeit geboren in Wien als Kind agnostischer Eltern, aber rein technisch gesehen Jude dank meiner mütterlichen Herkunft, habe Verwandtschaft in Israel, mit der sich meine Großeltern bei gegenseitigen Besuchen oder in Briefen immer wieder in die Haare kriegten. Vor allem über die Rolle Israels.

Petitionen statt Argumente

22 Jahre lebe ich nun schon in England, und seit es soziale Medien gibt, beobachte ich auf meiner Timeline die diametral entgegengesetzten Wahrnehmungen in meinen beiden Filterblasen, der deutsch- und der englischsprachigen, insbesondere dann, wenn es in den von Israel besetzten Gebieten wieder einmal zu Kämpfen und Konflikten kommt: Die erfahrungsbedingt große Skepsis vor jeder Art von Kritik an Israel auf der deutschen Seite, und im Kontrast dazu die pro-palästinensische Linie unter progressiven Briten und Amerikanern, die sich in Opposition zur Israel-freundlichen Staatsräson ihrer eigenen Regierungen sehen. Um in meiner Erkundung hier weiter zu kommen, musste ich also die britische mit der deutschen Seite meiner Timeline konfrontieren. Beginnend im August, schrieb ich all die für die Befreiung der Palästinenser engagierten Künstler an, von Brian Eno über Richard Dawson, von Kieran Hebden alias Four Tet über Gwenno Saunders und Kate Tempest bis zu Ben UFO, Portishead, Young Fathers, Wolf Alice, Shame und so weiter. Aber alle, alle stellten sich entweder taub oder wollten nicht reden. Vielleicht ja auch, weil sich hier mittlerweile herumgesprochen hat, dass deutsche Medien BDS-Unterstützern grundsätzlich Antisemitismus vorwerfen. Und damit argumentativ umzugehen, ist was anderes, als eine Petition zu unterschreiben.

Der Autor Robert Rotifer, der als Exil-Wiener in Großbritannien diese Auseinandersetzung von beiden Seiten erlebt, versucht in seiner Reportage über die Schwarzweißmalerei der Scharmützel in sozialen Medien hinauszugehen und die nicht selten von den jeweiligen Identitäten der Wortführenden gefärbten Argumente hinter BDS und dessen Ablehnung einmal genauer zu durchleuchten. Zu Wort kommen dabei Musiker*innen wie Rrose, die Young Fathers, Damon Albarn, die Dokumentarfilmerin und Artists for Palestine-Aktivistin Jenny Morgan, aber auch Susanne Kirchmayr von der feministischen Plattform female:pressure und der anglophile Kölner Kulturjournalist Christian Werthschulte.

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